Ein Wochenende allein in London; mit mehr Kultur, als irgendein Kind ertragen hätte. Die aber höchst familiengeeignet war, deshalb hier einige Souvenir-Schnipsel: als Inspiration nicht nur für alle, die demnächst nach London kommen, sondern auch als Anregung für kulturelle Familienaktivitäten vor der eigenen Haustür. Denn obwohl wir nicht in Cool Britannia sind: Ausstellungen und Events, die in ähnliche Richtungen gehen wie die aktuellen englischen, gibt’s auch bei uns immer wieder.

„Savage Beauty“: die Alexander-McQueen-Ausstellung

PARIS fashion week march 2006 READY TO WEAR FALL WINTER 2006/07 ALEXANDER Mc QUEEN (c) firstView; Foto ganz oben: (c) Anthea Simms

Allein für die große Ausstellung „Savage Beauty“ über das Werk von Alexander McQueen im Victoria and Albert Museum hätte sich der Trip nach London gelohnt. Besucher geraten in einen magisch-obsessiven Kleiderkosmos voller historischer Anspielungen und von grenzenloser Phantasie, je nach Thema anders inszeniert: tough oder romantisch, exotisch oder gespenstisch; untermalt von Musik und Videosequenzen. Die konventionsfreien, gern etwas unheimlichen und brutalen Kollektionen von Alexander McQueen haben, wenngleich sie unter dem Label „Fashion“ laufen, mehr künstlerische Sprengkraft als vieles, was offiziell als Kunst gilt. McQueen zieht die Betrachter seiner Kreationen auch fünf Jahre nach seinem Tod in Bann: Die Ausstellung ist bis zum Ende ihrer Laufzeit am 2. August 2015 ausgebucht. Warum das Werk dieses subversiven schottischstämmigen Modemachers eine solche Anziehungskraft besitzt, ist eine Frage für sich.

Models for Alexander McQueen's Spring 2010 show walk a runway with a video screen backdrop projecting a live feed of the show in progress as well as broadcasting on the internet. McQueen's collection was an interpretation of what people would look like if humans had evolved from sea creatures.(c) Lauren Greenfield / INSTITUTE

Ich bin nicht sicher, ob dieses Kunsterlebnis in diesem Jahr für mich noch von irgendeiner Ausstellung getoppt werden kann. Gerne wäre ich mit meiner dreizehnjährigen Tochter hier gewesen; der Gothic-Akzent passt in die Welt der aktuellen Teenie-Fantasy-Literatur, die wie der Modeschöpfer eine Vorliebe fürs Viktorianische hegt. Doch auch, wenn wir in Deutschland keine Chance auf Alexander McQueen haben: Wir gehen nicht ganz leer aus. Vom 18. September 2015 bis zum 14. Februar 2016 zeigt die Hypo-Kunsthalle in München mit Jean-Paul Gaultier einen anderen Rebellen und Tabubrecher unter den Modemachern.

„Shoes: Pleasure and Pain“ im Victoria and Albert Museum

shoes2(c) Victoria and Albert Museum

McQueen hat seinen Models kein bequemes Schuhwerk gegönnt, und damit ist er keineswegs eine Ausnahme unter den Couturiers. Ebenfalls im Victoria and Albert Museum läuft noch bis zum 31. Januar 2016 die Ausstellung „Shoes: Pleasure and Pain“: ein fantastisch inszenierter Parcours zu der Frage, was die Schuhe, die wir tragen, eigentlich mit uns machen. Es gibt jede Menge verrückter Designerkreationen zu sehen – siehe die Manolo Blahniks auf dem Foto -, historisches Schuhwerk von Persönlichkeiten wie Madame de Pompadour und Queen Victoria sowie ganz erstaunliche Privatsammlungen. Wie Cinderella schon wusste und wie an der Ausstellungswand steht: „A shoe can change your life.“ (Eine grandiose Schuh-Ausstellung gab’s vor eineinhalb Jahren übrigens auch in der Villa Rot in der süddeutschen Provinz.)

Der Serpentine Pavilion von José Selgas und Lucía Cano

 

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Vom Museum ist es nur ein kleiner Spaziergang bis zu den Kensington Gardens mit ihrem erst ein paar Tage alten Serpentine Pavilion. Jedes Jahr im Sommer schießt neben der Serpentine Gallery eine Art Pop-up-Gebäude aus dem Boden, um dort für ein paar Monate als Blickfang, Ausflugsziel und Picnic Area zu dienen. Entworfen werden diese Pavillons stets von einem anderen renommierten oder aufstrebenden Architekturbüro. In diesem Sommer, so heißt es, habe man einen „Party Pavilion“ gewollt, und den hat man von den beiden Spaniern José Selgas und Lucía Cano, zusammen selgascano, auch bekommen. (Hier geht’s zu dem ganz anderen Serpentine Pavilion von 2013.)

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Eine Raupenstruktur aus bunten Plastikfolien windet sich bis zum 18.Oktober 2015 in den Kensington Gardens und fühlt sich ein bisschen an wie ein überdimensionierter Krabbeltunnel. Angeblich sollte die Optik Instagram-geeignet sein, und diese Vorgabe wurde erfüllt: Alles so schön bunt hier und der perfekte Hintergrund für Selfies.

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Vorgeworfen hat man dem Konstrukt seine relative Labbrigkeit, und es stimmt: Wenngleich nur temporär, steht dieser Pavillon immerhin in England, wo es, wie man weiß, gelegentlich regnet. So auch bei meinem Besuch. Unter schillerndem Hellgrün bilden sich Wasserlachen; natürlich mit hellgrün schillernden Spiegelungen, aber eben doch so, dass man die Picknicktische an den Rand rücken muss.

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Dafür ist das hier die ideale Gelegenheit, mit etwas angeberischer Miene so zu tun, als wäre man ein echter Engländer, und das Picknick mit ungerührter Miene zwischen Pfützen zu genießen.

Street Art in Shoreditch

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Das letzte London-Souvenir stammt aus Shoreditch, aus der Gegend um die Brick Lane, Londons Street-Art-Hotspot. Die Frage, ob es gut ist oder schlecht, Häuser zu bemalen, wird in unserer Familie gerne diskutiert, aber im Falle der Wand einer Bar namens Loungelover, auf die Jimmy C. ein Mädchen inmitten pastellener Traumblasen gemalt hat, ist die Antwort eindeutig: Street Art kann alles mögliche sein, aber an dieser Stelle ist sie eine wunderbare Überraschung im Straßengewirr.