Die Bock-Kasematten in der Stadt Luxemburg lohnen sich – mit Kindern wie ohne: kilometerlange kühle und dunkle Gänge unter der Erde, hineingehauen in den Fels, vor Jahrhunderten angelegt, um die Festungsstadt noch etwas wehrhafter zu machen. Heute sind die Kasematten eine unterirdische Attraktion, die ihre Besucher in einen Zeitreise-Modus zwischen Romantik und harter historischer Realität versetzt.

Der Weg ist das Ziel


Hinab in den Grund


Schon der Weg zu den Bock-Kasematten ist herrlich labyrinthisch

Zum Glück ist es mit der künstlichen Intelligenz der Handys noch nicht allzu weit her. Wären wir auf dem Weg von unserem Hotel zu den Bock-Kasematten nicht dem Handy meines Mannes gefolgt, wären wir vermutlich auf einem sehr direkten, schönen, aber unspektakulären Weg ans Ziel gelangt – ganz ohne Steigungen, Stufen und verschlungene, in Felsen gehauene Wege. Aber das Handy berechnet offenbar nur die Laufmeter, nicht den körperlichen Kraftverbrauch. Zum Glück. Als wir uns den Bock-Kasematten annähern, steigen wir aus Luxemburgs Oberstadt hinab in den zu Recht so genannten Grund, durch den sich idyllische Altstadtgässchen schlängeln. Das Handy schickt uns durch in Mauerruinen geschlagene Treppenhäuser, vorbei an Festungsrelikten, über eine Brücke, die gleichzeitig Bollwerk ist.


Relikte von einst


Bitte einmal das Schießscharten-Panorama genießen!

„Diese Stadt ist ein Labyrinth!“, sagt unsere ältere Tochter. Sie weiß noch nicht, wie recht sie hat. Denn das Extremlabyrinth der Stadt Luxemburg befindet sich mitten in den Felsen, in denen man 1644 Kasematten anzulegen begann: unterirdische Verteidigungsanlagen.

Höhlen-Feeling in den Bock-Kasematten


Es tropft!

Die Bock-Kasematten mit ihren ehemals 23, heute 17 Kilometern unterirdischer Gänge auf mehreren Ebenen gehören zu Luxemburgs größten Touristenattraktionen. Sie waren nach den Petruss-Kasematten die zweite derartige Anlage Luxemburgs; mit ihrem Bau wurde 1745 begonnen. Über 1000 Soldaten waren hier zeitweise stationiert, zusammen mit Pferden – und mit aufwendigen Versorgungseinrichtungen, unter denen sich sogar eine Bäckerei und eine Schlachterei befanden. Heute sind die Kasematten zusammen mit Luxemburgs Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe.


Kanone vor Schießscharte über Luxemburg

Wir brauchen keine fünf Minuten, um die Orientierung zu verlieren. Wir fühlen uns wie in einer Höhle oder einer Gruft, vor allem aber wie in einem Labyrinth. Allerdings gibt es hier Schießscharten – in Hülle und Fülle. In einigen hat man zu musealen Zwecken wieder Kanonen deponiert. Das hilft uns dabei, uns die eigentliche Funktion dieser Öffnungen im Stein zu veranschaulichen – ansonsten könnte man sie leicht für Stationen mit besonders attraktiven Stadtpanoramen halten.


Hier residierte im 18. Jahrhundert der Befehlshaber

Überhaupt ist es nicht einfach, sich vorzustellen, wie von hier aus Kriege geführt wurden. Eine Folge von Felsräumen, so lesen wir, diente dem 82-jährigen habsburgischen Feldmarschall von Bender während einer achtmonatigen Belagerung am Ende des 18. Jahrhunderts als Büro, Vor- und Schlafzimmer. Richtig gemütlich wird er es nicht gehabt haben.


An manchen Stellen geht es bis 40 Meter hinunter


Soldatenalltag mit vielen Stufen

Steile Wendeltreppen führen in ein Untergeschoss, zahllose Stufen wieder hinauf. „Was ist denn das für’n Krieg! Treppensteigen!“, beschweren sich zwei deutschsprachige Jungs hinter mir. Womit sie natürlich einen entscheidenden Punkt zur Sprache gebracht haben: Das Soldatenleben bestand auch in den gern mythisch verklärten früheren Zeiten viel weniger in heroischen Kampfestaten als in einem entbehrungsreichen, ermüdenden Alltag, in dem es mehr um Logistik als um Politik ging.

Die Gnade der späten Geburt


Fotogenes Schießschraten-Panorama


In diesen Brunnen soll sich die schöne Melusine zurückgezogen haben

Wir allerdings leben im Luxus. Wir können die fotogene Qualität der Schießscharten genießen und träumerisch in den 47 Meter tiefen Burgbrunnen hinabschauen. Das Moos scheint uns romantisch und märchenhaft, und wir müssen uns zur Raison rufen, um an so profane Dinge wie Anstrengung und Wasserqualität zu denken. Für Besucher von heute sind die Bock-Kasematten vor allem ein magischer Ort, an dem die Phantasie spannende Zeitreisen unternimmt. Dagegen ist nichts einzuwenden; nicht jeder Ausflug muss unter dem Zeichen historischer Korrektheit stehen, und wenn Kinder hier von einem Hauch der Vergangenheit angeweht werden, hat sich der Kasematten-Besuch schon gelohnt. Heimlich denke ich: Lieber begleitet von den eigenen Gedanken hier herumlaufen als berieselt von multimedialen Informationen. Aber das ist ein unter museumspädagogischen Gesichtspunkten ketzerischer Gedanke. den ich nicht auf jede historische Sehenswürdigkeit übertragen möchte.

Erst harter Stein, dann Samt und Sahne


Blick über die Abtei Neumünster, die heute Kulturzentrum ist

Nach einem Besuch der Bock-Kasematten hat man im Regelfall einige Kalorien verbrannt. In Luxemburg ist es kein Problem, sich die zurückzuholen. Ich empfehle, wir schon in meinem ersten Luxemburg-Blogartikel, das Chocolate House direkt gegenüber dem großherzoglichen Palast. Hier verkauft die Chocolatière Nathalie Bonn spektakuläre Schoko-Kreationen, Pralinen, Brotaufstriche und Torten. Im ersten Stock gibt es ein kleines Café, das außer Süßem auch Salziges anbietet. Dieses Café ernennen wir zum perfekten Ort, um nach dem Kasemattenbesuch aufzutanken. Zum Beispiel mit einer Streifentorte namens „Red Velvet“.


Im Chocolate House herrscht eine deutlich andere Atmospähre als in den Kasematten


Roter Samt: die Torte „Red Velvet“

INFO:

Von Mitte Februar bis Mitte November sind die Bock-Kasematten täglich von 10.00 Uhr bis 17.30 geöffnet. Die genauen Jahresöffnungszeiten entnimmt man am besten der Website. Erwachsene zahlen 6 Euro Eintritt, Kinder 3 Euro. Familien mit  Kinderwagen, Menschen mit Gehbehinderungen oder Personen mit klaustrophobischen Symptomen ist von dem Besuch der Kasematten abzuraten.