Wer in der Umgebung von Boston für ein paar Tage ans Meer will, fährt klassischerweise nach Cape Cod. Da wir bei der Reiseplanung gern die B-Seite der Hauptattraktion wählen und dabei hoffen, die überfüllten Orte zu meiden, entscheiden wir uns für „Massachusetts’s other cape“: Cape Ann, eine perfekte Neuengland-Idylle nördlich von Boston.

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Laut Reiseführer ist der Atlantik vor Cape Ann zu kalt zum Baden. Nicht immer. Unser Problem ist eher der Kampf gegen den inneren Schweinehund, der unbedingt im klimatisierten Hotel bleiben will, statt die fünfzig Schritte durch die brutale feuchte Hitze bis zum klimatisierten Auto zurückzulegen, das uns an den Strand bringt.

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Wir sind in Rockport, Massachusetts, einem amerikanischen Bilderbuchstädtchen. Rockport ist ein traditionsreicher Ferienort, und zwar einer, in dessen Geschäften und Schnellrestaurants kein Alkohol ausgeschenkt wird. Puritanisches Erbe – immerhin gehörte Cape Ann zu der Gegend, in der sich im 17. Jahrhundert die streng religiösen englischen Pilgrim Fathers niederließen.

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IMG_5917Breakfast in America

Altes, wenngleich nicht ganz so altes Amerika ist auch unser Hotel, das Emerson Inn by the Sea. Wenn am Nachmittag ein Pianist am Flügel sitzt und daneben Kekse und Eistee für die Gäste serviert werden, fühlen wir uns wie in einem alten Film. Auch die Kinder haben ihren Spaß an dieser leicht angestaubten luxuriösen Kulisse, und wir sehen uns bestätigt in unserer Überzeugung, dass man auf Reisen keineswegs auf Kinder zugeschnittene Attraktionen braucht: Ein altes Hotel hat unter Umständen mehr Zauber als eine mühevoll durchdesignte Erlebniswelt.

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Was unsere Töchter allerdings im Gegensatz zu ihren Eltern überhaupt nicht interessiert, ist der Hummer. Den gibt es hier überall; er ist ebenso ein Symbol für Neuenglands Küste wie die Leuchttürme. Cape Ann hat mehrere. Der, den wir ansteuern, heißt Annisquam Lighthouse (Bild ganz oben), steht auf einem kleinen Felsenhügel, ist in seiner jetzigen Form über 150 Jahre alt und vom Festland aus nicht leicht zu finden. Aber die Suche lohnt sich: Vor dem blendend weißen Turm erleben wir unseren persönlichen Edward-Hopper-Moment.

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Abgedrehter ist das Paper House. 1922 begann ein Ingenieur, sich dieses Haus als Sommerresidenz in Rockport zu bauen – aus gepresstem und verklebtem Zeitungspapier. Damit füllte er das Holzgerüst des Hauses, und daraus baute er Möbel, ein Klavier und eine Standuhr. Mehr als 100 000 Zeitungen hat er verbraucht. Außen ist das Haus lackiert, denn in Neuengland können die Winter hart sein. Von denen sind wir weit entfernt. Wir erleben Cape Ann nur als Sommerparadies und fragen uns in Anbetracht der wunderschönen, bestens gepflegten Holzhäuser, die jede Straße säumen: Ist das echt? Gibt’s das wirklich, so eine Gegend ganz ohne Scheußlichkeiten? Sylt, du kannst einpacken.

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Bevor wir nach Cape Ann kamen, waren wir in den Berkshires – eine Gegend von Neuengland, die ideal für Familien ist. Hier geht’s zu unseren Eindrücken