Kürzlich habe ich meine Tochter für diesen Blog zu ihren Erfahrungen während eines England-Aufenthalts interviewt. Das war schon recht persönlich. Jetzt wird’s noch persönlicher: Wenn das Kind einer Familien-Reisebloggerin ins Ausland geht, dann ist die Mutter natürlich wahnsinnig gespannt. Und stellt unter Umständen fest, zu was für einer naiven Romantikerin sie sich im Zuge ihrer Begeisterung fürs Reisen entwickelt hat.

Elterliche Englandromantik und ein Kind, das im gelobten Land zur Schule gehen will

Als unsere große Tochter sagte, sie wolle für drei Monate nach England, geriet ich in Ekstase. Großartig! Ich liebe Sprachen, ich liebe das Englische, und ich liebe England. Zu dieser Begeisterung gesellten sich noch ein paar weniger ehrenwerte Gefühle. Zum einen: Eitelkeit. Hach, dachte ich, ist doch toll, dass wir immer so viel mit der Familie gereist sind und so ein weltoffenes Kind herangezogen haben! Dieser Gedanke mag ja noch verzeihlich sein – heimlich und in unbeobachteten Momenten klopfen wir uns wohl alle ab und zu mal selbst auf die Schulter.

Dann war da die Romantik. Mit 17 habe ich mich schwerstens in England verliebt. Als Studentin konnte ich mir keine Fotos von englischen Dörfern ansehen, die Sehnsucht wurde sofort unerträglich. Dass mein späterer Freund und heutiger Mann sehr schnell ebenso anglophil wurde, machte die Sache nicht besser. Sobald wir Geld verdienten, flogen wir bei jeder Gelegenheit nach London und bereisten diverse ländliche Regionen auf den britischen Inseln.

Und jetzt wollte unsere Tochter im gelobten Land zur Schule gehen! Ein Ring schien sich zu schließen. Sie wünschte sich einen Internatsaufenthalt – wunderbar, was gibt es Britischeres als eine Boarding School? Dass Internate einen Haufen Geld kosten? Was soll’s, werden halt die Konten geplündert, hier wird ein Traum Wirklichkeit!

Ein England-Aufenthalt ist kein Trip ins Paradies der besseren Menschen

Das Kind ging nach Yorkshire, landete in einer unfassbar idyllischen Landschaft (siehe Foto ganz oben: School with a view) und berichtete am Telefon von seinen ersten Eindrücken: „Die Mädchen hier sind alle total nett, aber irgendwie finde ich sie auch fake-freundlich. Sobald eine den Raum verlässt, fangen die anderen an, über sie zu lästern. Und das Äußere ist den Engländerinnen wahnsinnig wichtig, die Angesagtesten sind die, die am blondsten gefärbt sind. Das kommt mir alles so klischeehaft vor, man fühlt sich wie in einer Serie!“ Moment mal. So hatten wir nicht gewettet. Wir hatten unsere Tochter in das Land von Churchill und der Queen geschickt, in die Heimat von Fairness und Selbstironie. Und jetzt das? Hatten wir irgendeinen groben Fehler bei der Auswahl der Schule gemacht? Denn so, so kann doch England nicht sein! Und was bringt denn die ganze Weltoffenheit, wenn sie dazu führt, dass unser Kind die Engländer am Ende nicht mehr so anbetungswürdig findet wie wir?

Frankreich: Wie Desillusionierung mich reicher gemacht hat

Es ist mir rückblickend ein wenig peinlich, festzustellen, wie lange ich gebraucht habe, bis ich meiner eigenen Naivität auf die Schliche kam. Dabei hätte ich eigentlich besser vorbereitet sein sollen:  Außer anglophil war ich in meiner Jugend auch sehr frankophil. Als ich während des Studiums ein halbes Jahr lang ein Praktikum in Paris machte und später immer wieder längere Zeit in Frankreich verbrachte, um für eine Austauschorganisation zu dolmetschen, wurde mir klar: Die Franzosen sind im Alltag nicht ununterbrochen so lässig wie in den Nouvelle-vague-Filmen oder der Gauloises-Werbung. Im Arbeitsleben sind sie oft verdammt hierarchiehörig und heuchlerisch. Statt klare Worte zu sagen, lästern sie irritierend unverblümt hinter dem Rücken ihrer Kollegen. Ich lernte, dass ich in Frankreich nicht leben und arbeiten wollte – jedenfalls nicht auf Dauer. Trotz – oder gerade wegen – der Desillusionierung muss ich allerdings sagen: Den auch nur völlig unzulänglichen Einblick in die französische Mentalität, den ich mir verschaffen konnte, empfinde ich als einen der großen Reichtümer meines Lebens. Außerdem begriff ich während meiner Frankreichaufenthalte noch etwas, was eine Freundin nach mehreren Jahren in Schweden treffend in Worte gefasst hat: „Man lernt nicht nur, dass dort nicht alles perfekt ist, sondern man lernt auch, dass man selbst teilweise anders tickt.“

Kulturelle Unterschiede sehen anders aus als pittoreske Reisefotos

Zurück zu meiner Tochter: „Doch, die Engländer hier sind freundlich. Aber ich kann sie einfach nicht einschätzen mit ihrer ganzen Höflichkeit. Ich mache lieber etwas mit den Deutschen, die kann ich einschätzen.“ Was ich auf den ersten Blick enttäuschend fand, sollte ich bei genauerem Hinsehen wohl eher unter „Lektion gelernt“ verbuchen. Jawohl, es gibt kulturelle Eigenheiten, die sich deutlich von dem unterscheiden, was wir von zu Hause gewohnt sind. Und die prägen die komplette Kommunikation und das Alltagsleben – nicht nur ein paar pittoreske Dörfer mit Pubs, die „Crown and Anchor“ heißen. Oder ein paar noble Episoden der britischen Geschichte. Hatten wir nicht ein paar Monate vor dem Englandaufenthalt unserer Tochter anhand des Brexit-Votums begriffen, dass auch England seine Kleingeistigkeiten hat? Habe ich nicht schon in jungen Jahren mit Wonne gelesen, wie englische Autorinnen Oberflächlichkeit und Standesdünkel in der britischen Gesellschaft ironisch entlarven?

Weichgespülte Reisebegeisterung

Mir scheint, ich habe mich selbst in den letzten Jahren durch meine Reisebegeisterung weichgespült. In dem Bestreben, jeder Kultur gegenüber offen zu sein, lässt sich leicht ignorieren, dass echte Verständigung ein komplexer, anspruchsvoller und hürdenreicher Weg ist. Ein Weg, an dessen Ende nicht die Entdeckung neuer Paradiese steht, in denen genau das fehlt, was uns zu Hause nervt – sondern die Entdeckung vielschichtiger kultureller Welten, die wir nicht im Schnellverfahren mit unserer abgleichen können. Und in denen wir manches vielleicht sympathischer finden als bei uns, vieles aber so unverständlich, dass es uns vor den Kopf stößt – wodurch wir andererseits auch wieder etwas über unsere eigene kulturelle Prägung lernen.

Reisen ist anders, als im Ausland zu leben – und hilft trotzdem, die Welt kennenzulernen

Mein Fazit aus den englischen Erfahrungen meiner Tochter, aus meinen französischen und aus denen vieler Freunde, mit denen ich über diese Themen gesprochen habe: Die Erfahrung, im Ausland zu leben, ist eine völlig andere Sache als die Reiseromantik, die am Andersartigen nur kratzt und sich an seinem bunten Exotismus erfreut. Trotzdem will ich um nichts in der Welt aufs Reisen verzichten, auch wenn ich dabei nur ein wenig an anderen Kulturen schnuppere – und manches, was mir widerspricht, bloß aus dem Augenwinkel wahrnehme.

Weil dieses Schnuppern mir einen Eindruck vermittelt vom kulturellen Reichtum unserer Welt, auch wenn ich am Ende einer Reise oftmals nicht viel mehr als eine Ahnung von den Eigenheiten der bereisten Kultur habe. Außerdem ist das Reisen oftmals eben doch ein Einstieg in komplexere Erfahrungen, im Zuge derer wir Wertvolles über uns und andere lernen. Selbst, wenn dieser Erfahrungen dann in Worten wie denen meiner Tochter kulminieren: „Ich weiß jetzt, dass ich nicht in England leben will.“