Die Ausstellung lag so komfortabel im Schweizer Nationalmuseum direkt neben dem Zürcher Hauptbahnhof. Und „Scherenschnitte“ klang gut in den Ohren von einer, die kindergeeignete Kunst, Paper Art und Kuriositäten mag. Die aber nie mit dem gerechnet hatte, was innen wartete: eine filigrane Miniaturschweiz voller Kunstfertigkeit, Einfallsreichtum und papierner Landeskunde.

Hauswirth

Der Alpaufzug, bewundernswert fein aus Papier geschnitten: ein quintessentielles Schweizer Kunstwerk, hier zu sehen in einer klassischen Version des Scherenschnitt-Meisters Johann Jakob Hauswirth von 1858. Volkskunst, entstanden in ländlichen Gebieten. Derartiges wäre in Deutschland eine Randerscheinung für Liebhaber; in der Schweiz ist es ikonisch. So sehr, dass es Künstler bis heute beschäftigt. Das Konzept der Zürcher Scherenschnitt-Ausstellung: Historische Schnitte sollten heutigen Scherenschneidern als Inspiration für eigene Werke dienen. Mit keinem setzten sich so viele aktuelle Künstler auseinander wie mit dem Alpaufzug. Manche der neuen Motive sehen den alten erstaunlich ähnlich, andere sind sehr zeitgenössisch – wie die „Symbiose“ von Heinz Pfister (Bild ganz oben), bei der die Kühe auf den Streifen eines schwarz-weißen Op-art-Kleides bergauf laufen.

Sigg

Solche Beobachtungen, das Schließen der Wissenslücke um den Scherenschnitt als Schweizer Spezialität und auch das Erstaunen darüber, dass der Alpaufzug es sogar auf eine Sigg-Flasche geschafft hat, sind Erwachsenensache. Kindersache ist so ziemlich alles in dieser Ausstellung: die volkstümliche Motivwelt, die Ausstellungssektion mit historischen und aktuellen Kinder-Scherenschnitten, aber vor allem die umwerfende Geschicklichkeit, mit der Mengen winzigster Kühe, Menschen, Bäume aus einem einzigen Blatt geschnitten sind. Der filigrane Spaß gerät sogar in Bewegung: in den Filmen von Lotte Reiniger, die die Ausstellung vorführt.

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Die 1899 geborene Berlinerin war eine Pionierin des Trickfilms. Ihre märchenhaften Animationsfilme verdanken sich einer Silhouettentechnik und wirken wie ein zauberhaftes bewegtes Schattentheater: einer von vielen Gründen, sich die Zürcher Scherenschnitt-Ausstellung zusammen mit Kindern anzuschauen. Sie läuft noch bis zum 19. April 2015, und ein Kinderareal mit Kuschelecke und Maltischen hat sie auch:

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