In einer Woche, am 26. November 2017, endet die diesjährige Biennale in Venedig. Wir haben sie besucht, mit Kindern, und unser das Wort „kurz“ traf in verschiedener Hinsicht auf diesen Besuch zu: Wir hatten nur einen halben Tag für die riesige Ausstellung zeitgenössischer Kunst (nicht zuletzt, weil wir danach noch die abgefahrene Schau von Damien Hirst sehen wollten), und wir waren kurz vor dem Ende der von Mai bis November dauernden Biennale da. Obwohl reichlich spät, hier dennoch ein paar Eindrücke, die zumindest eins beweisen dürften: Die Biennale ist auch für Familien mit Kindern und Teenagern ein gutes Ziel.

Carole A. Feuerman: Kunst im Garten

„Survival of Serena“ von Carole A. Feuerman; ganz oben: ihre Skulptur „Next Summer“

Für uns beginnt der Biennale-Tag kurz vor dem Eingang der eigentlichen Ausstellung im frei zugänglichen Giardino Della Marinaressa. Dort stellt die Amerikanerin Carole A. Feuerman im Rahmen der Biennale ihre neuen „Swimmers“ aus: hyperrealistische Skulpturen von Frauen in Schwimmkleidung, die meist in gesammelter und entspannter Pose gezeigt werden. Die Schönheit dieser lackierten Kunstharz-Figuren, die bis zu den Wassertropfen auf der Haut real wirken, ist eklatant, und ihr Setting in einem venezianischen Garten direkt am Ufer der Lagune schwer zu übertreffen. Dass solche Skulpturen der perfekte Kunst-Einstieg für Kinder und Jugendliche sind, erklärt sich von selbst. Das fand auch die Freundin, der wir die Entdeckung dieser Schwimmerinnen verdanken – die war einige Monate vor uns mit Teenagern da und hat mit ihnen einen perfekten Tag auf der Biennale verbracht.

Die Biennale in Venedig: per Kunst einmal um die Welt

Biennale Venezia

„Swan Song Now“ von Jana Želibská für den tschechisch-slowakischen Gemeinschaftspavillon

Die Biennale selbst teilt sich in Themenausstellungen, zu denen die Kuratoren internationale Künstler eingeladen haben, und in viele einzelne Länder-Pavillons. Diese Pavillons sind Bauten, die dauerhaft auf dem Biennale-Gelände in Venedig stehen. Ihr Baustil repräsentiert auf die eine oder andere Weise ästhetische Vorstellungen der Länder, zu denen sie gehören – und der Zeiten, in denen sie entworfen wurden. Wodurch man schon spannende Eindrücke bekommt, bevor man das erste Kunstwerk gesehen hat.

Venice Biennale, Israel Pavilion

Kaffeesatz, Flausch und Bedrohung: Gal Weinstein hat den israelischen Pavillon gestaltet

Sowohl für unsere Töchter als auch für uns ist es reizvoll, nach Lust und Laune von Land zu Land zu schlendern: Ungarn einen Besuch abzustatten und ein paar Schritte weiter den USA, uns von den märchenhaften Leuchtschwänen einfangen zu lassen, die Tschechien und die Skowakei gemeinsam präsentieren, oder eine Weile im Israel-Pavillon zu verweilen. Den bespielt der Künstler Gal Weinstein. Am Eingang warnt uns ein Schild vor möglichen Sporen von Schimmelpilzen. Was dem Kunsterlebnis in den Augen der Töchter bereits eine gewisse eklige Brisanz gibt. Innen riecht es nach Kaffee, denn der Künstler hat israelische Landschaften in Kaffeesatz nachgezeichnet. Beherrscht wird der Raum von einem fluffigen Wolkending mit Horn, das sich irgendwie bedrohlich in den Raum erstreckt. Es bringt Kriegsassoziationen ebenso mit sich wie die Idee absoluter Weichheit, die sich bestätigt, als meine Tochter und ich unseren Finger kurz und verbotenerweise hineinstecken. Gal Weinstein baut in seine Installation viele historische und politische Bezüge ein, aber wir brauchen sie nicht zu kennen, um etwas von der Sprengkraft dieses Gebildes zu begreifen, das Martialität und Sanftheit verbindet und sich zwischen Kaffeeduft und Schimmelsporen behauptet.

Wir wollen Spaß

Biennale Cafeteria Tobias Rehberger

Tobias Rehbergers Café-Kunstwerk trägt den Namen: „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“

Was wir brauchen, ist ein Sandwich. Das gibt es in Tobias Rehbergers Cafeteria, die der deutsche Künstler 2009 als Biennale-Kunstwerk geschaffen hat und die ich seit Jahren sehen will. Es ist ein verwirrender Op-Art-Raum mit fragmentierten Spiegeln, gezackten Linien, scharfen Farbkontrasten. Ein ziemlich psychedelisches Ambiente für Kaffee und Panini, aber optisch absolut befriedigend. Und dass ein Deutscher hinter diesem coolen Café steht, finden wir auch ganz gut.

Venice Biennale, Finnish Pavilion

Finnischer Humor: „The Aalto Natives“ von Nathaniel Mellors und Erikka Nissinen

Ebenso erfreut sind wir nach dem Kaffee über ein gigantisches sprechendes, wanderndes Filzei im finnischen Pavillon. Es liefert sich einen Dialog mit einem Wesen aus Pappkarton und Projektor; offenbar geht es um die finnische Zivilisation – oder so ähnlich. Wir sind etwas banausisch, was die im Hintergrund durch Videos untermalte Message dieses Kunstwerks angeht, und ergötzen uns vor allem an seiner Skurrilität. Wozu die gesamte Installation irgendwie auch einlädt.

Im japanischen Wunderland

Japan, entscheiden wir, muss auch in Venedig sein; immerhin sind wir im letzten Jahr um den halben Globus geflogen, um das Land zu sehen, da wollen wir uns das Nippon-Gastspiel auf der Biennale nicht entgehen lassen. Wir werden nicht enttäuscht.

Takahiro Iwasaki, Venice Biennale, Japanese Pavilion

Takahiro Iwasaki hat die Installation für den japanischen Pavillon geschaffen

Der Künstler Takahiro Iwasaki hat für den Hauptraum des Pavillons filigran gearbeitete Holzmodelle traditioneller japanischer Bauten geschaffen, deren Unterseite die Oberseite exakt spiegelt. Der Name der Installation: „Turned Upside Down, It’s a Forest“. Das Erlebnis des umgedrehten Raumes ist der Clou dieses Pavillons: Im Boden befindet sich eie Öffnung zu einem darunterliegenden Raum, von dem aus man einen kurzen Blick von unten in den Ausstellungssaal werfen kann -, um alles außer den nach oben und unten identischen Holzbauten verkehrtherum zu sehen.

Biennale die Venezia, Japan

Kunst zum Mitmachen

Das jüngere Kind und der Vater stehen unten Schlange, um zu diesem Ausguck vorgelassen zu werden, das ältere Kind und ich schauen, was im Ausstellungsraum so passiert. Zusammen mit vielen anderen Besuchern stehen wir am Rand der von Tüchern eingefassten Bodenöffnung und sehen gespannt nach unten, um uns an dem in der Regel sehr strahlenden Wunderland-Blick der auftauchenden Köpfe zu erfreuen. Eine ältere Italienerin erzählt uns, sie habe nicht im geringsten gewusst, was sie oben erwarte, und das Erlebnis sei wundervoll gewesen – nicht zuletzt, weil sie in lauter freundliche Gesichter geschaut hätte. Ob Takahiro Iwasaki bei der Konzeption des Pavillons außer an den ästhetischen auch an den kommunikativen Aspekt gedacht hat, wissen wir nicht, aber dieser gesamte Ort ist ein Quell positiver Energie.

Las Vegas liegt in Korea

Biennale in Venedig: Korea

„Venetian Rhapsody“ nennt Cody Choi die Fassade des korenischen Pavillons

Einer der großen Eyecatcher dieser Biennnale ist der koreanische Pavillon, der hier zwar nur wenige Schritte von dem auch auf der Weltkarte benachbarten Japan entfernt ist, von seiner Ausstrahlung aber kaum unterschiedlicher sein könnte. Statt filigraner japanischer Schlichtheit gibt es hier koreanischen Pop mit einer Pavillonfassade im Las-Vegas-Style. Cody Choi hat das Neon-Kunstwerk entworfen; im Inneren des Pavillons findet sich neben seinen Werken Kunst von Lee Wan. Beide setzen sich mit Korea und seiner Stellung im kulturellen Gefüge der Welt auseinander.

Kunst mit Kindern: Biennale in Venedig

„Proper Time“ von Lee Wan: Die individuellen Zeiten verschiedener Personen an unterschiedlichen Orten

Mal spektakulär, mal abstrakt, mal politisch

Venice Biennale Phyllida Barlow

Am Eingang des britischen Pavillons

Phyllida Barlow British Pavilion

Der Venedig-Balkon von Phyllida Barlow

Viele der Pavillons zeigen immersive Rauminstallationen: eine Kunstform, die meiner Erfahrung nach mit Kindern und Jugendlichen oft sehr gut funktioniert, manchmal aber auch ins Spektakelhafte abdriftet. Nicht so bei der Engländerin Phyllida Barlow, die den britischen Pavillon Landes unter dem Titel „Folly“ mit immensen Raumstrukturen ausstattet, deren gewaltige Dimensionen im Gegensatz zu ihrer unbehauenen, baustellenartigen Wirkung und ihren oftmals leichten Materialien wie Schaumstoff stehen. Phyllida Barlow ist 73 Jahre alt und arbeitet seit vielen Jahren ohne viel öffentliches Aufsehen an ihrer skulpturalen Welt, die eine eigene Erfahrungsdimension aufbaut. Dass das Wort „Folly“ einerseits eine verrückte Idee, andererseits aber vor allem exzentrische Scheinarchitekturen in englischen Gärten bezeichnet, verleiht Barlows Raumlandschaften einen zusätzlichen Reiz.

Venice Biennale, Russian Pavilion, Grisha Bruskin

Grisha Bruskin im russischen Pavillon

Nicht nur, aber vor allem unserer älteren Tochter macht der russische Pavillon großen Eindruck. Seine theatralisch inszenierten Räume sind in Schwarz-Weiß gehalten, vorwiegend abgedunkelt, mit aufregenden Schattenspielen und politischen Motiven, die sich im Großen und Ganzen um Themen von Masse und Macht drehen. Eine Entdeckung.

Biennale in Venedig mit Kindern oder ohne: Pläne fürs nächste Mal

Lorenzo Quinn Biennale in Venedig

Eines der spektakulären Kunstwerke im Rahmen der Biennale 2017: „Support“ von Lorenzo Quinn

In zwei Jahren möchte ich gern wieder zur Biennale in Venedig fahren – mal sehen, ob dann die eine oder andere Tochter freiwillig mitkommt. Aber ob mit oder ohne Kind: Ich würde auf jeden Fall zwei Tage für das Venedig zur Biennale-Zeit einplanen. Nicht nur, um mehr von den Länderpavillons zu sehen und die Themenausstellungen der Biennale zu besuchen, in die wir es diesmal gar nicht geschafft haben. Sondern auch, um weitere der vielen über ganz Venedig verstreuten Kunstschauen anzuschauen, die das offizielle Biennale-Programm begleiten. Ein Tag auf dem Biennale-Gelände in den Giardini und im Arsenale von Venedig – beide gut vom Markusplatz aus zu erreichen – und ein Tag im kunstgefüllten Venedig erscheinen mir im Augenblick als gute Kombination.

Die Eintrittspreise der kommenden Biennalen sind zwar noch nicht bekannt; als erster Anhaltspunkt können hier aber vielleicht die der diesjährigen Biennale gelten: Erwachsene zahlen 25 Euro, für Schüler und Studenten unter 26 Jahren beträgt der Eintritt 15 Euro; Kinder unter 6 Jahren zahlen nichts. Für Familien bieten sich vor allem Gruppentickets an: 42 Euro zahlt man, wenn man die Biennale mit drei Personen besucht, von denen mindestens eine unter 16 ist; 14 Euro kostet dazu jedes weitere Ticket für eine Person unter 16.