„Éducation anti-plage?“, raunt mir mein Mann ins Ohr: „Anti-Strand-Erziehung?“ Auf Französisch, damit die Töchter es nicht verstehen. Mist. Ich habe es wohl etwas übertrieben. Dabei wollte ich doch nur ein Kind auf den Pfad der Reisetugend führen.

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Es gibt Menschen, die halten es keinen halben Tag am Strand aus. Werden hibbelig, kribbelig, grantig und müssen weg, weiter, woandershin. Zu diesen Menschen gehören die drei älteren Mitglieder unserer Familie. Aber dann gibt es da noch eine Zehnjährige, die seit Jahren von etwas träumt, was sie nicht kennt und was sich in ihren Ohren magisch anhört: Strandurlaub mit Wasser, Sand, Eis und Sonnenschirmen. Ohne Wir-fahren-jetzt-dorthin- und Wir-wollen-uns-noch-etwas-anschauen-Programm.

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Nicht zuletzt, um diesen Wünschen entgegenzukommen, fliegen wir für eine Woche nach Barcelona. Dort ist kein Mangel an Sonnenschirmen, wir mieten ein Appartement mit Pool-Zugang, und es gibt Stadtstrände. Drumherum eine Metropole mit vielen interessanten Dingen: ein fairer Kompromiss, wie wir finden.

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Aber dann gehen wir noch einen Schritt weiter. In der Mitte unserer Barcelona-Reise nehmen wir uns für einen Tag einen Mietwagen und fahren nach Figueres, ins Teatre-Museu Dalí. Das ist nicht weit weg, deshalb haben wir genug Zeit, um noch ein bisschen die Costa Brava anzusehen. Unser Blick bleibt auf der Karte an einem Ortsnamen hängen, den jeder schon gelesen hat: Lloret de Mar. Ein Ort, von dem wir die Bestätigung unserer Vorurteile gegenüber dem klassischen Bade-Massentourismus erwarten. Eine Sorte Ort, an der wir noch nie waren. Für Mutter und Vater eine dieser Kuriositäten, die unter dem ethnologisch angehauchten Motto „Muss man sich mal anschauen“ laufen.

Also machen wir auf unserem Rückweg von Figueres Station in Lloret de Mar. Und werden wahrlich nicht enttäuscht. Tiefer und tiefer fahren wir in ein Gedränge klotziger Bauten hinein, auf denen irgendwo über unzähligen Zimmerfenstern wohlklingende Hotelnamen in unbeholfenen Lettern angebracht sind. Was jetzt passiert, ist abzusehen: „Schau mal, so ist es, wenn man einen richtigen Strandurlaub macht“ – der Holzhammer, mit dem wir versuchen, die jüngere Tochter auf den tugendhaften Pfad eines Individualtourismus mit eingeschränkter Strandnutzung festzunageln.

Mit jedem Meter wird die Szenerie heftiger, bis sie in einem „wurstmeister“-Imbiss und einer belgischen Kneipe namens „De Peetvader“ kulminiert. Wir müssen nichts mehr sagen. Die Sonnenschirm-Träume des kleineren Kindes haben einen Grauschleier erhalten; das größere will sich an diesem peinlichen Ort nicht fotografieren lassen.

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Und dann sitzen wir am Strand und finden uns auf einmal verdammt arrogant. Weil wir den Kindern ein Reiseziel, an dem andere glücklich sind, als Schreckensort respektive Kuriosität präsentieren. Weil wir irgendwo im Hinterkopf natürlich glauben, eine Form des Reisens, in der man keine künstliche Enklave für die eigenen Bedürfnisse, sondern fremde Welten sucht, sei irgendwie überlegen. Weil unsere Aufgeschlossenheit sehr selektiv ist.

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Wir wollen trotzdem keine Reise nach Lloret de Mar buchen. Aber wir sind in dieser Stadt außer einer tristen Strandpromenade, passend überschattet von der einzigen Wolke unserer ganzen Spanienreise, leider auch unserem eigenen Snobismus begegnet. Und da Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Schritt zur Besserung ist, sind uns gleich diverse Strände eingefallen, an denen wir es schön hatten. Zumindest, wenn wir nicht länger als zwei Stunden geblieben sind. Dream on, Tochter.

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