Finnland ist ein erstklassiges Kinder- und Jugendbuchterrain: einerseits als Herkunftsland einzigartiger Autoren, andererseits als Setting für spannende oder kuriose Romane. Und zwar nicht nur dank der Mumins von Tove Jansson, den wohl berühmtesten Finnland-Büchern der Welt.

I. DREI FINNLAND-KINDERBÜCHER

Tove Jansson: WINTER IM MUMINTAL (Arena Verlag)

Sie ist die Größte unter den finnischen Kinderbuchautoren und eine der Größten unter den Kinderbuchautoren dieser Welt: Tove Jansson, die schwedischsprachige Finnin, die von 1914 bis 2001 lebte und die Kinderliteratur mit ihren Mumin-Büchern um Gestalten und Geschichten bereicherte, die die Jahrzehnte mühelos überdauern. Tove Jansson hat von den Mumintrollen und ihren Freunden – einem Kosmos von ihr erfundender Fantasiewesen – nicht nur erzählt, sondern sie auch gezeichnet. Ihr Mumin-Œuvre umfasst Romane, Bilderbücher, Comics. Die Bedeutung der Mumin-Literatur sprengt die Möglichkeiten eines Blogartikels, weshalb ich mich hier auf die Empfehlung eines persönlichen Favoriten beschränke: auf den 1957 erschienenen Roman WINTER IM MUMINTAL. Wie die anderen Mumin-Geschichten gilt er als Buch für Kinder ab etwa acht Jahren und funktioniert auch als solches – ich habe ihn meinen Töchtern vorgelesen, als sie im Grundschulalter waren, und er bleibt mit seiner eisigen Atmosphäre und seinen Schilderungen von Einsamkeit, Gefahr und Freundschaft unvergessen. WINTER IM MUMINTAL ist ein bisschen weniger gemütlich als die meisten anderen Mumin-Romane, in denen die Muminmutter Kakao kocht und alle sich immer wieder im heimeligen Muminhaus von ihren Abenteuern erholen, aber mit seiner dunklen, vom finnischen Winter inspirierten Poesie besitzt er eine Färbung, die ihn zu einem Finnland-Buch für alle Generationen macht. Nun mag man das von allen Mumin-Romanen sagen – wer sie vorliest, weiß, dass ihre literarischen Qualitäten auch Erwachsene beglücken. Wer ein erstes Mumin-Buch sucht, um es seinen Kindern zu schenken oder vorzulesen, dem sei denn auch das leichtere DIE MUMINS. EINE DROLLIGE GESELLSCHAFT ans Herz gelegt. Wer aber Kinder hat, die bereits vertraut sind mit den Mumins, wer sich selbst als Erwachsener einlesen will, wer den Winter liebt und Finnland noch dazu, der lese WINTER IM MUMINTAL und trinke dazu heißen Kakao.

Tove Jansson: Winter im Mumintal

Zunächst war Tove Jansson Künstlerin. Ihre Mumin-Illustrationen sind mindestens so berühmt wie die Geschichten

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Timo Parvela: ELLA IN  DER SCHULE (Hanser Verlag)

Ella ist in der ersten Klasse, und da gehört sie auch hin – zumindest in ELLA IN DER SCHULE, dem ersten Band der in Deutschland wie Finnland sehr erfolgreichen Ella-Reihe des finnischen Schriftstellers Timo Parvela. Allerdings Ella und ihre Mitschüler bleiben auch in den darauffolgenden Jahren und Bänden mitsamt dem Lehrer stets in der ersten Klasse: Der Aufstieg klappt nicht nach Plan. Das macht aber nichts, denn Ella und ihre Freunde sind glücklich miteinander, und ihren Lehrer lieben sie. Seine Gestalt hat mit den flexiblen und kompetenten Pädagogen des weltweit gerühmten finnischen Schulsystems wenig gemein. Dafür jedoch erfüllt er mit seiner steten Verzweiflung, seiner Überforderung und Neigung zu kindisch-absurden Projekten jeden Anspruch, den man überhaupt nur an den schrägen finnischen Humor haben kann. Die hanebüchenen Dinge, die in Ellas Schulleben passieren, sind oft – wiewohl nicht immer – wegen der vernagelten Erwachsenen witzig, allerdings sind die Kinder genauso komisch. In ihrer schnell getakteten Folge aberwitziger Episoden erinnern die Ella-Bücher gelegentlich an den kleinen Nick. Gedacht ist die Reihe, aus der mittlerweile 14 Romane auf Deutsch bei Hanser erschienen sind, eigentlich für Grundschulkinder ab etwa sieben Jahren, aber unsere Familie hat diesbezüglich ein ähnliches Problem wie Ellas Klasse mit der Versetzung: Wir bleiben einfach Grundschulkinder. Noch immer lese ich meinen mittlerweile teenageralten, höchst lesefähigen Töchtern jedes neue Ella-Buch vor, noch immer bekomme ich manche Sätze vor Lachen nicht heraus. Womit diese Bücher auch noch gesund wären.

Ella in der Schule

Zuständig für die Illustrationen der Ella-Bücher ist Sabine Wilharm

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Salah Naoura: MATTI UND SAMI UND DIE DREI GRÖSSTEN FEHLER DES UNIVERSUMS (Beltz & Gelberg)

Matti und Sami sind Brüder. Sie leben in Deutschland, sind aber nur zur Hälfte deutsch. Ihr Vater ist ein filmreifer Bilderbuchfinne: schweigsam, melancholisch, pausenlos rauchend. Matti, der Ältere und Ich-Erzähler, will nach Finnland, wo er noch nie war, doch das Geld der Eltern reicht nicht, und überhaupt ist die Stimmung in der Familie nicht besonders. Matti weigert sich, alles auf sich beruhen zu lassen, was die Erwachsenen als unvermeidliche Selbstverständlichkeiten hinstellen. Er findet eine List, mit der er die Familie nach Finnland lockt – eine riskante List, die er auf einem Kartenhaus aus Lügen aufbaut. Salah Naoura ist ein Deutscher, der auf seine Weise von Finnland erzählt: von einem Land, in dem die Menschen zwar nicht besser und die Städte nicht schöner sind als bei uns, in dem man sich zwischen Seen und Birken aber plötzlich nicht mehr so sehr über Alltagsdinge aufregen kann wie in Deutschland. So unverblümt sagt Salah Naoura es natürlich nicht; stattdessen erzählt er mit viel Witz: von Eltern und Kindern, von menschlichen Schwächen und Schrulligkeiten, von Träumen, Freundschaft und Ferien. Und er erzählt so, dass manch ein Leser ab ungefähr neun vielleicht nach der Lektüre von MATTI UND SAMI UND DIE DREI GRÖSSTEN FEHLER DES UNIVERSUMS nach Finnland möchte.

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II. DREI FINNLAND-JUGENDBÜCHER

Roddy Doyle: WILDNIS (cbj Verlag)

Wieder ein Buch, in dem ein Nicht-Finne von zwei Brüdern erzählt, die nach Finnland reisen. Der Autor ist diesmal der Ire Roddy Doyle, dessen Erwachsenenromane (z.B. „The Commitments“) ihn weltberühmt gemacht haben. Weniger bekannt ist, dass er auch Kinder- und Jugendbücher schreibt. Roddy Doyle ist nicht der einzige prominente Schriftsteller, der hinter WILDNIS steht: Aus dem Englischen übersetzt wurde es von Andreas Steinhöfel, der mit seiner Oscar-und-Rico-Trilogie in Deutschland Kinderbuchgeschichte geschrieben hat – so jedenfalls meine Meinung. Doyle und Steinhöfel zusammen sorgen für die coole, lakonische Lesbarkeit von WILDNIS. Tom und Johnny sind Iren, deren Mutter eine Auszeit von Patchworkfamilie und großer Stieftochter braucht und kurzerhand zusammen mit ihren Söhnen nach finnisch Lappland reist – mitten im Winter; an einen Ort, an dem Husky-Safaris angeboten werden. Das fremde Land und vor allem die niemals ganz zu zähmenden Hunde sind spannend für die beiden – bei ihre Mutter plötzlich bei einer Husky-Safari im winterdunklen Wald verlorengeht. Die anwesenden Erwachsenen versuchen, die Jungen zu beschwichtigen und ihnen den Ernst der Lage zu verheimlichen, aber sie beschließen, sich eigenmächtig aufzumachen in die Wildnis Lapplands: zu einer Suche, bei dem sie alles aufwenden müssen, was ihre Persönlichkeiten ausmacht, und an deren Ende sie viel gelernt haben über sich und über Familienzusammenhalt. Parallel erlebt auch die Halbschwester in Dublin entscheidende Dinge, trifft nach vielen Jahren ihre leibliche Mutter wieder, aber dieser zweite, schmalere Erzählstrang kommt nicht an das Lappland-Abenteuer heran. Wie bei Salah Naoura ist Finnland auch bei Roddy Doyle ein Ort, der ganz anders ist als das Zuhause und in dessen wilder Natur man viel leichter als in der gewohnten Umgebung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden kann. WILDNIS ist für Leser ab zwölf empfehlenswert.

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Emmi Itäranta: DER GESCHMACK VON WASSER (dtv)

In der dystopischen Welt der finnischen Autorin Emmi Itäranta gibt es kein Finnland mehr – nur noch die besetzten Gebiete der Skandinavischen Union. Dort, in einer Gegend mit finnischen Ortsnamen, lebt Noria. Sie ist die Tochter eines Teemeisters, der sie seine Kunst lehrt und dessen Nachfolge sie nach seinem Tod antritt. Ihre Teezeremonien entsprechen der japanischen Tradition, ohne dass Japan je erwähnt würde; die Gäste sind einflussreiche Vertreter der herrschenden politischen Mächte, die eine diktatorische Herrschaft über die Menschen und vor allem über deren Wasserverbrauch führen. Denn Wasser ist knapp und wird den Leuten nur in kleinen Rationen zugeteilt, auf Wasserverbrechen stehen hohe Strafen. Die Erinnerungen an eine Alte Zeit, in der es genügend Wasser, Schnee und Eis sowie eine Vielfalt von Rohstoffen gab, werden reglementiert, während die Mülldeponie eine unerschöpfliche Quelle von Schätzen aus Zeiten ist, in denen man so viel besaß, dass man es sogar wegwarf. Das Setting von DER GESCHMACK VON WASSER ist beklemmend und ziemlich überzeugend in seiner Darstellung einer Welt nach einer ökologischen Katastrophe. Das Leben von Noria und ihrer Freundin Sanja dreht sich zu großen Teilen um Trinkwasser: Noria weiß als Teemeisterin verbotenerweise um eine geheime Quelle, dank derer sie Sanja aushilft, die viel Wasser für die Pflege ihrer kranken Schwester benötigt. Schuldig machen sie sich damit beide, und noch weiter geraten sie in den Sog der Subversion, als sie auf Dokumente stoßen, die auf eine Geschichtsklitterung von Seiten der Mächtigen schließen. Emmi Itärantas Debütroman für Leser ab etwa 14 hat viel Lob erhalten, und in der Tat kreiert sie einen Kosmos, der sich von den Welten der bekannten Young-Adult-Erfolgsromane vor allem durch seine so stille wie bezwingende Atmosphäre unterscheidet: die finnische Variante des Themas Dystopie.

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Petteri Tikkanen: BLITZKRIEG DER LIEBE (avant Verlag)

Nur, damit keiner einen eventuellen Kauf bereut: Petteri Tikkanens Graphic Novel BLITZKRIEG DER LIEBE ist nur etwas für sexuell aufgeklärte Jugendliche. Und für Erwachsene

Aber keine Angst, man kann sie sich unbesorgt ins Bücherregal stellen. Es geht ums Coming of Age in der finnischen Provinz, um Mädchen, die schneller groß und schön werden als ihre männlichen Kindheitsfreunde, die gern groß und cool wären. Vom Beginn der Pubertät bis zur Militärzeit verfolgt Eero seine Sandkastenliebe Kanerva mit unerschütterlicher Zuneigung, versucht alles, nimmt Demütigungen in Kauf, gibt die Hoffnung nicht auf. Eeros Vater trinkt, seine Mutter ist ununterbrochen in Kreuzworträtsel und Klebealben vertieft, am intensivsten kommuniziert er mit dem Opa. Der ist ein supercooler Typ, allerdings schwer gezeichnet von den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs. Ansonsten gibt es in Eeros Leben eine Rockband, die Bushaltestelle, die zum nächstgrößeren Ort führt, und ein wenig Freiheit auf diversen zweirädrigen Gefährten. Wobei man in Finnland natürlich aufs Glatteis aufpassen muss. Besonders wortreich ist BLITZKRIEG DER LIEBE nicht, aber als besonders wortreich gelten die Finnen ja allgemein nicht unbedingt. Ich habe Kritiken gelesen, die Petteri Tikkanen eine mangelnde psychologische Ausarbeitung seiner Story vorwerfen, aber ich würde sagen, angesichts der Bände sprechenden Lakonie der Zeichnungen braucht man die wirklich nicht. Manchmal ist weniger mehr.

Petteri Tikkanen: Blitzkrieg der Liebe

Pubertät in der finnischen Provinz

Petteri Tikkanen

Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte

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