New York ist eine grandiose Kulisse für Illustratoren und liefert jede Menge Stoff für Geschichten. Vier NYC-Bilderbücher habe ich auf diesem Blog schon vorgestellt; jetzt kommen vier weitere: in den letzten Monaten entdeckt und so schön, dass sie einfach gezeigt werden müssen, obwohl sie teils englisch, teils französisch sind – aber immer mit sparsamen Texten und auch ohne große Sprachkenntnisse verständlich.

I. ANKOMMEN IN EINER NEUEN WELT

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Ein Flugzeug landet in New York. Eine asiatische Familie steigt aus: Vater, Mutter, Kleinkind im Buggy, Junge im Schulalter. Sie fahren mit dem Taxi durch die nächtliche Großstadt, bis sie bei einer Wohnung ankommen, die dem Jungen völlig fremd ist. Hier wird von nun an sein Zuhause sein.

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HERE I AM mit einer Storyline von Patti Kim und Illustrationen von Sonia Sánchez erzählt eine Einwanderungsgeschichte aus unserer Zeit – und zwar eine, die völlig ohne Worte auskommt (erschienen bei Capstone; zu bestellen übers Internet). Zeichnungen des grauen, unbekannten New York, das die neue Realität des Jungen darstellt, wechseln sich ab mit den imaginären Traumbildern eines zauberhaften Asien, die sich dank einem mitgebrachten Samenkorn im Kopf des Jungen entspinnen. Bis zu dem Tag, an dem er das Samenkorn fallen lässt, damit ein Mädchen auf der Nachbarschaft es aufhebt – nur, um dem Blickfeld des Jungen gleich wieder zu entschwinden. Während er Mädchen und Samenkorn sucht, entdeckt er New York mit neuen Augen: Plötzlich scheint seine Traumsaat auch hier aufzugehen. Bald findet er das Mädchen und schließt seine erste Freundschaft im neuen Land. HERE I AM ist eine sehr symbolische Story über das Ankommen in der Fremde, deren Wortlosigkeit die Möglichkeit, sich über kulturelle Grenzen hinweg zu verständigen, nur unterstreicht. Die cartoonartigen Illustrationen bringen die Gefühle des Jungen ebenso gut herüber wie die Größe und Vieldimensionalität der Stadt New York. Aber HERE I AM ist keineswegs nur eine Geschichte über Asiaten in Amerika: Wenn man an die vielen Kinder denkt, die dieser Tage mit ihren Erinnerungen an eine ganz andere Welt in Deutschland ankommen, entfaltet das Bilderbuch eine große Relevanz.

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II. KLEIN SEIN IN DER GROSSEN STADT 

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Elliot ist ein sehr kleiner, weißer, pastellfarben gepunkteter Elefant, den Zeichner und Autor Mike Curato in LITTLE ELLIOT – BIG CITY durch ein patinagetöntes New York schickt (Henry Holt Books, zu bestellen übers Internet; im Januar 2016 ist das Buch unter dem Titel KLEINER ELLIOT – GROSSE STADT bei Sauerländer auf Deutsch erschienen). Der Kleine liebt die große Stadt, aber ihre Dimensionen stellen ihn vor ziemliche Herausforderungen – ob unterwegs zwischen Menschenmassen, in denen er fast verschwindet, oder in seiner Wohnung, die für Menschen, nicht aber für winzige Elefanten gemacht ist.

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Little Elliot hat ein sehr freundliches, positives Naturell, schließlich allerdings passiert doch etwas, was ihn richtig traurig macht. Elliot liebt Cupcakes, aber es gelingt ihm nicht, einen zu kaufen: Er ist so klein, dass die Verkäuferin ihn hinter dem Tresen nicht sieht. Die Traurigkeit hält jedoch nur an, bis der Elefant eine Maus trifft, die noch kleiner ist als er und noch größere Probleme hat. Das Happy End der Geschichte ist klassisch: Maus und Elefant tun sich zusammen, finden für jedes Problem gemeinsam eine Lösung und sind am Ende beide nicht mehr allein. Auch die Botschaft mit dem Tenor „gemeinsam sind wir stark“ und „körperliche Größe ist nicht alles“ ist klassisch. Den Zauber des Buches machen Curatos Illustrationen aus. Der matte, nostalgische Sepiaton, der sein New York mit einem melancholischen Schleier überzieht, verleiht der Geschichte von Little Elliot eine eigenwillige Poesie und zeigt New York von einer sehr atmosphärischen Seite.

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III. FILIGRANE ZUFLUCHTSMETROPOLE

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Der Franzose Antoine Guillopé hat in den letzten Jahren einige Aufsehen erregende Kinderbücher gestaltet. Er arbeitet mit einer Laserschnitt-Technik, mittels derer er scherenschnittartige, filigran durchbrochene Seiten schafft. Beim Blättern legen sich diese papiernen Gerüste über die Motive links und rechts von ihnen, sodass stets eine neue Szenerie mit Tiefeneffekt entsteht.

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Einige von Guillopés Büchern sind auf Deutsch erschienen; LITTLE MAN (verlegt bei Gautier-Languereau; zu bestellen übers Internet) noch nicht. LITTLE MAN ist eine hinreißende Paper-Art-Hommage an New York. Gaultier ist fasziniert von den feinen Strukturen der New Yorker Architektur und überträgt sie in Gitterwerke aus Papier.

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Die Texte dazu sind knapp; dass es eine Hintergrundstory gibt, entpuppt sich erst in der Mitte des Buches. Während der Junge Cassius auf den ersten Seiten beeindruckt durch New York läuft, wird hier die Kulisse des Big Apple für eine Doppelseite durchbrochen, um den Blick freizugeben auf seine Vergangenheit in einem afrikanisch anmutenden Kriegsgebiet. Umso emotionaler tritt danach wieder New York in Erscheinung: als starker Zufluchtsort mit einer Statue, die über Cassius wacht.

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IV. DAS ART-DÉCO-SCHNEEWITTCHEN

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Die böse Stiefmutter ist die Königin der Unterweit, und statt im Spieglein an der Wand sieht sie sich gern im New York Mirror. SNOW WHITE IN NEW YORK von Fiona French (Oxford University Press; zu bestellen übers Internet) ist eine hinreißende Schneewittchen-Variation, angesiedelt in einer mondänen Zwanziger-Jahre-Welt und gezeichnet im Stil des Art déco.

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Der harmoniert bestens mit dem New Yorker Setting, denn der luxuriösen Geometrie und Ornamentik des Art déco verdankt die Stadt einige ihrer schönsten Gebäude.

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In dieser Welt stirbt Schneewittchen nicht an einem Biss in den Apfel, sondern an einer vergifteten Kirsche im Cocktailglas. Ihre sieben Jazzmusiker, stattlich statt zwergenhaft, tragen den gläsernen Sarg kummergezeichnet in die Kirche, doch wie wir alle wissen, ist die Geschichte damit nicht zu Ende. Auch Schneewittchens Prinz ist ein Kind seiner Zeit: Von Beruf Zeitungsreporter, hat er der Schönen zur Berühmtheit verholfen, als sie in der Band der sieben Jazzmusiker den Job der Sängerin übernahm. Und wer einen zum Star macht, wird am Ende gern geheiratet.

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SNOW WHITE IN NEW YORK ist eine meiner liebsten Bilderbuch-Entdeckungen der letzten Zeit – nicht zuletzt wegen der fantastischen Illustrationen, aufgrund derer es mit der amerikanischen Kate Greenaway Medal ausgezeichnet wurde und die das New Yorker Art-déco-Flair grandios einfangen. Mit diesem Buch kann man viele Leute beglücken: sich selbst, Freundinnen mit dem passenden Humor, Kunstliebhaber und natürlich Kinder, sobald sie das Alter erreicht haben, in dem sie sich über tödliche Cocktailkirschen amüsieren können.

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