Zuletzt aktualisiert am 3. Juni 2017 um 0:21

Sternstunde in Basel: Die Fondation Beyeler zeigt eine Jean-Dubuffet-Retrospektive. Dabei wollte ich erst gar nicht hin, denn beim Namen Jean Dubuffet poppte in meinem Kopf ein unattraktives puzzeliges Gekritzel auf, das wenig Lust auf mehr machte. Wie armselig und eindimensional! Aber: Wie großartig und unvergleichlich, was eine gute Ausstellung ihren Besuchern mitgeben kann!

355bNatura genitrix, 1952

Zuerst spachtelt er, setzt dicke, dreidimensionale Schichten von Ölfarbe auf die Bildfläche, kratzt Formen hinein, fügt Sand und andere Materialien zur Farbe hinzu, sodass die Bildfläche immer mehr zum Relief wird. Als Jean Dubuffet das tut, ist er schon 41 und blickt auf eine Laufbahn als Weinhändler zurück. Seine Bilder scheinen die tiefen Schichten des Bodens aufzureißen und sich in ihre Formen und Farben hineinzuversenken. Ob es wirklich eine Verbindung zwischen der Hochschätzung der Erde durch den Weinhändler und seiner erdigen Kunst gibt, wie ich irgendwo gelesen habe, weiß ich nicht, aber die Assoziation ist bestechend.

362bTerre orange aux trois hommes, 1953

Dubuffet entdeckt die Wüste für sich und kratzt archaische, Strichmännchen-artige Menschenfiguren in seine rote Erde aus Ölfarbe. Es gibt eine Form von gewolltem Primitivismus, die nervt – gemäß dem Sprichwort „Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt“. Irgend so etwas hätte ich auf der Grundlage meines eigenen schmalspurigen Jean-Dubuffet-Bilds erwartet. Und finde nichts davon! Dieser Künstler nähert sich seinen Sujets mit ernsthafter Radikalität, was für einen Avantgardisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht einfach ist, nachdem die Avantgarden der klassischen Moderne schon unzählige Bildkonventionen dekonstruiert haben. Statt postmodern zu zitieren, was schon da ist, macht er sich noch einmal richtig ans Eingemachte.

367cJ’habite un riant pays, 1956

Die Fondation Beyeler nennt ihre Ausstellung „Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft“, denn die Landschaft scheint eine Art elementarer Ur-Materie für diesen Künstler zu sein. Mit der kann er so ziemlich alles anstellen. Nachdem er einige Jahre gespachtelt, gegraben und gekratzt hat, beginnt er zu collagieren: malt Bilder und zerschneidet diese dann, um aus ihren Bestandteilen neue Naturen zusammenzusetzen. Das ist nicht selten zauberhaft-filigran und führt bei mir zu einem Ich-kann-mich-nicht-sattsehen-Effekt.

377bLe commerce prospère, 1961

Aber Jean Dubuffet bleibt dabei nicht stehen, seine nächste Landschaft ist die Stadtlandschaft. Aus hunderten kleiner Szenen und Strichmännchen setzt er ein Paris zusammen, dessen strukturelle Unübersichtlichkeit, kompositorische Anti-Logik und naive Figurendarstellung eine Wonne sind und an spätere Künstler wie Jean-Michel Basquiat und Keith Haring denken lassen.

387bMonument à la bête debout (Maître modèle), 1969/1983

Und dann, schließlich, kommen die Arbeiten aus dem Zyklus „L’Hourloupe“, denen mein mentales Dubuffet-Klischeebild unrecht getan hatte: von kräftigen Linien eingefasste abstrakte Elemente, die Dubuffet entweder im Raum als Skulptur oder in der Fläche als Bild wie dynamische Puzzles zusammensetzt. Sie sind viel großartiger, als ich dachte; neuartige Landschaften aus ganz eigenen Elementen. Am spektakulärsten zeigt sich dieses Prinzip bei den Kulissen zu Dubuffets Bühnenstück „Coucou Bazar“, die in der Ausstellung sowohl gezeigt als auch zu bestimmten Zeiten immer wieder animiert werden. (Ein ausführlicher Artikel zu „Coucou Bazar“ findet sich auf dem Blog MusErEeKu.)

403bBewegliche Kulissenbilder zu Coucou Bazar, 1972-73

Gut drei Stunden braucht man von uns aus mit der Bahn nach Basel. Mal sehen, ob ich es schaffe, nochmal mit den Kindern in die Fondation Beyeler zu fahren, solange Jean Dubuffet läuft. Dubuffets Labor der künstlerischen Möglichkeiten, dessen Ergebnisse die Ausstellung so einleuchtend präsentiert, wird ihren Sinn für kreative Freiheit und Vielseitigkeit ziemlich sicher ansprechen. Der Impetus hinter den gespachtelten und collagierten ebenso wie hinter den urbanen Landschaften erschließt sich dank seiner Intensität ziemlich direkt: Hier versucht einer, so unmittelbar wie möglich an die Sache, die ihn beschäftigt, heranzukommen. Die „L’Hourloupe“-Puzzlegebilde hingegen sind eine andere Geschichte: eine Art wilder Befreiungsschlag, mit dem plötzlich ein comicartiger Duktus ins Bild kommt, der sich allen Konventionen verweigert und auch heute noch ziemlich cool herüberkommt.

INFO:
Die Ausstellung „Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft“ läuft noch bis zum 8. Mai 2016 in der Fondation Beyeler in Riehen, einem Vorort von Basel. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht man sie am einfachsten vom Badischen Bahnhof im Basel, an dem die meisten Züge aus Deutschland ankommen. Etwa 15 Minuten dauert die Fahrt mit der Straßenbahn Nr. 6 in Richtung Riehen Grenze bis zur Haltestelle Fondation Beyeler.