Zwei Graphic Novels über Mädchen, die während der Nazizeit zu jungen Frauen werden, vor großen Entscheidungen stehen, ihren Weg wählen: Wenn SOPHIE SCHOLL mit Zeichnungen von Ingrid Sabisch und Texten von Heiner Lünstedt (Knesebeck Verlag) so etwas wie ein anspruchsvoller Dokumentarfilm ist, dann ist IRMINA von Barbara Yelin (Verlag Reprodukt) großes Autorenkino. Empfehlenswert für Jugendliche ab 14 Jahren ebenso wie für Erwachsene sind sie beide.

SOPHIE SCHOLL: Geschichte im Comic-Format

Die Weiße Rose

Ein Stück deutsche Geschichte : die Flugblätter der „Weißen Rose“

Die Biographie der berühmtesten deutschen Widerstandskämpferin ist oft und in verschiedenen Medien erzählt worden: geboren 1921, aufgewachsen in Ulm, als Studentin in München Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und aus diesem Grund hingerichtet im Jahr 1943. Aber auch, wenn man schon vieles über Sophie Scholl gehört, gelesen und gesehen hat: Die Graphic-Novel-Biographie von Ingrid Sabisch und Heiner Lünstedt hat ihren Platz im Bücherregal verdient.

Intimer Blickwinkel auf die Persönlichkeit

Sophie Scholl in Ulm

Abendessen bei den freigeistigen Scholls in Ulm

Die Autoren nähern sich der Persönlichkeit der Sophie Scholl aus einem intimen Blickwinkel an: Sie schildern ihr Leben in einer Familie, die sich auch von den Nazis das freie Denken nicht verbieten lässt. In diese Familie führt die selbstbewusste Sophie ihren Freund ein, den Soldaten Fritz Hartnagel, den die Freigeistigkeit der Scholls überrascht – und beeindruckt.

Konflikte zwischen Werten

Sophie Scholl: eine Graphic Novel

Eine Graphic-Novel-Biographie in Bildern, Sprechblasen und Briefen

Sophies und Fritz‘ Beziehung bildet den roten Faden der Graphic-Novel-Biographie, deren Textbausteine einerseits aus den comictypischen Sprechblasen bestehen, andererseits aber auch aus vielen Auszügen aus den Briefen, die Sophie und Fritz wechseln, als Sophie eine studienvorbereitende Ausbildung zur Erzieherin macht und Fritz als Soldat an verschiedenen Kriegsfronten eingesetzt wird. In diesen Briefen kommen Konflikte zwischen Werten zur Sprache, die auch andere kritisch denkende Menschen dieser Zeit beschäftigen: Während Fritz schon recht früh desillusioniert ist von der Nazi-Ideologie, hält er doch andererseits am Glauben an den Wert des Soldatischen fest. Sophie stimmt nicht mit ihm überein, denn schließlich, so schreibt sie über den Soldaten: „… wenn er einen Befehl erhält, so muss er diesen ausführen, ob er ihn für gut hält oder für nicht gut hält.“

München: Die „Weiße Rose“

Die Weiße Rose

Die Festnahme von Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943

Kurz nachdem Sophie ihr Studium in München aufnimmt, wird Fritz an die Ostfront verlegt. Sophie Scholl schließt sich mit großem Engagement der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ an. Zusammen mit ihrem Bruder Hans und anderen Studenten arbeitet sie an der Erstellung und Verbreitung von Flugblättern, die den Deutschen die Augen öffnen sollen für das Unrecht der Nazi-Herrschaft. Am 18. Februar 1943 werden Hans und Sophie in der Münchner Universität bei der Verteilung von Flugblättern festgenommen. Gemeinsam mit ihrem Freund Christoph Probst werden die Geschwister Scholl am 22. Februar hingerichtet. Bei ihrer Gerichtsverhandlung erklärt Sophie Scholl öffentlich, dass sie ihre Handlungen nicht bereut.

Sophie Scholls Leben als Comic

Graphic-Novel-Biographie Sophie Scholl

Sophie Scholl, unbeugsam bei ihrer Gerichtsverhandlung

In Frankreich ist es an der Tagesordnung, Geschichte im Comic-Format zu erzählen. An der Graphic Novel SOPHIE SCHOLL kann man sehen, warum das Sinn macht: Zeichnungen veranschaulichen vergangene Zeiten noch einmal ganz anders als Texte. Durch die Abbildung von Gebäuden, Kleidung und Gegenständen des Alltagslebens fügen Illustrationen der erzählten Geschichte eine eigene Dimension hinzu. Außerdem kann das Medium Comic, das die Personen direkt sprechen lässt, wunderbar subjektiv sein – eine Qualität. die bei SOPHIE SCHOLL durch die eingeschobenen Briefe noch verstärkt wird und die dem Leser von heute die Widerstandskämpferin von damals recht nahe bringt.

SOPHIE SCHOLL kaufen:

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IRMINA: ein historischer Roman

Graphic-Novel-Biographie

1934: Die junge Irmina in London

Gibt es irgendwen, der die Graphic Novel IRMINA von Barbara Yelin gelesen hat, ohne ihr verfallen zu sein? Barbara Yelin wurde mehrfach für ihr Buch ausgezeichnet und hat großartige internationale Kritiken erhalten – verdientermaßen. Die Geschichte, die sie erzählt, ist in ihren Grundzügen der Stoff, aus dem Romane sind – und dennoch entspricht sie der Realität: Barbara Yelin hat sie geschrieben und gezeichnet, nachdem sie im Nachlass ihrer Großmutter einen Karton mit deren Briefen und Tagebüchern entdeckt hatte.

Ein modernes Mädchen in den Dreißigern

Irmina, Reprodukt Verlag

Engländer, die über Nazi-Deutschland sprechen

Irmina ist eine junge Deutsche, die 1934 als Austauschschülerin nach London kommt und dort eine Sekretärinnenschule besucht. Sie ist ein ehrgeiziges, modernes Mädchen, das sich bilden und arbeiten gehen will, das aber für Politik keinerlei Interesse hat. Als ihre Gastfamilie über Hitler schimpft, ist Irmina vor allem eins: unangenehm berührt. Unwillkürlich jedoch bezieht sie auf eine ganz persönliche Weise politisch Stellung: Sie verliebt sich in den dunkelhäutigen Oxford-Studenten Howard – zu ihrer Zeit etwas gesellschaftlich und politisch höchst Unkorrektes.

Berlin während der Nazizeit

Barbara Yelin Irmina

Über Berlin weht die Hakenkreuzfahne

Die politischen Entwicklungen zwingen Irmina, England  zu verlassen. Ihre nächste Station ist Berlin: eine Stadt, in der die Hakenkreuzfahne über allem weht und in der es Irmina unmöglich ist, irgendwem von ihrer Liebe zu einem Farbigen zu erzählen. Lange Zeit hofft sie auf eine Möglichkeit, nach England zurückzukehren, aber die Hoffnung wird immer geringer, und schließlich verschwindet Howard aus ihrem Blickfeld.

Barbara Yelin Berlin

Dreißiger-Jahre-Flair

Dafür ist Gregor in dieses Blickfeld getreten: ein junger, ambitionierter Architekt, der stramm zur Nazi-Ideologie steht und am Aufbau eines heroischen neuen Deutschland mitarbeiten will. Er liebt Irmina, und sie, geleitet von dem Wunsch, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, heiratet ihn. Von nun an dreht sich ihr Leben um die Aufstiegsmöglichkeiten ihres Gatten – und wieder bezieht sie ganz unwillkürlich politisch Stellung, denn Gregors Erfolg ist untrennbar mit seiner Rolle im nationalsozialistischen Machtgefüge verbunden.

Großartiges historisches Sittengemälde

Was Barbara Yelin bereits an diesem Punkt in Sachen Illustration und Storytelling gelungen ist, ist beeindruckend. Ihr einzigartiger, skizzenhafter Strich fängt auf von Grautönen dominierten Seiten Gefühle, Atmosphären und zahllose historische Details ein. Meist erzählt sie in klassischen Comic-Panels, manchmal allerdings entscheidet sie sich für doppelseitige Panoramen, die man genauso gut als mit dem Flair ihrer Zeit aufgeladene Impressionen wie als historische Wimmelbilder betrachten kann.

Barbara Yelin

Barbara Yelin: eine große Illustratorin

Andererseits zieht Barbara Yelin ihre Leser mit hinein in die Geschichte dieser Irmina, die sich weigert, das sie umgebende Unrecht zu kritisieren – wenngleich es immer wieder Hinweise darauf gibt, dass sie es nicht ignorieren kann. So beobachtet sie mit irritierter und irritierender Sprachlosigkeit die Geschehnisse der Reichsprogromnacht, die ihren Alltag unmittelbar betreffen – und akzeptiert fraglos, dass sie den geplanten Einkauf im jüdischen Geschäft kurzfristig ersetzen muss durch den Besuch eines arischen Kaufhauses. Man kann Irminas wankelmütiges Verhalten nicht gutheißen, möchte sie an ihre Liebe zu einem Farbigen und den Unsinn jeder Form des Rassismus erinnern – und kommt doch nicht darum herum, ihre Entscheidungen mit ihr zusammen zu durchleben.

Irmina Reichsprogromnacht

Berlin am Morgen nach der Reichsprogromnacht

Irminas Mann entschließt sich, die Architektur aufzugeben und stattdessen Soldat zu werden – denn „Ruhm und Ehre gibt es nicht mehr auf der Baustelle. Die findet man nur noch auf dem anderen Feld.“ Irmina unterstützt ihn und zieht auf sein Anraten hin zusammen mit ihrem Sohn ins Bayrische, aufs Land, wo keine Bomben fallen wie im gefährlichen Berlin.

Eine Graphic-Novel-Biographie, die nicht einfach und sehr ehrlich ist

Im Jahr 1942 erliegt Gregor einer Kriegsverletzung – und damit endet Barbara Yelins Darstellung der Nazizeit. Als sie ihre Erzählung wieder aufnimmt, sind 40 Jahre vergangen. Irmina steht kurz vor der Pension, und es gibt eine überraschende Wiederbegegnung mit Howard, die Irmina zum Rückblick auf ihr Leben zwingt. Auch jetzt vermeidet sie es, sich selbst allzu unangenehme Fragen zu stellen.

Barbara Yelin Reprodukt Verlag

Besuch bei Howard in Barbados: das Ende einer Graphic-Novel-Biographie

Barbara Yelins Geschichte vom Wanken, vom Geltenwollen und vom Wegsehen ist ehrlicher und wohl auch historisch differenzierter als die vielen biographischen Erzählungen aus der Nazizeit, die sich allzu einseitig auf Heroismus oder Fanatismus fokussieren. Irmina geht den Weg des geringsten Widerstandes und verhält sich nicht besonders ehrenhaft – aber hätten wir das getan? Einem gewissen Verständnis für ihre Mittelmäßigkeit kann man sich beim Lesen von IRMINA kaum entziehen – und hat nach der Lektüre so einiges über den Opportunismus im Dritten Reich gelernt.

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