Eines der zentralen Themen auf diesem Blog sind Ausstellungs- und Museumstipps für Familien: Wie und wo es gut funktioniert und Spaß macht, Kunst mit Kindern zu erleben. Heute ist der Tag für die nackte Wahrheit: Nein, es läuft nicht immer gut mit Kindern im Museum, und ja, es gibt so manche Arten von Kunst, die man sich mit Kindern lieber spart.

Wer öfter mal auf Kind am Tellerrand herumstöbert, könnte sich fragen, was bei uns nicht stimmt. So viel Kunst und Kultur mit Kindern? Haben wir willenlose Marionetten großgezogen? Wir können allerdings selbstbewusst kontern: Nein. Unsere Töchter wurden weder einer Gehirnwäsche unterzogen noch sind sie Kulturnerds. Sie meckern oft, wenn wir ins Museum gehen – wie es sich für normale Kinder gehört. Je nach Alter und akuter Situation fällt das Gemecker aggressiver, bockiger, lahmer oder intelligenter aus. Gleichzeitig fügen sie sich meistens doch ins Unvermeidliche, und heimlich sind wir Eltern natürlich davon überzeugt, dass ihnen Kunstmuseen auch in größerer Menge nicht schaden, sondern sie langfristig bereichern.

Aber das sind die persönlichen Problemchen, mit denen sich kulturbeflissene Eltern genauso herumschlagen müssen wie wanderwütige oder mit anderen Vorlieben gesegnete, die ihren Kindern die Teilnahme an ihren Lieblingshobbys nicht ersparen. Darüber hinaus gibt es im Falle der Kunst allerdings einige Dinge, die schlicht und ergreifend nicht mit Kids funktionieren. Dies hat uns die Erfahrung einprägsam gelehrt. Um anderen kulturfreudigen Eltern den Umweg über ermüdende Museumsbesuche zu ersparen, kommen hier meine Top Six von Kunstsorten, die bei Kindern leicht floppen.

Anspielungsreiche Bilderzählungen à la Neo Rauch

rauchNeo Rauch: Hatz, 2002

Hier eine subtile Bezugnahme auf zeitgeschichtliche Ereignisse, dort eine Anspielung auf die Populärkultur, daneben eine auf die Kunsthistorie: Kunstwerke, die einen großen Teil ihrer Wirkung durch das Zusammenspiel von Anspielungen erhalten, verfangen bei Kindern nicht. Ganz einfach, weil die zu jung sind, um die komplexen Bezüge einordnen zu können. Ein Gemälde von Neo Rauch mag trotzdem eine erzählerische oder atmosphärische Wirkung auf ein Kind ausüben, aber die vielen inhaltlichen Unklarheiten verderben den Spaß.

Kunst mit Ekelfaktor

steakPeter Anton: Steak, 2015

Meine jüngere Tochter ist zwar kürzlich freiwillig mit mir in eine Ausstellung mit Fleisch-Kunst gegangen, doch grundsätzlich gilt zumindest für meine Kinder seit vielen Jahren: Bei allzu körperlicher Kunst oder bei Arbeiten, die gezielt aufs Schockieren durch einen Ekelfaktor setzen, fühlen sie sich schnell abgestoßen – und irgendwie auch veräppelt. Weil sie nicht verstehen, warum sie für so etwas in ein Museum gehen sollen.

Niederländische Ratsherren

regents-of-the-st-elisabeth-s-hospital-haarlem-1641_jpg!LargeFrans Hals: Gruppenporträt der Regenten des St.-Elisabeth-Hospiz von Haarlem, 1641

Bestimmte Sujets sind für Kinder so angestaubt und so weit von allem entfernt, was sie interessiert, dass sie einfach keine Chance haben. Da kann man ihnen tausendmal mit großartiger Lichtführung und genialer Raumkonstruktion kommen; die Langeweile siegt. Was man als Erwachsener unter Umständen ganz gut verstehen kann. Ich habe mir auch erst mit Ü30 freiwillig Niederländer angeschaut.

Impressionisten-Romantik

impression-sunrise_jpg!LargeClaude Monet: Impression Sonnenaufgang, 1873

Als ich zwölf war, waren impressionistische Sonnenauf- und -untergänge meine Vorstellung von Romantik. Aber die Zeiten haben sie geändert. Auch die Kids von heute haben ihre imaginären Welten für träumerischen Eskapismus – man schaue sich nur an, was viele Teens auf Instagram posten. Impressionistisches Flirren allerdings lässt sie meiner Erfahrung nach meist kalt und ist allenfalls von kunsthistorischem Interesse. Warum das so ist? Gute Frage.

Akte

reclining-nude-with-arms-folded-under-her-head-1916_jpg!LargeAmadeo Modigliani: Liegende mit unter dem Kopf gefalteten Armen, 1916

Vor dem erfolgreichen Abschluss der Pubertät ist Nacktheit auf Kunstwerken eine schwierige Angelegenheit – meine Elfjährige kam eben am Schreibtisch vorbei, hat das Modigliani-Bild gesehen und gesagt: „Bäh, ist das hässlich!“ Was nicht unbedingt treffend formuliert ist, aber ein Beleg dafür, dass man sich in ihrem Alter von Aktbildern oder erotischen Nuancen in der Kunst peinlich berührt fühlt. Natürlich begegnet man unbekleideten Modellen bei jedem Gang durch ein größeres Museum, aber man tut Kindern und Teenagern einen Gefallen, wenn man sie links liegenlässt.

Groteske Kunst

woman-with-flowers_jpg!HalfHDFernando Botero: Frau mit Blumen, 1976

Kann gutgehen, kann schiefgehen: Groteske Kunstwerke irritieren vor allem dann, wenn Kinder noch klein sind und vom Abgebildeten nur schwer abstrahieren können. Insbesondere wirken sie manchmal verstörend, wenn Menschen auf abstoßende oder erschreckende Weise dargestellt werden. Groteske Bilder muss man mit Kindern keineswegs umschiffen, aber vorsichtig umkreisen, bis der richtige Zeitpunkt für das eine oder andere Werk gekommen ist

Alles, was ich hier erzähle, entspringt unseren eigenen Erfahrungen – und bestimmt haben andere Familien andere Erfahrungen gemacht. Ich freue mich über Kommentare zu diesem Thema!