Zwei bunte, poppige, unkonventionelle Ausstellungshighlights in Paris: „Beauté Congo“ mit moderner Kunst aus der Demokratischen Republik Kongo in der Fondation Cartier und „Hey! Modern Art & Pop Culture / Act III“ in der Halle Saint Pierre. Natürlich hatten die Pariser ihre Kinder dabei, die nehmen sie ganz selbstverständlich mit ins Kunstmuseum. Ich hingegen habe mich geärgert, dass ich meine Töchter nicht mit in Paris hatte. Deshalb hier: Was ich ihnen in den beiden Kunstschauen gern gezeigt hätte – weil ich es für Kinder und Erwachsene gleichermaßen spannend finde.

FONDATION CARTIER: BEAUTÉ CONGO

P1090998b„Skol Primus“ von Moké, 1991

Afrika ist für die Franzosen aufgrund ihrer Kolonialgeschichte viel näher als für uns. Eine Ausstellung wie „Beauté Congo“, deren Dauer aufgrund des großen Besucherinteresses verlängert werden musste, bekommt man in Deutschland nicht so leicht zu sehen. Schon allein für einen kleinen Afrika-Eindruck lohnt sich der Besuch.

Dass es in einer großen afrikanischen Stadt wie Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, bunt zugeht, dachten wir uns. Wie bunt und wie cool das Leben dort allerdings sein kann, führen die schrillen, unakademischen, vom Alltag der Straße inspirierten Bilder der Ausstellung vor Augen. Womit auch gleich das gängige Vorurteil von der so gefährlichen wie deprimierenden afrikanischen Großstadt ein wenig korrigiert wäre.

IMG_1118b„SAPE“ von Chéri Chérin, 2011

Kein deutsches Kind und kaum ein deutscher Erwachsener weiß, was „La Sape“ ist, beziehungsweise, wodurch sich ein „Sapeur“ auszeichnet. Ein Sapeur ist ein kongolesischer Dandy, der entweder in seinem Heimatland oder auch in Paris lebt und der ganz und gar für seine elegante Garderobe existiert. In der Fondation Cartier sieht man nicht nur, wie diese Sapeurs sich anziehen, sondern außerdem ihren umwerfenden Humor, der sich auch auf ihre eigene Rolle erstreckt.

Übrigens habe ich unter den Ausstellungsbesuchern zwar keine Sapeurs gesehen, aber sehr viele afrikanischstämmige Familien. Ich hätte mich gefreut, wenn nicht nur ich, sondern auch meine Kinder diese Hautfarbenmischung in einem europäischen Kunstmuseum erlebt hätten.

IMG_1111b„Un vieil enfant“ von Chéri Samba, 2010

Coolness hin, Lässigkeit her: Zu Afrika gehören überlieferte Mythen, Farben und Bilder. Die zeigt „Beauté Congo“ in herrlich aufgefrischter Form.

IMG_1138bSylvestre Kaballa, 1957

Wer wusste eigentlich, dass es in der Demokratischen Republik Kongo seit den 20-er Jahren eine moderne Kunstbewegung gab? Die Bilder der frühen, weniger poppigen Moderne dieses Landes sind ein Traum mit ihren Naturmotiven, die in abstrakte Strukturen hineinspielen und übergehen.

IMG_1113b„Little Kadogo, I am for Peace, That is Why I Like Weapons“ von Chéri Samba, 2004

Bei alledem verschweigt niemand, dass auf dem afrikanischen Kontinent keineswegs alles Pop und Party ist. Auch politische Probleme werden thematisiert – allerdings ohne den kolonialistisch-mitleidigen Blick des Europäers.

INFO: Die Ausstellung „Beauté Congo – 1929-2015 – Congo Kitoko“ ist bis zum 10. Januar 2016 in der Fondation Cartier pour l’art contemporain am Boulevard Raspail im 14. Arrondissement von Paris zu sehen. Von der Métro-Station Raspail ist die Fondation in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen.

HALLE SAINT PIERRE: HEY! MODERN ART & POP CULTURE / ACT III

P1100071bThomas Woodruff

Dies ist Paris: eine der bedeutendsten Kulturstädte der Welt, die bei aller Hochkultur so aufgeschlossen ist, dass sie einer poppigen, von der Subkultur inspirierten, oft kitschigen und sentimentalen Lowbrow-Kunst eine große Schau in einer Ausstellungshalle widmet, die sich ganz der nicht-akademischen, naiven und Outsider-Kunst verschrieben hat. Im übrigen nicht nur eine Schau: Die aktuelle „Hey!“-Ausstellung ist die dritte in einer Serie.

P1100072bMark Ryden

Und weil es halt Paris ist, sind hier Bilder von der absoluten Crème de la crème unter den nicht-akademischen Künstlern zu sehen – zum Beispiel von Mark Ryden, dem Star des Pop Surrealism.

Ununterbrochen fragt man sich: Ist das noch Kitsch oder schon Kunst, noch Kunst oder schon Kitsch? Und spürt das in mancher Hinsicht befreiende Wegfallen klarer Trennlinien. Was für Kinder heißt: Museumskunst muss nichts Abgehobenes sein, sondern sie ist manchmal sogar eine Verwandte von Disney-, Trash- und Comic-Ästhetik.

IMG_1195bAlbert Sallé

Kann irgendwer Spielzeugwelten widerstehen? Schaukästen voller winziger Szenerien, die beleuchtet sind und in denen es sich bewegt? Man muss wirklich kein Kind sein, um sich an den Miniaturtheatern von Albert Sallé zu erfreuen, aber für Kinder sind sie trotzdem ein Fest.

P1100066bBenoît Huot

Bad taste? Gibt’s in Hülle und Fülle! Und man darf ruhig auch mal darüber lachen.

IMG_1189bRon English

Spielzeugwelt trifft Horror-Ambiente trifft Konsumterror – als würden wir dieser Mischung aus Spaß und Grauen nicht ständig in Erzeugnissen der Unterhaltungsindustrie begegnen. Sieht man sie allerdings im Museum, schaut man plötzlich mit schärferem Blick hin.

INFO: Die Ausstellung „Hey! Modern Art & Pop Culture / Act III“ ist noch bis zum 13. März 2016 in der Halle Saint Pierre unterhalb der Kirche Sacré-Cœur im 18. Arrondissement von Paris zu sehen. Von den Métro-Stationen Barbès-Rochechouart oder Anvers ist die Ausstellungshalle in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen.

Bilder ganz oben: „La Nostalgie“ (links) und „Kiese na kiese“ (rechts) von JP Mika, beide 2014