E-1027
Sollte ich einen Bau nennen, der schlagartig stimmungsaufhellend, befreiend und inspirierend wirkt, dann wäre es E-1027: die modernistische Villa, die Eileen Gray vor rund 100 Jahren entworfen hat und die sich immer noch avantgardistisch anfühlt.
Eileen Gray, Jean Badovici und der Hang über dem Mittelmeer

Eine Frau baut eines der schönsten Häuser der Moderne, und wann immer seine Geschichte erzählt wird, dreht sie sich zu großen Teilen um Männer.
Die Frau ist die irische Architektin Eileen Gray. In den Jahren 1926 bis 1929 errichtete sie an einem zitronenbewachsenen Hang über dem südfranzösischen Mittelmeer die Villa E-1027: als Rückzugsort für sich und den Journalisten Jean Badovici. E-1027 ist denn auch ein Code, der sich zusammensetzt aus einem E für Eileen und den Stellen im Alphabet, den die Initialen beider Namen einnehmen.
Badovici ist der erste prominente Mann im Narrativ dieser Villa. Die Theorien über das Verhältnis zwischen der 1878 geborenen Irin und dem 15 Jahre jüngeren Rumänen sind integraler Bestandteil der Legende um den Bau. Wäre hier keine Architektin, sondern ein Architekt am Werk gewesen, würde die Nachwelt das Private mit größter Wahrscheinlichkeit deutlich weniger in den Fokus rücken.
Architekturikone zwischen Sträuchern

Auch ich habe die Story eines schillernden Avantgarde-Paars im Hinterkopf, als ich mich auf den Weg zur Villa mache. Eileen Grays Architekturikone ist der vielleicht entscheidende Dreh- und Angelpunkt meines zweiwöchigen herbstlichen Solotrips entlang der Côte d’Azur.
Von Nizza nehme ich einen kleinen Zug nach Roquebrune-Cap-Martin, wo direkt am Bahnhof das Informationszentrum des Cap Moderne liegt. Denn Roquebrune ist nicht nur aufgrund von Eileen Gray ein wichtiger Schauplatz der klassischen Moderne. Le Corbusier – zu ihm später – hat in unmittelbarer Nachbarschaft eine kleine Künstlerklause namens “Cabanon” sowie eine Anlage von fünf Ferienunterkünften gebaut. Dieses ganze Ensemble von Bauten umfasst die geführte Tour, die ich gebucht habe, und außerhalb derer man E-1027 nicht besuchen kann.
Vor 2021 war Eileen Grays Villa gar nicht zugänglich. Sie hatte nach der Zeit von Gray und Badovici ein recht wechselvolles und wahrlich nicht immer denkmalgerechtes Schicksal erfahren, wurde schließlich jedoch mit viel Sorgfalt restauriert und befindet sich heute im Besitz des französischen Staats.
Um vom Informationszentrum zu den Bauten des Cap Moderne zu gelangen, müssen wir zunächst einmal einen kleinen Fußmarsch oberhalb des Mittelmeers zurücklegen. Hier gab und gibt es keinen Platz für eine befahrbare Straße. Der Moment, in dem mitten zwischen den Büschen, Kräutern und Sträuchern, durch die wir uns hier bewegen, irgendwann ein weißer Kubus aufscheint, ist eines der Highlights meines Lebens als Architekturtouristin.
Lachen verboten

Wir gehen ein paar Treppenstufen am Hang hinunter. Betreten von einer ersten Veranda mit Küchenfunktionen die eigentliche Küche. Der Übergang zwischen Außen und Innen ist fließend, und es stellt sich die Frage: Ist Eileen Gray die Erfinderin der Outdoor-Küche, die 100 Jahre nach der Konstruktion von E-1027 der letzte Schrei ist?
Eine Frage, die sich von selbst beantwortet, ist die nach Eileen Grays Heißgetränk-Präferenzen. Die Ansammlung von Teekannen, die mich persönlich überaus erfreut, spricht von der Treue der Irin zum Tee. Nicht nur die Küche verrät etwas über die Herkunft der Designerin, sondern auch die Tatsache, dass die Struktur des Hauses die Existenz einer Hausangestellten vorsieht. Eileen Gray entstammte einer aristokratischen Familie, Geld und Lebensstandard waren stets in hohem Maße vorhanden.
Auch über die künstlerischen Einflüsse, die die Designerin inspirierten, erzählt die Küche einiges: Die geometrischen Farbflächen und die strenge weiße Regalstruktur erinnern an die Gestaltungsprinzipien der 1917 gegründeten niederländischen Avantgarde-Bewegung De Stijl. Mit deren Konzepten setzte Eileen Gray sich intensiv auseinander, auch ihr Besuch des Rietveld-Schröder-Hauses in Utrecht ist verbrieft. Über dieses Haus gibt es auf diesem Blog einen eigenen Artikel.

Nach dem Entrée mit der gestencilten Regieanweisung “entrez lentement” sorgen gebogene Wände tatsächlich für einen langsamen Eintritt ins Innere des Hauses. Die nächste auf die Wand applizierte Regel findet sich bereits hier: “défense de rire” – Lachverbot. Unter einer konstruktivistisch-nackten Lampenkonstruktion wirken diese Worte ganz wunderbar. Irischer Humor? Rumänischer?
Einer der entspanntesten Räume der Weltarchitektur



Schließlich die ersten Schritte in das zentrale Wohnzimmer hinein. Es dürfte kaum irgendwo auf dieser Welt einen entspannteren Raum geben. Unprätentiös, komfortabel und elegant stehen die von Eileen Gray entworfenen Möbel auf der großzügigen gekachelten Fläche. Paravant-ähnliche Trennwände und unterschiedliche Fliesenfarben sorgen für Dramaturgien von Weite und Intimität. Immer wieder finden sich Blau-Weiß-Kontraste, die Muster der Textilien setzen maritime Akzente, ein großes Wandbild spielt mit Seekarten-Assoziationen.Wo immer möglich, ist der Raum offen zum Meer hin.
Nichts an diesem Ort wirkt schwer oder starr, alles mutet flexibel und mobil an. Die Einrichtungselemente scheinen darauf zu warten, sich den Bedürfnissen der Bewohner von Moment zu Moment anzupassen. Eileen Gray ist bekannt für raffinierte funktionale Lösungen, und E-1027 ist voll davon. Für konventionelles Mobiliar ist kein Platz, hier dient alles einem spontanen Wohlbefinden. Und wenngleich ich mich nur für ein kurzes Weilchen und noch dazu in Gegenwart mir unbekannter Personen in diesem Zimmer aufhalte, überträgt sich etwas von diesem Wohlbefinden auf mich. Fast scheint es mir wie ein Angebot: Schau mal, auch so kann man leben, ohne Überflüssiges und ohne eine Umgebung, die einen in irgendwelche Formen zwängt.
An diesem Ort kommt mir nichts unnötiger vor als die Frage nach der Beziehung zwischen Eileen Gray und Jean Badovici. Ist es nicht egal, ob es sich um eine klassische Paar-Historie handelte oder um irgendeine andere Form von Liebe? Starre Schubladen muten im Angesicht von Eileen Grays Raum-Kunstwerk ebenso sinnlos an wie wuchtige Biedermeiersessel.
Die Villa E-1027 und das Meer

Das Wichtigste allerdings, das, was diesem Haus seinen unvergleichlich befreienden Charakter verleiht, ist das Mittelmeer. “Maison en bord de mer” ist der bekannte Beiname der Villa. Aber eigentlich befindet sie sich nicht nicht nur am Ufer des Meeres. Sie ist ein Teil von ihm. Oder, genauer: Das Meer ist ein Teil dieses Hauses, erfüllt es mit seiner Luft, seinem Licht und der Präsenz seines Wassers, von denen man im Inneren nur durch eine textilbespannte Reling getrennt ist. Die zieht sich an der ganzen Uferseite des Baus entlang und wirkt durch ihre textile Einrahmung eher wie eine Haut zwischen Haus und Meer an als wie eine gebaute Substanz. Das Material hat etwas von Zeltstoffen, doch dank seiner Vertäuung an Metallstangen und dem überall sichtbaren Wasser lässt die Konstruktion eher noch an Boote denken.


Diese Assoziation ist kein Zufall: an der Außenseite der blauen Reling hängt sogar ein kleiner weißer Rettungsring. Verschiedene Treppen führen hinunter auf eine Terrasse, die mir ein bisschen wie ein Unterdeck vorkommt. An ihrer Seite befindet sich eine Open-Air-Dusche: Das Ganze ist gestaltet als idealer Ausgangspunkt, um kurz ins Wasser zu springen und eine Runde im Meer zu schwimmen.
Das Ende einer Epoche und die Ironie der Geschichte

Es kam eine Zeit, zu der Eileen Gray nicht mehr von der Terrasse der Villa zum Meer lief. Um das Jahr 1932 fand ihre Beziehung zu Badovici ein Ende. Sie überließ ihm das Haus, baute sich selbst ein noch abgeschiedeneres und beendete damit eine Epoche.
Für das Haus begann eine neue Epoche. Jean Badovici verbrachte seine Sommer weiterhin hier, außerdem empfing er gerne Künstlerfreunde. Einem von ihnen, Le Corbusier, stellte er E-1027 für längere Aufenthalte zur Verfügung. Der große Mann der modernen Architektur fand sich hier in einem Bau, der in mancher Hinsicht zwar an seine eigenen Entwürfe erinnerte, in seiner Ausstrahlung und seinen Details jedoch weit entfernt war von den schematischen Ideen von einem Haus als einer “Wohnmaschine”, die Le Corbusier berühmt gemacht hatten.
Eileen Grays Villa war eher etwas wie ein organisches Wesen zum Darin-Wohnen. Und Le Corbusier fühlte sich offenkundig wohl. Ein Grund dafür war die wunderbare Lage, die ihn dazu animierte, wenige Meter weiter oben am Hang später selbst sein Künstler-“Cabanon” und seine Ferien-“Cabines” zu bauen.
Zuvor jedoch rückte er der Villa von innen auf die Pelle. Le Corbusier entdeckte seine Liebe zur Wandmalerei – ein Genre, das er jahrelang verachtet hatte -, und er nutzte Eileen Grays schlichte Wandflächen als Leinwände. Abstrakte Riesentableaus erschienen in dem luftigen Haus, maskuline Formen mit eindeutig sexuellen Konnotationen. Massig schoben sie sich in die leichte Transparenz der Gray’schen Villa.

Le Corbusier war berühmt. Er trat mit den Wandgemälden an die Öffentlichkeit. Der Name der Architektin des Hauses, das er auf diese Weise zum Talking Piece machte, geriet in den Hintergrund, wurde zeitweilig vergessen. Als sie von den Malereien erfuhr, war sie erschüttert: Man hatte ihrem Werk Gewalt angetan.
Heute ist Eileen Grays Position als eine der größten Designerinnen und Architektinnen des 20. Jahrhunderts unumstritten. Von der Villa E-1027 wird trotzdem selten gesprochen, ohne dass Le Corbusier Erwähnung findet. Seine Bilder sind immer noch da, und sie werden bleiben, denn sie stehen unter Denkmalschutz. Wodurch sie seltsamerweise doch nützlich waren für Eileen Grays Werk, denn ohne diese denkmalgeschützten Wände wäre ihr Haus am Meer möglicherweise komplett verfallen. Ironie der Geschichte – und ein sehr plastisches Beispiel für die unterschiedliche Wertschätzung, die Frauen und Männer jahrhundertelang für ihre Arbeit erfahren haben.







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