2016. Wir sind eine Familie mit einem Teen und einem Pre-Teen: zwei Töchtern, die in einer Welt großwerden, von deren aktuellen Ereignissen wir selbst oft genug benommen sind. Und die wir ihnen dennoch irgendwie erklären müssen.

Am 11. September 2001 war meine ältere Tochter sechseinhalb Wochen alt. In dieser Zeit stellte mir jemand die so unsinnige wie vorhersehbare Frage: „Kann man in diese Welt überhaupt noch Kinder setzen?“ Die Frage schien mir nicht nur unsinnig, weil ich hier ohne Rückgabeoption mit meinem frischen Säugling saß. Sondern auch, weil man folgerichtig fragen müsste: Konnte man denn in eine Welt der Nazi-Diktatur, des Krieges, des Nachkriegselends Kinder setzen? Hätte man es andererseits nicht getan, würde es die meisten von uns nicht geben. Dennoch kam auch mir natürlich, wenn ich vor den Fernsehbildern aus New York saß, manchmal der unvermeidliche Gedanke: Kaum haben wir erstmals im Leben ein Kind zur Welt gebracht, da wird diese Welt zu einem instabileren Ort.

Welche Welt bekommen die Kinder zu sehen?

Seither sind 15 Jahre vergangen, und wir alle haben uns auf eine grundlegend veränderte Weltsituation eingestellt. Klar ist: Die Welt, die wir unseren Kindern im Jahr 2016 erklären müssen, ist eine andere als die, die man uns erklärt hat. Leuten wie mir, die politisch gefühlt zwischen der 68er-Bewegung und der Wiedervereinigung aufwuchsen. Aber auch Eltern, die etwas jünger sind als ich, geht es in der Regel nicht anders – die meisten von uns sind in demselben gesellschaftlichen Makroklima aufgewachsen.

Erste Eindrücke: schockierend, aber fern

Die Geschehnisse des 11. September waren für unsere Töchter – die zweite ist 2005 geboren – nie so ungeheuerlich wie für uns. Als wir ihnen von den New Yorker Anschlägen erzählten, waren die schon in eine historische Ebene gerückt. Die Bilder waren zu Symbolen geronnen, die für ein unvorstellbares, fast unrealistisch scheinendes Ereignis standen – vielleicht so ähnlich wie für uns der Atompilz von Hiroshima.

Der erste terroristische Anschlag, den meine Kinder über die Medien recht ungefiltert mitbekamen, war das Bombenattentat beim Boston-Marathon 2013. Es hatte für sie die Relevanz eines Kriminalfalls – schockierend, aber ohne Bezug zu uns.

2015: Es wird kompliziert

Dann kam das Jahr 2015, in dem die Dinge kompliziert wurden. Es begann mit dem Pariser Anschlag auf die Redaktion von Carlie Hebdo. Unsere jüngere Tochter war neun, die ältere 13, und wir ließen sie alles wissen, was auch wir wussten. Alles andere schien uns unangemessen: Schließlich passierte hier etwas, das die Welt betraf, in die sie selbst mit zunehmendem Verständnis hineinwuchsen.

Im Sommer 2015 die Flüchtlingskrise. Im November die großen Anschläge von Paris. Und bei alledem begegnete uns diese eine Geisteshaltung, über die wir wieder und wieder sprachen: Freiheit und Toleranz rückten als Ideale in den Hintergrund; an die Stelle von Offenheit trat die Idealisierung des Eigenen, das man mit Grenzen oder auch mit Gewalt behaupten wollte. Eine Engstirnigkeit, die sich IS-Terroristen und Rechtspopulisten teilen. Das frontale Gegenmodell zu den Werten, mit denen wir unsere Kinder zu erziehen versucht haben. Warum diese Geisteshaltung im Augenblick immer populärer wird? Es gibt viele Theorien, aber keine griffige Erklärung, die wir unseren Töchtern präsentieren könnten.

Und nun 2016

Im Jahr 2016 erreichte diese Geisteshaltung ganz offiziell das politische Establishment. Im Juni stimmten die Briten für den Brexit. Unsere jüngere Tochter – jetzt elf – sagte zu ihren erschütterten Eltern: „Ihr tut so, als sei der Brexit schlimmer als ein Terroranschlag mit Toten.“ Wir gingen nicht ins Detail; der Vergleich zwischen akutem Leid und politischer Gefahr führt zu nichts, und wir finden es richtig, dass der EU-Austritt Großbritanniens ein Kind weniger schockiert als ein Anschlag.

Schließlich die Wahl Trumps. Jetzt waren wir wirklich sprachlos und wussten gar nicht mehr, was wir unseren Kindern sagen sollten. Dafür wurde uns am Tag nach der Wahl hinterbracht, wie  politisch im Grunde ahnungslose baden-württembergische Siebtklässler sich im bodenlosen Trump-Bashing ergingen. Es war fast beruhigend, dieses Gefühl: Der Mainstream, der unsere Kinder umspült, ist trotz aller aktuellen Tendenzen immer noch desselben Geistes Kind wie wir. Unsere ältere Tochter meldete sich aus England, wo sie einige Monate verbrachte: Der Mathelehrer, ein Amerikaner, sei mit schwarzer Krawatte zum Unterricht erschienen und habe gesagt: „I’m sad.“ Manche Schüler hätten geweint. Dieses Sprechen und Sich-Austauschen, die Weigerung, das Thema im Alltag versinken zu lassen, scheint mir inzwischen gar nicht mehr so hilflos wie am Anfang.

Einfache Lösungen? Gibt’s nicht

Wir reden weiter. Über den Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin. Über die Notwendigkeit, die Dinge ehrlich zu benennen: Flüchtlinge nicht als einheitliche Gruppe, sondern als eine Vielzahl von Individuen zu sehen. Froh zu sein, dass Deutschland den Anstand besaß, die Grenzen zu öffnen. Gleichzeitig die Probleme, die die Flüchtlingskrise mit sich gebracht hat, nicht unter den Teppich zu kehren. Zu differenzieren. Zu akzeptieren, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Dass wir nur mit sorgfältigem Einsatz unserer Vernunft weiterkommen. Dass die Antwort auf Polemik nicht Gegenpolemik sein darf. Dass wir versuchen müssen, zu verstehen, welche Ängste hinter den akuten Engstirnigkeiten liegen. Wir können unseren Kindern die Welt im Augenblick nicht befriedigend erklären. Aber all die so unspektakulären wie großen Werte eines aufgeklärten, humanistischen Denkens wollen wir kontinuierlich im Gespräch halten. Und sie durch eine Kultur des Fragens, Verstehenwollens, Analysierens, Differenzierens ein wenig in die Tat umsetzen.

Aktivismus in den eigenen vier Wänden

Ich fürchte, damit geht unser Aktivismus nicht weit über die eigenen vier Wände hinaus. Aber er findet in unserer Umgebung zwischen vielen Wänden statt, und das ist extrem ermutigend. Meine große Hoffnung ist, dass es sich im Augenblick zumindest in unserer Weltregion nur um eine begrenzte Phase der Engstirnigkeit handelt. Immerhin waren die jungen Briten mehrheitlich gegen den Brexit, wenngleich sie dummerweise nicht in ausreichender Zahl zur Abstimmung gegangen sind. Im besten Fall ist diese ganze populistische Welle in hohem Maße ein Generationenproblem. Mit Glück sieht die Welt bei der nächsten US-Wahl in vier Jahren schon wieder anders aus. Vielleicht aber braucht sie länger. Bis es soweit ist, werden wir uns zusammen mit unseren Kindern etwas öfter als in normaleren Zeiten vor Augen halten, welche Werte wir vertreten und welche politischen Entwicklungen vor diesem Hintergrund inakzeptabel sind. Damit haben wir an der globalen Situation nicht viel geändert, aber Dranbleiben, Wachbleiben, Intoleranz nicht als die neue Normalität zu akzeptieren, scheint mir im Augenblick als das einzig Mögliche.

Bild ganz oben: Paris, Place de la République, nach den Anschlägen 2015