Einmal quer durch Yorkshire – und unzählige Male fragen wir uns, warum wir nicht schon viel früher auf die Idee gekommen sind, in dieses herrliche Stück Großbritannien zu reisen. Während wir glücklich unterwegs sind, planen wir unablässig weitere Yorkshire-Reisen. Weil es so viel gibt, was wir unbedingt noch sehen wollen. Neben all dem, was wir frisch entdeckt haben und wiedersehen möchten – und was ich hier weiterempfehle.

1. Watt, Muscheln, Fischerhäuser: Robin Hood’s Bay

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Unter North Yorkshires Küstenorten gehört Robin Hood’s Bay zu den Zwergen – und für uns zu den schönsten Entdeckungen in Yorkshire. Der Weg zu dem ehemaligen Fischerdorf an der Nordsee führt über die struppigen Hügel der North York Moors, die Meile für Meile ein wildromantischer Genuss sind.

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Bis sich der Blick öffnet auf die Bucht, von der man nicht genau weiß, was Robin Hood mit ihr zu tun hat, die dafür aber englandweit berühmt ist für ihren Fossilienreichtum. Über Steine klettern und barfuß durchs Watt laufen sind in Robin Hood’s Bay zentrale Beschäftigungen, womit der Ort schon auf den ersten Blick das Prädikat „familiengeeignet“ verdient hätte. Von der Fülle an Süßigkeitenläden in überaus schnuckeligen Straßen ganz abgesehen.

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Ein gewisses Geologenfieber scheint in Robin Hood’s Bay auch geologisch völlig unbedarfte Menschen zu erwischen – wir sind das perfekte Beispiel. Aufs Fossilien-Suchen sind wir nicht vorbereitet, aber wir wissen: Überall könnten welche sein. Ebenso wie kostbarer Jet aus versteinertem Holz. Dafür spielen wir mit den flachen, bröckeligen Platten der Schieferklippen, an denen Muscheln in verschiedenen Stadien der Versteinerung heften. Die finden wir ziemlich spektakulär.

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Genauso wie das Gezeitenmodell in der Old Coastguard Station, bei dem man Robin Hood’s Bay auf Knopfdruck mit Wasser volllaufen lassen kann.

2. Idyllisch oder Gothic? Whitby und seine Abbey

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Hier ging Dracula an Land. In Hundegestalt. Kaum hatte er sein geisterhaftes Schiff mit verdächtig dezimierter Belegschaft verlassen und englischen Boden betreten, erklomm er die berühmten 199 Stufen zu Whitbys mittelalterlicher Klosterruine. Vor der Whitby Abbey schlug er seine Zähne in einen zarten britischen Frauenhals. Dracula und die Ruine, die im Doppelsinne „Gothic“ ist – gotisch und schaurig – stehen Pate für das Kulturereignis, das Whitby in North Yorkshire zu einem Pilgerort gemacht hat: das zweimal jährlich stattfindende Whitby Goth Weekend, ein Musikfestival, zu dem das Publikum sich gruselig oder auch einfach nur viktorianisch verkleidet.

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Wir finden Whitby auch zur Nicht-Goth-Saison sehr attraktiv – vor allem, als wir oben vor der Abbey stehen und in die eine Richtung den Blick auf Dracula-taugliche Dramatik haben und in die andere Richtung freie Sicht auf den völlig harmlos anmutenden Hafen und die idyllischen Dächer des Städtchens. Manche davon schützen übrigens Fish-and-Chips-Imbisse vor Wind und Regen: Whitby gilt als Hotspot für den Fisch im Backteig. Als Faustregel für die Auswahl eines Imbisses gilt: Die besseren haben nicht einfach Fish, sondern Cod (Kabeljau), Haddock (Schellfisch) und Plaice (Scholle) zur Auswahl im Angebot.

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3. Urlaub auf dem englischen Bauernhof: The Grainary Farm

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Was Urlaub auf dem Bauernhof angeht, haben wir uns definitiv antizyklisch verhalten. Als unsere Töchter im Bauernhofalter waren, dachten wir nicht im Traum daran, auf einem solchen unseren Urlaub zu verbringen. Jetzt aber, als Teenager-Eltern, kommen wir plötzlich auf die Idee, drei Tage auf einer Yorkshire-Farm zu wohnen.

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Die Grainary Farm nordwestlich von Scarborough sah im Internet so wunderbar idyllisch aus, und sie ist so sympathisch gelegen – mitten in den Hügeln der North York Moors und nicht besonders weit weg von den Küstenorten. Die Realität ist noch paradiesischer als die Internet-Fotos. Unsere elfjährige Tochter holt auf, was ihr an Kindheits-Bauernhof-Genuss bisher entgangen ist: füttert Schweine, streichelt Esel, Schafe, Hasen, testet die raue Zunge eines Kälbchens.

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Wir essen klassisch britische Fleisch-Kartoffel-Gerichte im farmeigenen Restaurant, ziehen allerdings die Kuchenauswahl des entzückenden Farm Shops vor. Als wir irgendwann kulinarische Abwechslung brauchen, fahren wir auf schmalen Straßen über Felder und durch Dörfer, bis uns aus dem Dunkel ein altes Postkutschen-Gasthaus entgegenleuchtet. Sehr romantisch. Die kulinarische Abwechslung hält sich allerdings in Grenzen.

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4. Scarborough: mal schrill, mal nostalgisch

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This is Britain! Und deshalb finden wir auf unserem Yorkshire-Trip mit Kindern nicht nur wilde Moore, pittoreske Küstenorte und nostalgische Kutschenstationen, sondern auch die echten englischen Seaside Towns mit ihrem blinkenden Vergnügungswahnsinn. Wer, wie ich, damals, im 20. Jahrhundert, „Scarborough Fair“ von Simon & Garfunkel gehört hat und den Ort seither für ein romantisches Marktstädtchen hielt, dem sei gesagt: Pustekuchen! Vom 13. bis zum 17. Jahrhundert fand in hier zwar eine bedeutende Messe statt – die Scarborough Fair -, aber heute dreht sich das Geld in dieser Stadt in den Penny Arcades, den Spielbuden an der Strandpromenade.

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Wir erobern familiäres Neuland und verspielen geschlagene zwei Pfund auf der erfolgreichen Jagd nach einem pinkfarbenen Plastikelefanten – unter Einsatz von viel Adrenalin. Neben uns abgebrühte Senioren, die ihre Two-Pence-Münzen mit gelangweiltem Gesicht in die Maschinen werfen, als hätten sie dies ihr Leben lang getan.

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Aber Scarborough hat auch eine andere Seite; immerhin war es schon lange vor der Erfindung des elektrischen Lichts Erholungsort. Ob man sich hier wie in einem Luna Park fühlt oder wie in einem nostalgischen Seebad, hängt nur davon ab, wo in der Stadt man sich befindet – und manchmal einfach nur von der Blickrichtung.

5. Elisabethanischer Adel und seine Nachfahren in Burton Agnes Hall

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Penny Arcades sind ja ganz nett, aber für die Eltern meiner Kinder liegt das traditionelle Hauptvergnügen beim England-Urlaub etwas bildungsbürgerlicher im Besuch alter Herrenhäuser. Burton Agnes Hall in East Yorkshire ist ein elisabethanisches Prachtstück. Es schmückt sich bei jeder Gelegenheit mit dem Zitat des Architekturkritikers Simon Jenkins, der es als „das perfekte englische Haus“ bezeichnet.

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Das ist eigentlich mehr, als wir verlangen, aber obwohl wir weniger englische Häuser besucht haben als Simon Jenkins (Autor von „England’s Thousand Best Houses“), wollen wir ihm gerne recht geben. Für uns ist die ab 1601 erbaute Burton Agnes Hall ein Magic Kingdom. Schon das Äußere: zierliche Backsteinstrukturen, jede Menge Fenster, Schornsteine, ein minutiös gepflegter Garten – geht es britischer? Innen bringt uns die Great Hall mit spektakulären Reliefs und vielen, vielen Gemälden zum Verstummen. Beim Blick durch die Sprossenfenster auf exakt in Form geschnittene Eiben und ein Torgebäude fühle ich mich elisabethanischer, als ich es je für möglich gehalten hätte.

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Doch je weiter wir nach oben gelangen, desto moderner werden die Kunstwerke und desto intimer wird die Atmosphäre. In der Tat: Man versichert uns immer wieder, dass die Nachkommen der ursprünglichen Erbauer von Burton Agnes Hall noch heute hier wohnen. Wie geht das?, fragt sich unsere Tochter. Wie wohnt man in so einem Haus? Und was macht man tagsüber, wenn die Besucher da sind? Selten haben wir einen so hautnahen Eindruck von der Beständigkeit des alten englischen Adels bekommen.

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6. York Minster: Mutter-Tochter-Diskussionsstoff

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Während das ältere Kind seinen zweiten Schultag in einem englischen Internat durchlebt und der Vater auf Museumstour ist, spaziere ich mit der elfjährigen Tochter durch das York Minster, die gotische Kathedrale der Stadt York. Bereits über die Notwendigkeit, für einen Kirchenbesuch Eintritt zu zahlen, ärgert sich das Kind. Kenne ich. Von der Schwester. Und von mir – auf einer Klassenreise habe ich mal einen Kirchenbesuch bestreikt, weil man Eintritt zahlen musste und weil ich der Meinung war, Kirchen seien keine Museen.

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Gotik allein haut das Kind denn auch nicht um, die hat es schon zu Hause. „Aber schau mal, diese Decke!“ Ekstatisch zeige ich nach oben in die Laterne mit ihrer typisch britischen Perpendicular-Struktur. Schweigen.

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„Diese Figuren! Wahnsinnig englisch, sowas gibt es bei uns gar nicht.“ Demonstrative Gleichgültigkeit bei meiner Gesprächspartnerin. Schließlich klare Worte: „Ich mag keine Kirchen anschauen, sie sind alle gleich.“ Kind! Wie kannst du nur? Ich spüre den Drang, weiter zu missionieren. Beiße mir aber lieber auf die Zunge. Wie spannend fand ich mit elf den Unterschied zwischen süddeutscher und englischer Gotik? Wusste ich überhaupt, was Gotik war?

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Also, Mutter: Klappe halten. Nicht zu lange verweilen. Herumlaufen, schauen und staunen, wo es was zu staunen gibt. Mein Triumph ist der Kapitelsaal mit seinem zauberhaften Deckengewölbe und den Bodenmosaiken. Dass der außergewöhnlich ist, findet sogar das Kind.

7. Tea Time bei Betty’s in Ilkley

„Geht zu Betty’s“, sagen uns die englischen Bekannten. Betty’s entpuppt sich als ein kleines Imperium von Tea Rooms mit sechs Filialen in Yorkshire. Seit 1919 verfolgt man hier das Projekt, die Welt mit britischen Afternoon Teas und verwandten kulinarischen Traditionen ein bisschen besser zu machen.

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Der Nachmittag, an dem wir uns bei Betty’s in dem kleinen Ort Ilkley in West Yorkshire niederlassen, geht in einmütiger Familien-Hochstimmung auf. Opulente Etageren mit Sandwiches, Scones und Kuchen werden von Damen in gestärkten Schürzen serviert, die, wie meine Töchter meinen, alle aussehen, als ob sie Betty hießen.

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Extravagant ist Betty’s Seafood: Das kulinarische Thema der Saison sind Fische und Meeresfrüchte aus Teig und Marzipan. Umwerfend. Betty’s ist der Ort, zu dem wir immer wollten, ohne es zu wissen.

8. Ein gutes Kapitel Arbeitergeschichte: Saltaire

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Als wir nach Saltaire kommen, gießt es, und wir huschen durch den Ort. Allerdings huschen wir nicht so schnell, dass wir nicht Zeit dafür hätten, das zu bewundern, was hier um 1850 entstand und heute UNESCO-Kulturerbe ist: das Saltaire Model Village. Ein Dorf, das der Fabrikbesitzer Titus Salt für die Angestellten seiner Wollspinnerei erbauen ließ, damit diese würdiger lebten als andere Arbeiter, die in den Slums des benachbarten Bradford unter beklagenswerten Umständen wohnten. Allerdings hatte Titus Salt auch klare Vorstellungen vom Verhalten der Saltaire-Bewohner: Pubs durften im Model Village nicht eröffnet werden; Gewerkschaften wurden nicht geduldet.

saltairehockneyDavid Hockney: The Road across the Wolds, 1997

Saltaire bietet ein einheitliches architektonisches Bild, in dessen Zentrum die Salt’s Mill steht. Früher wurde dort Wolle verarbeitet, heute ist sie ein Kulturzentrum mit Geschäften, Cafés und Ausstellungen – darunter einer David-Hockney-Galerie. Die passt perfekt hierher. Der Künstler wurde ein paar Meilen von Saltaire in Bradford geboren und hat sowohl die Landschaft als auch Salt’s Mill auf Gemälden verewigt.

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Manch ein Reiseführer unterschlägt Saltaire, was schade ist. Wir hätten den Abstecher nicht missen mögen auf unserer Entdeckungstour durch Yorkshire mit Kindern. Immer wieder sehen wir auf unseren Fahrten durch West Yorkshire graue Arbeiterdörfer und Fabrikschornsteine zwischen den Hügeln: Die Industriegeschichte Nordenglands ist eine der Facetten, ohne die Yorkshire nicht wäre, was es ist. Saltaire ist für die Kinder wie für uns ein guter Einstieg in dieses Kapitel.

YORKSHIRE MIT KINDERN – ANREISE

Mit Auto und Fähre nach England geht natürlich immer. Diesmal allerdings wollten wir fliegen. Yorkshire ist nicht gerade reich an internationalen Flughäfen, daher ist es am einfachsten, nach Manchester zu fliegen und dort einen Mietwagen zu nehmen. York ist vom Flughafen Manchester in gut eineinhalb Autostunden zu erreichen. Auch die Distanzen innerhalb Yorkshires sind überschaubar. Mehrere Billigflieger bieten Direktflüge von Deutschland nach Manchester an: beispielsweise Easyjet von München, Ryanair von Stuttgart und Eurowings von Hamburg aus.