USA-Reisen mit Kindern gehören zum Spannendsten, was man in den Ferien machen kann – zumindest für uns. Das Wechselspiel aus Ähnlichkeiten und Unterschieden zu Europa ist für Kinder genauso faszinierend wie für Erwachsene. Gute Bücher können manches verständlich machen – und das Reiseerlebnis vertiefen. Eine kleine Serie mit Kinderbüchern zur Einstimmung auf Amerika.

I. Rassentrennung und Bürgerrechtsbewegung

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Rosa Parks war eine Heldin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – dabei war ihre Heldentat eine ganz stille: Eines Tages im Jahr 1955 weigerte sich die afroamerikanische Näherin aus Alabama, ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen, wie es die Regel gewesen wäre. Rosa Parks wurde von der Polizei verhaftet und vor Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Dieses Ereignis brachte eine riesige Welle des Protests ins Rollen, die – unter Mitwirkung des damals noch unbekannten Martin Luther King – nicht nur dazu führte, dass die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgehoben wurde, sondern die der US-Bürgerrechtsbewegung generell einen entscheidenden Schub gab.

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Von dieser Geschichte handelt das Bilderbuch DER BUS VON ROSA PARKS, das bei Jacoby & Stuart erschienen ist. Der Autor Farbrizio Silei erzählt von den Ereignissen rund um Rosa Parks‘ symbolkräftige Tat im Rahmen einer Großvater-Enkelsohn-Story. Bens Großvater nimmt den Jungen mit ins Henry-Ford-Museum bei Detroit – und zwar einfach nur, um ihm einen alten Bus zu zeigen! Als er Ben allerdings erzählt, was es mit diesem Bus auf sich hat und wie eng seine eigene Lebensgeschichte mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpft ist, wird der Museumsbesuch zu einer für beide sehr bewegenden Angelegenheit – immerhin sind auch sie Afroamerikaner.

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Maurizio A.C. Quarello macht aus DER BUS VON ROSA PARKS ein kleines optisches Meisterwerk. Die historischen Begebenheiten hält der Illustrator in einem nostalgischen Schwarz-Weiß, dem er mit starken Kontrasten und Schatten eine dramatische, fast filmische Ausstrahlung gibt. Die Rahmenhandlung um Ben und seinen Großvater hingegen ist farbig und zeigt hier und da Edward-Hopper-Anklänge.

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Bei DER BUS VON ROSA PARKS handelt es sich zwar um ein Bilderbuch, damit aber keineswegs um ein Buch für Kleine, sondern eher um eins für Schulkinder von acht Jahren an aufwärts. Nicht nur von Rosa Parks‘ Busfahrt wird erzählt, sondern auch vom alltäglichen Rassismus in den USA, von den vielen Verboten für Schwarze, von der Bedrohung durch den Klu-Klux-Klan und der Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung. All dies hat im heutigen Amerika so tiefe Spuren hinterlassen, dass DER BUS VON ROSA PARKS für jedes Kind, das in die USA reist, eine sinnvolle Anschaffung ist – genauso wie für jedes Kind, das sich ein wenig für Geschichte und Themen rund um soziale Gerechtigkeit interessiert.

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II. Pioniere auf dem Weg nach Westen

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DIE KINDERKARAWANE von der Niederländerin An Rutgers ist einer der großen Klassiker unter den historischen Jugendromanen. Schon als ich das Buch irgendwann gegen Ende der Siebziger las (rechts im Bild; der Roman erscheint nach wie vor bei dtv), war es nicht mehr neu, aber spannend ist es auch jetzt noch, 67 Jahre nach seinem Erscheinen im Jahr 1949.

An Rutgers erzählt die Geschichte von sieben Geschwistern, die wirklich gelebt haben: Das Schicksal der Sager-Kinder gehört zu den berühmten amerikanischen Pionier-Stories. Im Jahr 1844 machte sich die Familie Sager mit einem Treck auf den Weg nach Westen. Das Ziel des Vaters hieß Oregon. Dorthin waren bislang nur wenige Weiße gelangt, die von viel fruchtbarem Land berichtet hatten. Während der ersten Monate der Reise wurde das siebte Kind der Familie geboren – und beide Eltern starben.

In An Rutgers‘ Roman verlassen die Kinder, angeführt von ihrem ältesten Bruder John, den Treck, der seine Route geändert hat. Allein, nur begleitet von einer Kuh, einem Ochsen und einem Hund, suchen sie das gelobte Land des Vaters. Auf ungewisser Route bahnen sie sich einen Weg durch eine großartige, bedrohliche und einsame Landschaft. Naturgewalten, wilde Tiere, Hunger, Erschöpfung und Krankheiten werden ihnen zur ständigen Gefahr; ihr Überleben verdanken sie der Entschlossenheit des ältesten Bruders, ihrer Widerstandsfähigkeit, den drei Tieren und nicht zuletzt den Waffen des Vaters, die sie dabeihaben.

Ich habe DIE KINDERKARAWANE erst kürzlich wiederentdeckt; keine meiner Töchter hat sie vor unseren Amerika-Reisen gelesen. Dabei wäre es nicht schlecht gewesen, einmal mitgefiebert zu haben bei einer Geschichte von der Erschließung eines wilden, unbekannten Landes. Die Wanderung der Sager-Kinder durchs Gebirge auf Füßen, die immer wunder werden, mit einem Baby, um dessen Überleben sie fürchten, und mit der ständigen Angst vor dem Winter ist ein Leseerlebnis, das man nicht so schnell vergisst und das einem eine Facette von Amerika vor Augen führt, an die man bei Reisen nicht unbedingt denkt. Große Teile dieses fortschrittsorientierten Kontinents wurden immerhin erst erschlossen, als bei uns mit der industriellen Revolution bereits die Moderne eingeläutet wurde. Über die Verwurzelung des amerikanischen Bewusstseins in der Pionierzeit haben wir bei unseren USA-Aufenthalten oft nachgedacht, und oft haben wir mit den Kindern darüber gesprochen – zum Beispiel, wenn wir uns fragten, warum die Amerikaner so an ihren Waffen hängen.

Was Kinder unserer Tage bei der Lektüre der KINDERKARAWANE stört, ist die Darstellung der Indianer, die An Rutgers aus inzwischen sehr unzeitgemäßer Sicht als undisziplinierte Wilde schildert, die vor allem eine Gefahr für die weißen Siedler sind. Hier bemerkt man das Alter des Romans. Heutige Leser ab etwa zwölf Jahren können dafür etwas tun, was uns damals nicht möglich war: Sie können im Internet nachlesen, wie es wirklich war mit der Geschichte der Sager-Geschwister, deren Weg nach Westen zwar nicht ganz so beschwerlich war wie in An Rutgers‘ Buch, die danach aber von weiteren Schicksalsschlägen getroffen wurden.

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III. Bekenntnisse eines Indianer-Teens von heute

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2007 schrieb Sherman Alexie den Roman THE ABSOLUTELY TRUE DIARY OF A PART-TIME INDIAN: ein Erfolgsbuch, das in vielen Sprachen erschienen ist; auf Deutsch bei dtv als DAS ABSOLUT WAHRE TAGEBUCH EINES TEILZEIT-INDIANERS. Allerdings greifen auch hierzulande einige Jugendliche nach dem englischen Original, das recht gut zugänglich ist.

Ich glaube, viel mehr Qualitäten als dieses Buch kann ein Jugendroman ab etwa zwölf Jahren nur schwer in sich vereinen. Zuallererst ist es witzig, und zwar von der ersten bis zur letzten Seite; in der Übersetzung ebenso wie im Original. Lakonisch-witzig, in einem ironischen und coolen Sprachduktus gehalten, der dazu beiträgt, dass man weiterlesen will. Dann sind da Perspektive und Setting, beide sehr außergewöhnlich: Arnold Spirit, der seine eigene Story erzählt, lebt in einem Indianerreservat. Dort wird er gemobbt, weil er aufgrund einer Gehirnerkrankung im Säuglingsalter einen riesigen Kopf hat. Dieser Kopf allerdings ist brillant; die Schulbildung im Reservat reicht ihm nicht aus. Arnold entscheidet sich, auf eine „weiße“ Schule in einem über 20 Meilen entfernten Ort zu gehen. Dort wird er als Fremdling mit Skepsis und einer guten Dosis Rassismus empfangen, während ihn die Mitglieder seines Stammes jetzt noch mehr mobben, denn nun erscheint er ihnen als Verräter.

Arnolds Geschichte kommt nicht zuletzt deshalb so authentisch herüber, weil sie sich weitgehend mit der Jugendbiographie des indianischstämmigen Autors Sherman Alexie deckt – von der Gehirnerkrankung bis zum Wechsel auf eine High School außerhalb des Reservats. Man glaubt Alexie, dass das Leben heutiger Indianer, nach dem unsere Kinder und wir uns vor unseren Amerikareisen immer gefragt haben, im Großen und Ganzen so aussieht, wie Arnold Spirit es schildert. Und das heißt: ärmlich, desolat, vom Alkoholismus geprägt. Gleichzeitig von einem Gemeinschaftsgefühl und einem familiären Zusammenhalt erfüllt, die Arnold in der ansonsten durchweg einfacheren Welt seiner neuen weißen Freunde manchmal vermisst. Allerdings bleiben diesen Freunden Schicksalsschläge wie die erspart, die Arnold gegen Ende des Romans erlebt, als drei ihm nahestehende Personen einen in unterschiedlicher Weise durch Alkohol verursachten Tod sterben.

Tragische Ereignisse wie diese machen DAS ABSOLUT WAHRE TAGEBUCH EINES TEILZEIT-INDIANERS zu einem Roman, in dem es um noch mehr geht als nur um den Alltag im Reservat – was allein schon ein bemerkenswertes Unterfangen wäre. Arnold muss sich immer wieder mit existentiellen Themen auseinandersetzen: mit Tod und Leben, mit tiefen Freundschaften, Gewalt, bedrohlichen sozialen Problemen, kulturellen Unterschieden. Was hart ist, trifft ihn hart, sein Humor wird oft zum Galgenhumor. Sherman Alexie und Arnold liefern keine eleganten Lösungen komplexer Probleme, sie ertragen offene Fragen und Widersprüchlichkeiten – eine Haltung, die zu Arnolds Hobby passt: Er zeichnet Cartoons, in denen Humor und Tristesse oft dicht beieinander liegen. Diese Cartoons, in den Buchausgaben von Ellen Forney gezeichnet, machen den Roman auch optisch rund.

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IV. Deutsche Einwanderer in der Neuen Welt

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Was hat die Menschen während der großen Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert dazu gebracht, ihr gesamtes Hab und Gut in Europa zurückzulassen und nach Amerika zu ziehen? Wie sah die Reise von Deutschland in die Neue Welt aus? Was geschah, wenn man auf dem fremden Kontinent angekommen war? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Bilderbuch IN DIE NEUE WELT – EINE FAMILIENGESCHICHTE IN ZWEI JAHRHUNDERTEN, das von Christa Holtei geschrieben und von Gerda Raidt illustriert wurde (erschienen bei Beltz & Gelberg).

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Das Buch erzählt von der vierköpfigen Familie Peters, die ihren kleinen norddeutschen Bauernhauf aufgibt, weil er sie nicht ernähren kann. In Hamburg schiffen sich Vater, Mutter, Sohn und Tochter nach Amerika ein, um zwei Wochen später in New Orleans anzukommen. Von dort aus geht es mit dem Mississippi-Raddampfer weiter nach Omaha, danach im Planwagen in den kleinen Ort New Steinberg, in dem den deutschen Siedlern ein Grundstück zugewiesen wurde.

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IN DIE NEUE WELT ist eine Mischung aus Erzählung und Sachbuch, die viele Fakten rund ums Aus- und Einwandern erklärt und Kindern ab dem Vorschulalter damit eine hervorragend recherchierte und anschauliche Vorstellung von der besonderen Geschichte der Vereinigten Staaten gibt. Die Illustrationen machen viele Einzelheiten anschaulich und schaffen mit ihrem nostalgischen Stil eine passende Atmosphäre. Nachdem Familie Peters sich eine sichere Existenz in New Steinberg aufgebaut hat, macht die Erzählung einen Sprung über fünf Generationen und führt die Peters-Nachkommen unserer Tage ein, die eine Reise nach Deutschland auf den Spuren ihrer Vorfahren unternehmen. Dieser Teil des Buchs hat weniger Interessantes zu sagen als der historische Part, doch da der bei weitem den größten Raum einnimmt, tut der Zeitsprung der Qualität dieses sehr informativen Kinderbuchs keinen Abbruch.

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