Vier Kinder- oder Jugendbücher, die vier verschiedene Facetten von Paris einfangen – jedes mit einer besonderen Kombinationen aus Erzählung und Illustration.

I. Mademoiselle Oiseau: Die hundertprozentige Pariserin

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Mademoiselle Oiseau ist ein Phänomen. Zwei Schwedinnen, die in Frankreich leben, haben sie erfunden: Andrea de la Barre de Nanteuil hat DIE GESCHICHTE DER MADEMOISELLE OISEAU geschrieben, die Modeillustratorin Lovisa Burfitt hat die Bilder dazu gezeichnet; erschienen ist das Buch auf Deutsch und auf Englisch bei Kleine Gestalten. In der exzentrischen Mademoiselle Oiseau, die zusammen mit zahllosen Katzen und Vögeln im sechsten Stock eines Hauses in der Avenue des Temps Perdus lebt, bündeln sich alle möglichen Paris-Sehnsuchtsbilder, die wir mit uns herumtragen.

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Mademoiselle ist furchtbar elegant, aber das sieht kaum jemand, denn sie lebt zurückgezogen in ihrer Wohnung und lässt ihre Einkäufe – vornehmlich Patisserie-Einkäufe; sie liebt Torten und Macarons – von einer ihrer Katzen erledigen. Ihr Appartement ist ein künstliches Paradies mit einem gewissen dekadenten Exotismus, in dem es außer den Tieren einen pflanzenbemalten Pool gibt, ein Parfumlabor, eine Menge Schubladen voller Rüschen, Knöpfe, Bänder und mehrere geheimnisvolle Zimmer, die in Anbetracht der Architektur des Hauses unmöglich real sein können. Durch einen Tunnel gerät man sogar, Mary-Poppins-like, in einen Schlossgarten.

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Im Stockwerk unter Mademoiselle Oiseau wohnt Isabella, die sich in ihrem Inneren leer und grau fühlt. Zufällig macht sie die Bekanntschaft ihrer außergewöhnlichen Nachbarin. Die beiden schließen Freundschaft, und Mademoiselle Oiseau bringt Farbe und Mut in Isabellas Leben, denn sie ist nicht nur eine feine Dame, sondern ein manchmal auch ganz kindisches Geschöpf oder eine temperamentvolle Parisienne, die laut schimpft, wenn sie sich ärgert, und Édith-Piaf-Chansons singt, wenn sie gute Laune hat.

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Isabella erlebt zauberhafte Tage mit Mademoiselle und wundersame Dinge, nach deren erzählerischer Logik man nicht immer fragen darf. Mehr als um die geht es um Bilder und Atmosphären, die durch die Episoden dieser ungewöhnlichen Freundschaft hervorgerufen werden. Denen verleiht die Illustratorin Lovisa Burfitt mit ihrem skizzenhaften, stylischen und dynamischen Strich eine zauberhafte Optik. Sie ist verliebt in Paris und in die ganze Bildwelt, die sich mit der Stadt verbindet. MADEMOISELLE OISEAU beweist, dass natürlich eine Modeillustratorin mit Wahlheimat Frankreich goldrichtig ist, um Leserinnen ab dem Grundschulalter mit dem Flair der Stadt zu infizieren.

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II. Eloïse: Lost in Paris

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Wie sie heißt, ist ebenso wenig klar wie alles andere. Eloïse Pinson steht auf den Dokumenten in der Tasche, die sie neben sich findet, als sie auf einer Pariser Parkbank zu sich kommt und gar nichts mehr weiß über sich und ihr Leben. Sie ist WIE EIN LEERES BLATT – so der Titel der Graphic Novel, hinter der die Illustratorin Pénélope Bagieu und der Comicautor Boulet stehen (erschienen bei Carlsen).

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Die vermeintliche Eloïse macht sich auf dem Weg in die Wohnung, deren Adresse sich in der Tasche findet, wird von ihren Nachbarn wiedererkannt und von Kollegen am Telefon gefragt, warum sie nicht bei ihrer Arbeit in einer großen Buchhandlung sei. Weder an die Kollegen noch an die Arbeit kann sie sich erinnern.

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Schritt für Schritt tastet Eloïse sich durch ein Paris, das hier nicht als romantischer Hintergrund, sondern als die unübersichtliche Kulisse ihrer Verwirrung erscheint. Sie versucht sich der Persönlichkeit anzunähern, die sie wohl sein muss – doch sie findet erschreckend wenige Hinweise auf den Charakter und das Leben dieser Eloïse Pinson. Mehr und mehr scheint ihr, dass sie bislang eine recht profillose junge Frau war, die mit der Masse schwamm und einem ziemlich uninteressanten Alltag nachging. Die Menschen, mit denen sie vor ihrem Gedächtnisverlust Freundschaften und Liebesbeziehungen pflegte, erscheinen ihr jetzt unangenehm, dafür findet sie eine echte Freundin in einer Kollegin, die in ihrem früheren Sozialleben eher die Rolle der Außenseiterin eingenommen hatte.

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Die Ärzte finden keine Erklärung für Eloïses mysteriöse Amnesie, und auch eine Reise in den Norden Frankreichs, bei der sie nach familiären Spuren sucht, hilft ihr nicht weiter. Es folgt ein Zusammenbruch, an dessen Ende die neue Eloïse Tabula rasa macht mit der alten Eloïse, deren Spuren aus der Wohnung räumt und ihr Leben neu beginnt.

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WIE EIN LEERES BLATT wurde 2014 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: ein Buch, in dem es um die Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung geht und darum, dass man manchmal die Chance ergreifen muss, Altes abzuschütteln und neu anzufangen. Für Jugendliche ab etwa 14 Jahren ist nicht nur das Thema relevant, sondern auch der Stil der Graphic Novel. Pénélope Bagieu lässt Eloise zwar drollig wirken, aber ihre Verunsicherung überträgt sich beim Betrachten ihrer Mimik und Körpersprache sehr direkt auf den Leser, der gleichzeitig Spaß hat an den etwas coolen, etwas komischen Zeichnungen und an dem Setting im Pariser Alltag.

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III. Hugo Cabret: Leben auf der dunklen Rückseite der Großstadt Paris

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1931. Hugo Cabret führt ein geheimes Leben in den Räumen hinter den Uhren eines großen Pariser Bahnhofs. Sein Vater ist gestorben; sein Onkel, der Bahnhofsuhrenkontrolleur, der ihn zu sich genommen hatte, spurlos verschwunden. Keiner weiß von der Existenz des Jungen, der sich jetzt um die riesigen Uhren kümmert und in seiner übrigen Zeit an der Reparatur einer automatischen Figur arbeitet, die sein Vater ihm hinterlassen hat und die ihn vor der Einsamkeit bewahrt.

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Alles ändert sich, als Hugo den alten Besitzer eines Bahnhofsgeschäfts für mechanisches Spielzeug und seine Ziehtochter Isabelle kennenlernt. Auf seltsame Weise scheint das Schicksal dieser beiden mit dem Automaten verknüpft, an dem Hugo baut und hinter dem sich offenbar eine geheime Geschichte verbirgt. Auf diese Geschichte läuft DIE ENTDECKUNG DES HUGO CABRET, geschrieben und gezeichnet von Brian Selznick (cbj Verlag), hinaus.

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Selznick hat eine einzigartige Kombination aus Text- und Bilderzählung geschaffen. Große Teile des Romans bestehen aus Schwarz-weiß-Zeichnungen, die den Leser manchmal Schritt für Schritt an das Geschehen heranzuzoomen scheinen – ganz wie ein Film. Und tatsächlich ist das Buch eine Hommage an den frühen Film und an den französischen Regie-Pionier Georges Méliès, der sich hinter der Figur des Spielzeugladen-Besitzers verbirgt und dessen große Vergangenheit Hugo und Isabelle ans Licht bringen.

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Bis ihnen das gelingt, führt Hugo ein riskantes Leben in seinem Bahnhofsversteck. Unbedingt muss er vermeiden, entdeckt zu werden, denn zum einen fürchtet er das Waisenhaus, zum anderen hat er eine Mission zu erfüllen. Hugos Bahnhofsexistenz ist eine umwerfende Kulisse für den Zeichner Selznick, der sie in Bildern von einer nostalgischen und melancholischen Tönung einfängt. Allerdings handelt es sich bei Selznick um eine echt französische „belle mélancholie“ voller Atmosphäre. Vielen ist Hugo Cabret aufgrund des gleichnamigen 3-D-Films von Martin Scorsese ein Begriff, der Selznicks Roman auf einzigartige Weise in Bewegung versetzt. Doch die Magie des Buches und die des Films sind nicht austauschbar, weshalb DIE ENTDECKUNG DES HUGO CABRET sich auch für die Leser ab etwa zehn Jahren lohnt, die den Film bereits kennen.

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IV. Catherine: Erinnerungen an ein Paris voller Poesie

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Wenn zwei wie der Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano und der große Zeichner Jean-Jacques Sempé zusammen ein Kinderbuch machen, dann muss etwas Besonderes entstehen. Und mit CATHERINE, DIE KLEINE TÄNZERIN (verlegt bei Diogenes) haben sie in der Tat eine Kostbarkeit fürs Bücherregal geschaffen.

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Catherine lebt mit ihrem Vater im 10. Pariser Arrondissement. Die Mutter, eine amerikanische Tänzerin, ist in ihre Heimat zurückgekehrt, aber der Vater gibt Catherine eine Menge Geborgenheit. „Ich hatte meine Brille abgenommen, und Papa hatte seine abgenommen. alles um uns herum war sanft und wie im Nebel. Die Zeit war stehengeblieben. Wir fühlten uns wohl.“

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Wie ihre Mutter, so tanzt auch Catherine – am liebsten ohne Brille, denn dann ist sie in der weichen und fließenden Traumwelt, die sie mit ihrem Vater teilt und die ein sanftes Polster ist zwischen den beiden und den Formalitäten und Hierarchien der Berufs- und Gesellschaftswelt, für die der Vater kein glückliches Händchen hat. Er treibt etwas windige Import-Export-Geschäfte, die Catherine nicht durchschaut. Hier und da schnappt sie beunruhigende Dinge auf – wie die Tatsache, dass ihr Vater bereits im Konflikt mit der Justiz war, und dass es da eine Dame gibt, die erstaunlich vertraut mit ihm ist. Diese Dinge bleiben so dunkel und unaufgelöst, wie es typisch für den Schriftsteller Modiano ist, der die ganze Geschichte rückblickend aus der Erinnerung der erwachsenen Catherine erzählt.

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Und in dieser Erinnerung zählen die weichen Konturen viel mehr als die harten Unklarheiten. In dieser Erinnerung wird es „immer ein kleines Mädchen geben, das Catherine Certitude heißt und mit seinem Vater durch die Straßen des 10. Arrondissements von Paris schlendert.“ Diesem Mädchen, seinem Vater, ihrer innigen Beziehung und einem nostalgischen Paris zeichnet Sempé auf vielen Seiten ein poetisches und humorvolles Denkmal. Das Paris seiner Bilder gehört der Vergangenheit an. Catherine und ihr Vater haben es hinter sich gelassen, um zur Mutter nach New York zu ziehen. Aber in ihrer Erinnerung und auf Sempés Illustrationen wird es immer da sein. Leser ab etwa acht Jahren können sich hoffentlich noch lange davon überzeugen.

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