Vorher: Schlangestehen vor dem Grand Palais. Währenddessen: In den Menschentrauben vor den Vitrinen einen Platz ergattern, um Blicke auf die Bilder werfen zu können. Und dennoch: Die Hokusai-Schau im Pariser Grand Palais (noch bis zum 18. Januar 2015) ist eine der Ausstellungen, deren Besuch für mich zu den ganz großen Glückserlebnissen in Sachen Kunst gehört.

Denn der Unterschied zwischen den bekannten Hokusai-Reproduktionen und den Originaldrucken und -bildern des Japaners, der von 1760 bis 1849 lebte, ist immens. Die Zartheit von Hokusais Farben und Pinselstrichen wirft einen auch inmitten des Gedränges noch um, die Feinheit der oft epehmeren Motive und die Menge an winzigen Details muss man gesehen haben. Sage ich. Die 13-jährige Tochter drückt es etwas gönnerhafter aus: „Kann man mal gesehen haben.“ Vermutlich so eine Art Maximal-Lob aus dem Mund eines Teens, wenn es um von der Mutter angeleierte Ausstellungsbesuche geht.

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Allein die Tatsache, dass Hokusai eine Art Erfinder des Mangas war, ist ja schon ein guter Aufhänger für den Ausstellungsbesuch mit Kindern. Als der Meister in ganz Japan zu einem Vorbild für Künstler geworden war, erstellte er 15 Skizzenbücher mit Tausenden von Zeichnungen als Lehrbüchlein für seine Zeitgenossen: die Hokusaischen Mangas. Oft haben diese kleinen Skizzen, von denen man mehrere auf einer Seite findet, einen erzählerischen Charakter – wie die Mangas von heute. Zusammenhängende Geschichten enthalten sie allerdings nicht.

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Zweiter Aufhänger für den Ausstellungsbesuch mit Kinds ist die „Große Welle von Kanagawa“, die von der Kunst-Ikone mühelos zur Japan-Pop-Ikone geworden ist, und deren universelle Bekanntheit die Pariser Ausstellung ausgiebig für ihr Marketing nutzt. Man sollte – ich würde sagen, muss; das Kind würde sagen, kann – sie ruhig einmal im Original gesehen haben. (Das heißt: In einem der Originaldrucke des Hokusai-Holzschnitts.) Um fortan zu wissen, dass das gewaltige Ding mit der wilden Gischt seine Power auf einem zarten, kleinen Bild entwickelt. Und dass die Welle als Teil einer Serie konzipiert wurde – der „36 Ansichten des Berges Fuji“ -, inmitten derer sie ganz anders aussieht als dann, wenn man sie als ikonischen Solitär betrachtet. Am Image der Welle hat die Kunstgeschichte ganz schön herumgephotoshoppt.

Und auch, wenn keine Postkarte an die Finesse des ursprünglichen Holzschnitts heranreicht: Man sollte eine kaufen, denn die Originalwelle bekommt man nicht so leicht zu Gesicht. Die Drucke sind fragil wie die anderen Originale von Hokusai – weshalb man mitten in der Pariser Ausstellung auch für ein paar Tage schließen musste, um die Exponate auszuwechseln.