Sein Hauptwerk kennt fast jedes Kind, seinen Namen kaum ein Erwachsener: Thomas Baumgärtel, der seit 30 Jahren Kunstorte auswählt, die er mit einer Banane besprüht, zeigt seine Arbeiten jetzt im Ulmer Kunstverein: in einer Ausstellung, in der es auch für Kinder viel zu entdecken gibt – Bananen, aber nicht nur.

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Die Banane an der Wand des Ulmer Kunstvereins existiert schon länger. Wir sind sowohl hier als auch an vielen anderen Orten unzählige Male an Baumgärtels Spraybananen vorbeigelaufen, fanden sie immer sympathisch, wussten aber nie, was oder wer hinter ihr steckt. Das klärt jetzt die Ulmer Ausstellung „Nichts ist wie es scheint“: eine Retrospektive zu Thomas Baumgärtel, der mit seiner Bananenschablone an internationale Kunstorte reist und dort, wo es ihm gefällt, eine Frucht an die Wand sprüht: für ihn eine Art und Weise, diese Orte zu erobern, wie er einmal gesagt hat.

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In der Ulmer Ausstellung sehen wir, was er sich sonst noch so alles mit der Banane erobert. Zum Beispiel den Zugang zu aktuellen politischen Geschehnissen. „Je suis Charlie“ heißt sein mit dem Bleistift des Zeichners gewappneter und mit einem gelben Bananen-T-Shirt bekleideter Charlie Brown, der mit den Mitteln der Karikatur Bezug nimmt auf den Terroranschlag gegen die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo.

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Auch, was Baumgärtel über die Korruptionsskandale im Weltfußball denkt, sagt er ziemlich unmissverständlich durch die Banane.

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Selbst der deutschen Geschichte widmet der Künstler sich mit Hilfe der gelben Früchte. Vier Stück knickt er in der Mitte und setzt sie zu einem gelben Hakenkreuz zusammen. Man könnte das für einen inflationären Umgang mit dem Nazi-Symbol deuten; schließlich war der Nationalsozialismus nicht einfach nur banane, sondern viel schlimmer. Aber seltsamerweise funktioniert der Verfremdungseffekt hier nicht nur bei meiner elfjährigen Tochter, sondern auch bei mir: Das aus unschuldigen Bananen gebildete Hakenkreuz lässt uns einen frischen Blick auf das unendlich oft gesehene Symbol werfen. Den Hintergrund bieten serienmäßig aufgesprühte Ornamente, in denen meine Tochter die Massenbewegung sieht, die den Nationalsozialismus erst möglich gemacht hat. Dass sie darauf kommt, liegt an dem Bild „Hitlergruß“, das wir ein paar Minuten zuvor angeschaut haben: ein Serienbild von einer Menschenmasse, die den Arm kollektiv zum Hitlergruß gereckt hat und deren Individuen nach hinten hin immer mehr ins Ornamentale verschwimmen.

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Solche Bilder sind für Kinder ein perfekter Einstieg in die politische Kunst. Klar in ihrer Aussage, aber in der Verwendung ihrer künstlerischen Mittel so raffiniert, dass jede Plattheit vermieden wird.

Es ist jedoch beileibe nicht alles politisch, was Baumgärtel macht. In Ulm zeigt er große Leinwände mit bekannten Kunst- und Fotomotiven, die wie grob gepixelt beziehungsweise pointillistisch komponiert aussehen. Auch hier ist die Banane im Spiel: Die Pixel schafft Baumgärtel mit einer Schablone, die der Form eines Bananenstiels nachempfunden ist.

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Von diesen Effekten ist das Kind begeisterter als die Mutter; für mich ist hier etwas zu viel Déjà-vu in Bananenform im Spiel.

Dafür gefällt mir eine andere Baumgärtel-Seite, die man in zu sehen bekommt, wenn man vom Ulmer Kunstverein etwa zehn Minuten in Richtung Donau läuft. Im pittoresken Fischerviertel zeigt die BEGE Galerie parallel zum Kunstverein die Schau „Thomas Baumgärtel – Früchtebilder und Spraygramme“. Die sind zum Teil ganz unverblümt poppig-fruchtig und stillebenartig: appetitlich ohne Angst vor irgendwelchem Dünkel ihrer Betrachter. Erfrischend – und immer wieder unter raffiniertem Einsatz von Bananen konzipiert.

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INFO:
Die Ausstellung „Thomas Baumgärtel – Nichts ist wie es scheint“ läuft noch bis zum 18. Juni 2016 im Kunstverein Ulm, nicht mehr als fünf Gehminuten vom Ulmer Münster entfernt.
Die BEGE Galerie zeigt „Thomas Baumgärtel – Früchtebilder und Spraygramme“ ebenfalls bis zum 18. Juni 2016. Die Galerie liegt im historischen Ulmer Fischerviertel und ist zu Fuß in rund zehn Minuten vom Kunstverein aus zu erreichen.

Wie man einen Familientag mit einer Stadtrallye in Ulm verbringen kann, steht hier. Die Besuche der Baumgärtel-Ausstellungen sind zeitlich und räumlich problemlos in die Stadtrallye zu integrieren