Bücher-Countdown Nr.3

Ein Kinderbuch mit einer dramatischen, bewegenden und gehaltvollen Handlung – eigentlich nichts Ungewöhnliches. WUNDERLICHT von Brian Selznick (verlegt bei cbj) allerdings ist anders als andere solcher Geschichten: Der große Illustrator Selznick erzählt nur die eine Hälfte der Story mit Worten. Die andere Hälfte bestreitet er ausschließlich durch Bleistiftzeichnungen.

Brian Selznick erzählt mit Worten und Zeichnungen

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Wortlos erzählt Brian Selznick die Geschichte von Rose, die 1927 von ihrem Zimmer in Hoboken in New Jersey aus die verlockende Skyline von New York im Blick hat, aber nie in die große, gefährliche Stadt darf. Roses Story, die gänzlich aus Zeichnungen besteht, spielt sich in der gleichen Stille ab wie das Leben von Rose: Das Mädchen ist gehörlos.

Die Sequenzen, in denen es um Rose geht, wechseln sich ab mit Kapiteln über Ben: ganz normalen geschriebenen Kinderbuchkapiteln. Bens Geschichte beginnt 1977 in einer einsamen Gegend von Minnesota, wo der Junge gerade durch einen Unfall seine Mutter verloren hat. Über seinen Vater weiß er nichts. Ben hört nur auf einem Ohr, doch durch einen Blitzschlag wird auch die Hörfähigkeit dieses Ohrs zerstört, und fortan ist er ebenso taub wie das Mädchen Rose 50 Jahre früher.

New York, im Museum für Natural History

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Ben flieht aus dem Krankenhaus, in dem er nach dem Blitzschlag behandelt wird, und macht sich auf die Reise nach New York. In der folgenschweren Gewitternacht hat er Hinweise darauf gefunden, dass sein Vater dort leben könnte.

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Die Suche nach den Spuren seines Vaters führt Ben ins Museum of Natural History: an einen Ort, der seiner eigenen Leidenschaft fürs Sammeln und seinem Interesse an Naturphänomen entspricht. Und an dem er einen gleichgesinnten Freund findet. Dieser Freund verhilft ihm zu einem Unterschlupf im Museum: eine Referenz an den amerikanischen Kinderbuchklassiker „Die heimlichen Museumsgäste“ von E.L. Königsburg, vor dem sich Selznick in seinem Roman ebenso wie in dessen Nachwort verneigt.

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Ben kommt in einem verlassenen Raum unter, der fünfzig Jahre zuvor eine Ausstellung über Wunderkammern beherbergte: eine Ausstellung, die das Mädchen Rose besucht hat. Immer wieder bewegen sich Rose und Ben im Abstand von einem halben Jahrhundert auf den gleichen Wegen in New York, sodass die Bilder, die die Geschichte von Rose erzählen, gleichzeitig die von Ben illustrieren. Bis beide Handlungsstränge schließlich auf überraschende Weise miteinander verschmelzen.

Leben ohne Gehör

WUNDERLICHT ist ein Roman, der große Themen anpackt: Liebe, Freundschaft, Trauer, Begeisterung für die Natur Nordamerikas ebenso wie für die Stadt New York. Es geht um die Faszination von Museen und die Frage, wie man zum Kurator seines eigenen Lebens wird. Außerdem beschäftigt Selznick sich eingehend mit der Kultur der Gehörlosen, zu der er intensiv recherchiert hat. Dieser Vielschichtigkeit entspricht die zweifache Erzählweise mit Bildern und Sprache auf eine eigentümlich überzeugende Weise. Manches, so scheint es bei der Lektüre, ließe sich in dem jeweils anderen Medium weniger überzeugend sagen. Und wenn sich manche Dinge ohne Worte besser erzählen lassen – vielleicht lassen sie sich dann auch ohne Gehör besser verstehen?

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Brian Selznick erfindet eine ganz eigene Art des Storytelling

Brian Selznick hat mit seinen unvergleichlichen Bleistiftzeichnungen eine eigene Form des visuellen Storytelling entwickelt. Schon in dem vor WUNDERLICHT entstandenen, durch Martin Scorsese verfilmten Roman „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ haben Selznicks Zeichnungen einen Teil der Handlung bestritten. In leicht nostalgischem, stark schattiertem Schwarz-Weiß transportieren sie mühelos Atmosphäre, Gefühle und Action. Immer wieder zoomt Selznick die Geschehnisse in aufeinanderfolgenden Bildern näher und näher an den Betrachter heran und erzeugt dadurch eine filmische Dynamik und Intensität. WUNDERLICHT ist der jüngste auf Deutsch erschienene Wort-Bild-Roman von Selznick; mit „The Marvels“ hat er in diesem Jahr einen dritten veröffentlicht, den hoffentlich bald irgendjemand übersetzt. Alle drei sind ab einem Alter von etwa neun oder zehn Jahren zu empfehlen.

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