Was mit ihrer Mutter nicht stimme, wurde meine ältere Tochter kürzlich von ihrem Cellolehrer gefragt. Weil diese Mutter aus Hamburg stamme und trotzdem freiwillig in einer kleinen Großstadt in Süddeutschland lebe. Womit der Cellolehrer so einige Nerven traf und mir den entscheidenden Anstoß gab, ausgiebig über mein Leben als Exilhamburgerin nachzudenken.

Ja, es wird immer da sein, dieses Gefühlsensemble: der Sog gen Norden; die Emotionswelle, wenn der Zug über die Elbbrücken in den Hamburger Hauptbahnhof einfährt; die Verbundenheit mit dem platten Land; die Vertrautheit mit den sprachlichen Nuancen der Heimat. Und ja: Ich bin freiwillig weggegangen aus der Freien und Hansestadt Hamburg, der nordischen Perle, der schönsten Stadt der Welt, der hippen Hauptstadt der Herzen. Mit 19. Um zu studieren. Weil es meine Fächerkombination in Hamburg nicht gab, aber im Grunde nicht wirklich deshalb. Ich wollte weg. Nicht wegen der Stadt, nicht wegen meiner Eltern, nicht wegen meiner Freunde. Sondern, weil es für mich persönlich Zeit war für einen Break. Zeit, ein wenig frischen Wind in die eigene, im Grunde selbstgefundene, aber auch fixe Rolle zu bringen, auf die meine Umwelt und ich mich in den ersten 19 Jahren meines Lebens festgelegt hatten. Ich glaube, so ein Break nach der Schulzeit kann sehr sinnvoll sein, aber vermutlich braucht ihn nicht jeder.

Hamburg ist schön, Hamburg ist cool – und sonst so?

Die Stadt Hamburg spielte bei meiner Entscheidung, zu gehen, keine besondere Rolle. Hamburg war für mich nie die Postkartenschönheit, an der man sich als Tourist erfreut. Obwohl ich diesen Aspekt der Stadt täglich vor Augen hatte: Mein Gymnasium lag nahe an der Außenalster, jeden Morgen bot die S-Bahn-Fahrt mir Panoramablicke auf die beiden Seiten der Alster. Aber auf meinem langen Schulweg von der bäuerlichen Idylle der Vier- und Marschlande  – über die habe ich hier geschrieben – in die City gab es vor allem andere Facetten der Stadt zu sehen, die mein Hamburg-Bild bis heute tief prägen: Industriegebiete, Schornsteine, Bahngleise, Fleete von der weniger romantischen Sorte, desolate Wohnviertel. Als Kind begleitete ich an Samstagen – auf Hamburgisch: an Sonnabenden – oft meinen Vater, der als Logistiker eines Industrieunternehmens den Wochenendbeginn dazu nutzte, noch gewisse Erledigungen in Hafenbüros, in Speditionen und auf Zollämtern abzuwickeln. Mag sein, dass auch an diesen Orten irgendwie der Hauch der großen weiten Welt weht, in die man hier schließlich Waren verschifft, aber ich kann versichern: Man bemerkt relativ wenig davon. Ein trister Mief überwiegt.

Das Hamburg einer Exilhamburgerin

Eines meiner ganz persönlichen archetypischen Hamburg-Bilder

Hamburg Moorfleet

Wo verladen wird, braucht man Fässer

Natürlich gibt es die wunderbaren Hamburger Villen, nicht nur an der Elbchaussee und in Blankenese, sondern in verschiedenen Stadtteilen. Es gibt ruhige Wohnviertel in großzügigem Grün, gediegene Straßenzüge, versnobte Gegenden. Es gibt sogar das erwähnte ländliche Hamburg, in dem ich aufgewachsen bin und das viele Hanseaten gar nicht kennen. Es gibt das wilde Sankt Pauli, Underground-Hotspots und die richtig heruntergekommenen Ecken. Aber vor allem gibt es Stadtteile mit endlos sich aneinanderreihenden Wohnriegeln, traditionellerweise aus Backstein, oftmals aus günstigeren Materialien. Manche sind ansprechend, andere abweisend. Sie sind keine schlechten Wohnoptionen. Aber sie haben weder die coole Urbanität noch die hanseatische Noblesse, mit der man Hamburg gern verbindet. Sie sind kein Stoff für Romantiker, sondern Lebensraum für einen Alltag, den ich in meiner Jugend bei Besuchen oft als bedrückend kleinbürgerlich empfunden habe. Doch das war natürlich schon wieder eine etwas abgehobene Sicht der Dinge: Eine Stadt wie Hamburg braucht Menschen, die nicht überdurchschnittlich viel verdienen, keine stylischen Interessen pflegen, keine hippen Stadtteile gentrifizieren – sondern die Infrastruktur des urbanen Organismus am Leben halten. Wer, wie ich, aus Hamburg kommt, hat von dieser stinknormalen, uncoolen Seite der Stadt viel gesehen. Wenn Bekannte von außerhalb mir während meiner Teenagerzeit gesagt haben, Hamburg sei schön, dann konnte ich mit dieser Aussage wenig anfangen.

Die Entdeckung der Heimat

Dann kamen das Abi, die letzten Sommerferien und schließlich, vor Umzug und Studienbeginn, sechs Wochen, in denen sich einiges änderte. Diese sechs Wochen nutzte ich für Intensivkurse an einer Sprachschule in der Innenstadt. Sie lag gar nicht weit von meinem ehemaligen Gymnasium entfernt, aber plötzlich kam Hamburg mir ganz anders vor. Ich schnupperte die Herbstluft, sah mir kleine Details an Gebäuden an und dachte: Hamburg ist schön. Die ganze Alltäglichkeit dieser Stadt war plötzlich von einer Abschiedssentimentalität eingefärbt, die dem Weggehen eine melancholische Note gab – allerdings war es la belle mélancholie. Es war auch der Anfang meiner ästhetisierenden Begeisterung für Industrie- und Hafenanlagen, die mich bis heute nicht loslässt.

Hafen Hamburg

Ja. Es ist schön.

Ich zog nach Mainz: in eine Stadt, in der nach landläufiger Meinung der karnevalistische Frohsinn zu Hause ist. Ich konnte den Frohsinn in Mainz nicht finden. Ich kannte niemanden, und manchmal, wenn während eines Seminars oder einer Vorlesung etwas Amüsantes gesagt wurde oder ein Augenblick der Situationskomik entstand, grinste ich wildfremden Kommilitonen zu. Sie grinsten nie zurück. Dabei war es doch eigentlich an mir, der Norddeutschen, stur und verschlossen zu sein. Ich war ratlos. Es dauerte Jahre, bis ich wirklich begriff, was mir da widerfuhr: Ich war aus einer Welt mit vertrauten Codes der Kommunikation in eine Welt geraten, in der ganz andere Codes herrschten. Der Großvater einer Studienfreundin aus der Pfalz – wo die Leute wirklich lustig sind – sagte mal zu mir: „Macht nichts, dass du aus Norddeutschland kommst, im Krieg habe ich Norddeutsche kennengelernt, und die können auch lachen.“ Ich lachte nach wie vor am meisten zusammen mit Norddeutschen, obwohl ich nur noch einen Bruchteil meiner Zeit in Hamburg verbrachte. Aber ich musste nur eine Fahrkarte beim Busfahrer kaufen, und schon war ein gewisser Humor im Spiel: ein Humor ohne Witze und Pointen, der sich allein in der Art und Weise äußerte, in der man miteinander redete. Ich entwickelte eine große Liebe zu den regionalen Einfärbungen des Tonfalls in meiner Heimat, die ich bislang für eine dialektfreie Hochburg des Hochdeutschen gehalten hatte. Der hamburgische Sound hatte in meinen Ohren zuvor nie besonders intelligent geklungen, aber das hatte definitiv an meiner jugendlichen Borniertheit gelegen. Jetzt lernte ich, was Heimat war.

Ich las „Das kunstseidene Mädchen“, diesen herrlichen Roman von Irmgard Keun aus dem Jahr 1932. Da schreibt die Hauptperson an ihre Mutter: „Ich hatte bekannte Straßen bei euch mit Steinen, die Guten Tag sagten zu meinen Füßen, wenn sie drauf traten.“ Genau so fühlte sich Heimat für mich an: Wo immer man hinkommt, trifft man auf Straßen, Häuser, Bäume, Laternenpfähle, aber es gibt nur genau einen Ort auf der Welt, an dem sie zu einem sprechen. Nur, dass das bei mir ausgerechnet ein Ort war, den andere extrem kultig fanden. An der Mainzer Uni reagierten die meisten wie der Cellolehrer meiner Tochter: „Was, du kommst aus Hamburg? Wieso bist du denn hier?“ Ich begann, mir etwas darauf einzubilden, dass ich aus dieser sagenhaften Großstadt kam, und gleichzeitig schämte ich mich ein bisschen, weil die Gefühlsregung so billig war. Schließlich war es kein besonderes Verdienst von mir gewesen, ausgerechnet in Hamburg auf die Welt zu kommen. Und heimlich wusste ich tausendmal besser als meine Kommilitonen, dass Hamburg gar nicht überall besonders cool ist.

Hamburg Metropole

Die maritime Metropole zelebriert sich selbst

Manchmal ist die Metropole borniert

Als exilhamburgische Studentin lernte ich auch die wohl uncoolste Seite der Hamburger kennen. Ich wollte mir einen Leserausweis an der germanistischen Institutsbibliothek der Hamburger Uni besorgen, um dort in den Semesterferien arbeiten zu können. Von amtlicher Seite war dies kein Problem, da ich einen offiziellen zweiten Wohnsitz im Norden hatte. Das Problem entstand, als ich bei der Institutsbibliothek vorstellig wurde und mein Anliegen erklärte. Es wurde nicht verstanden. „Ich studiere an einer anderen Uni, in Mainz.“ Ungläubige Blicke. Große Augen. Ultimative Ratlosigkeit. Die Existenz einer Person wie mir, so schien es, war hier nicht nur nicht vorgesehen, sondern es schien geradezu an meiner Daseinsberechtigung gezweifelt zu werden. Oder an meiner geistigen Gesundheit. Sie studiert nicht in Hamburg? Am Ende vielleicht sogar, man wagt es kaum zu denken, in Süddeutschland?

Denn auch das gehört zu Hamburg: eine Borniertheit, die die eigene Stadt zum einzig existierenden Kosmos erklärt und im krassen Gegensatz zur gern beworbenen Weltoffenheit der Hafenstadt steht. Weltoffen ist man vielleicht gegenüber Panama, China und auch dem Wahlverwandten England – aber nicht gegenüber dem südlicheren Deutschland, über das man sich elitär erhaben fühlt mit dem, was früher die hanseatische Kühle war und was heute die hippe Coolness ist. Süddeutschland, das muss dazu gesagt werden, ist in den Augen der Hamburger keine geographisch lokalisierbare Region, sondern eine gefühlte Fremde, die dort beginnt, wo man anders redet. Wenn ich dieser Haltung begegne, spaltet sich meine Persönlichkeit schlagartig. Der eine Teil denkt: Puh, mir kann man ja nichts vorwerfen, ich komme schließlich von hier. Peinlich opportunistisch. Der andere Teil verdreht die Augen und sagt sich: Oh Mann, Provinzialität macht auch vor der Metropole nicht halt.

Hamburger Weltsicht

Diese Karte habe ich irgendwann im Internet gefunden – sollte ich Urheberrechte verletzen, bitte melden!

Bisweilen und vor allem in den letzten, hipsterig geprägten Jahren schlägt die Auto-Kultisierung der Hamburger heftig über die Stränge des hanseatischen Understatements, auf das man sich seit jeher viel einbildet. Der ausufernde Gebrauch von Präfixen wie „Elb-„, „Hanse-„, „Nord-„, „Kiez-“ und „Schanzen-“ erreicht gelegentlich einen Grad, der an unfreiwillige Selbstparodie grenzt. Da mokiere sich noch einer über Touristen, die Hamburg wahnsinnig kultig finden.

Fazit: Seelenbewegungen einer Exilhamburgerin

Zurück zum Cellolehrer. Was stimmt nicht mit mir, die ich freiwillig Hamburg verlassen habe? Ich bin dem Ruf von Arbeit und Familie gefolgt statt den Sirenen der Schiffe. Aber in meinem Unterbewusstsein tuten sie noch immer. Sobald ich mit Hamburgern rede, geht mein Herz auf, obwohl ich manches kritisiere. So läuft es schließlich in jeder guten Familie: Je vertrauter man miteinander ist, desto besser kennt man auch die Schattenseiten. Ich bin unendlich froh, dass meine Töchter ein Ohr für den norddeutschen Humor haben. Und in meinem Hirn läuft dieser Automatismus, der beim Gedanken an die Heimat pathetisch Wolfgang Borchert zitiert – zum Glück für meine Mitmenschen lautlos: „Hamburg! Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Treppen, Betten, Straßen, Brücken und Laternen. Das ist mehr als Fabrikschornsteine und Autogehupe – mehr als Möwengelächter, Straßenbahnschrei und das Donnern der Eisenbahnen – das ist mehr als Schiffssirenen, kreischende Kräne, Flüche und Tanzmusik – oh, das ist unendlich viel mehr. Das ist unser Wille zu sein.“