Yayoi Kusama ist die Lieblingskünstlerin dieses Blogs; ich bin Hardcore-Fan der Japanerin mit den Punkten, wie man sie griffig nennen könnte. Allerdings finde ich diese Griffigkeit etwas zu einfach. Meine Familie wurde während der letzten Jahre mit hineingezogen in den Yayoi-Kusama-Sog; auf die Retrospektive der Künstlerin in Louisiana bei Kopenhagen haben sich alle gefreut. Erstmals erzähle ich hier in zwei Versionen von einem Ausstellungsbesuch: in einer Erwachsenenversion und einer Familienversion.

I. YAYOI KUSAMA IN LOUISIANA: DIE ERWACHSENENVERSION

Yayoi Kusama: Mirror Room

Hier und ganz oben: Yayoi Kusama: Mirror Room (Pumpkin), 1991

Wunderbare Verwirrung

Rauminstallationen voller unregelmäßig verteilter, unterschiedlich großer Punkte, durch Spiegelungen erweitert zu einer psychedelischen Unendlichkeitserfahrung. Keine Grenze, kein Fixpunkt; stattdessen ein Erlebnis maximaler Orientierungslosigkeit. Eine Orientierungslosigkeit, die man sucht, die eher berauschend als beängstigend ist. Obwohl in jeder Yayoi-Kusama-Ausstellung und -Publikation zu lesen ist, dass die Künstlerin als kleines Mädchen von Halluzinationen heimgesucht wurde, im Zuge derer plötzlich ihre ganze Umwelt von Blumenmustern überzogen schien und die sie ungeheuer erschreckten – so sehr, dass sie dieser Erfahrung künstlerischen Ausdruck verlieh. Doch vom Schrecken ist bei ihren großen Rauminstallationen wenig zu spüren. Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere beklommen im Angesicht der sich endlos fortsetzenden Wiederholung eines kleinen gepunkteten Kürbis-Ensembles in einem verspiegelten Schaukasten. Aber viel eher staunt man und erlebt eine befreiende oder bewusstseinserweiternde Entgrenzung der Wahrnehmung. Schön wie ein Blick auf einen weiten Horizont. Wie auch immer die bedrückenden psychologischen Details aus der Kindheit der Künstlerin aussehen mögen: Yayoi Kusama schafft eine eigene Form der Schönheit – verwirrend, aber wunderbar verwirrend.

Als Yayoi Kusama zum Popstar wurde

Yayoi Kusama: Polka Dot Love Room

Yayoi Kusama: Polka Dot Love Room, 1967

Gleichzeitig ist, was die 1929 geborene Japanerin da macht, sehr dekorativ. Poppige Punkte haben eine hohe optische Attraktivität – sonst würden wir sie nicht so oft in der Mode sehen. Wenn diese Punkte ein wenig wahnsinnig werden und sich wahllos über Einrichtungen oder verrenkte, farbige Schaufensterpuppen legen, sehen sie immer noch klasse aus. Yayoi Kusama weiß um diese dekorative Wirkung und hat selbst immer wieder einmal Punktekleidung entworfen. Aber zum Popstar wurde sie 2012, im hohen Alter von 83 Jahren, als Marc Jacobs, Kreativdirektor von Louis Vuitton, sie für eine Kooperation mit dem Luxushaus ins Boot holte. Von nun an gab es Taschen und Seidenschals mit den unverkennbaren Kusama-Punkten. Für Yayoi Kusama, die sich immer nach Anerkennung in ihrem Heimatland gesehnt hatte, war die Erfahrung großartig: Das unbestrittene japanische Status-Label feierte sie, die Exzentrikerin, die seit Jahren freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio lebte.

Yayoi Kusama: Dots Obsession

Yayoi Kusama: Dots Obsession, 2009

Viel mehr als nur Punkte

Fortan kannte jeder Yayoi Kusama und ihr hervorragend wiedererkennbares rundes Markenzeichen. Ist es inflationär geworden durch seine Verbreitung auf It-Bags, auf denen sonst das Louis-Vuitton-Monogramm prangt? Genausogut kann man fragen: Ist die Mona Lisa inflationär, weil ihr Konterfei auf alles gedruckt wird, was überhaupt nur bedruckbar ist? An der Qualität von Kunst ändern solche Massenphänomene natürlich nichts; allenfalls an ihrer Wahrnehmung. Und deshalb ist es gut, dass es Ausstellungen wie die Yayoi-Kusama-Retrospektive in Louisiana gibt, denn da ist mehr zu sehen als der vielfach reproduzierte „signature style“ der Künstlerin, der im Ausstellungkontext zeigt, dass er weit mehr ist als eine dekorative Masche.

Yayoi Kusama: Red Stripes

Yayoi Kusama: Red Stripes, 1965

Schließlich gibt es da nicht nur Punkte zu sehen. Es kommen sogar Streifen vor, vernäht zu phallischen Wucherungen, die es in Kusamas Werk immer wieder gibt und die den Betrachter wirklich bedrohlich zu bedrängen scheinen. Dann sind da die seriellen Arbeiten, mit denen Yayoi Kusama wohl schon begann, bevor Andy Warhol auf ähnliche Ideen kam – und damit viel erfolgreicher wurde als die Japanerin.

Yayoi Kusama: Pumpkin

Yayoi Kusama: Pumpkin, 1982

Noch immer ist Yayoi Kusama künstlerisch aktiv. Seit Jahren konzentriert sie sich aufs Malen. Ihre neuen Bilder mischen spirituelle Symbole mit Punkten, Zacken und anderen ornamentalen Formen und muten wie die Erforschung eines inneren Kosmos an, der unerschöpflich ist.

Yayoi Kusama: new paintings

Blick in den Raum mit den neuesten Malereien Yayoi Kusamas

II. YAYOI KUSAMA IN LOUISIANA: DIE FAMILIENVERSION

Yayoi Kusama: Obliteration Room

Yayoi Kusamas interaktiver Obliteration Room wird von den Besuchern mit Punkten beklebt

Sinnliches Vergnügen

Wenn es eine Ausstellung gibt, die sich für den Besuch mit Kindern eignet, dann diese. Und es sind auch viele Kinder da, kleine und größere, absolut am richtigen Platz. Der Gipfel ihres Vergnügens ist der „Obliteration Room“, über den ich auf diesem Blog schon ausführlich geschrieben habe: ein weißer Raum, den die Besucher im Verlaufe der Ausstellung mit bunten Punkte-Stickern bekleben können, bis er mindestens so psychedelisch aussieht wie Kusamas selbstbepunktete Arbeiten.

Yayoi Kusama: Gleaming Lights of the Souls

Yayoi Kusama: Gleaming Lights of the Souls,, 2008

Aber das ist noch lange nicht alles, was Kindern hier Spaß macht, ohne dass Eltern sich um irgendwelche Erklärungen bemühen müssten. Da sind die diversen Spiegelräume, die man nur in kleinen Besuchergruppen betreten darf – wie „Gleaming Lights of the Souls“. Ein Museumsmitarbeiter schließt die Tür, und für ein paar Minuten findet man sich in einer betörenden Welt aus zahllosen, sch ins Unendliche fortspiegelnden Lichtern, die kontinuierlich die Farbe wechseln. Solche geheimnisvollen, schillernden, märchenhaften Effekte bieten Kindern sinnliche Erfahrungen, die den Gedanken, ein Museumsbesuch könne langweilig sein, ad absurdum führen und gute Grundsteine legen für die kindliche Aufgeschlossenheit der Kunst gegenüber.

Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland

Yayoi Kusama: Phalli's Field

Yayoi Kusama: Infinity Mirror Room „Phalli’s Field“, 1965

Natürlich kann und soll Kunst nicht immer so spektakulär sein; auch Yayoi Kusamas Kunst ist das nicht. Aber für Kinder sind Räume, in denen man sich ein bisschen fühlt wie Alice im Wunderland, ideal. Außerdem hilft es, sich in so einem Kunstwerk bewegen zu können, mit den eigenen Spiegelungen zu spielen, selbst zum Akteur zu werden. Dass es hier nicht einfach nur um Spaß geht, sondern um Dimensionen der Wahrnehmung, bleibt selbst jüngeren Kindern nicht verborgen; die Kusamasche Bewusstseinserweiterung funktioniert auch bei ihnen.

Yayoi Kusama: x KDDI

Kawaii! Yayoi Kusamas Handy-Design x KDDI von 2009

Und dann gibt es da noch das eine oder andere Konsum-Gadget, das die Künstlerin mit ihren Punkten überzogen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

INFO

Yayoi Kusama: Red Dots

Yayoi Kusama: Red Dots, 1985

Die Ausstellung Yayoi Kusama – In Infinity ist noch bis zum 24. Januar 2016 im Louisiana Museum of Modern Art zu sehen.
Das Museum liegt in dem kleinen Ort Humlebæk etwa 40 Kilometer nördlich vom Stadtzentrum Kopenhagens entfernt und ist leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen: Alle 20 Minuten fährt vom Hauptbahnhof und von den Bahnhöfen Nørreport und Østerport ein Nahverkehrszug nach Humlebæk; die Fahrzeit beträgt 30 Minuten. Vom Bahnhof ist das Museum in circa 15 Minuten zu Fuß zu erreichen, der Weg ist ausgeschildert.
Das Louisiana Museum mit seiner großartigen Sammlung und außergewöhnlichen Lage ist immer ein gutes Kunst-Ausflugsziel – mit Familie oder ohne. Seine verschiedenen Gebäude erstrecken sich über ein großes, direkt am Öresund gelegenes Gelände mit Skulpturenpark. Kunst- und Naturerlebnis gehören hier zusammen, für Kinder gibt’s Auslauf, das Museumscafé bietet gute Qualität und herrlichen Meerblick.