Geschichten über ein Land, das ganz anders ist als das eigene: Sechs Bücher für Kinder und Jugendliche, die von Japan erzählen.

I. JAPAN-BÜCHER FÜR JÜNGERE

Lesléa Newman: HACHIKO. DER TREUESTE HUND DER WELT (Aladin Verlag)

Hachiko ist in Japan eine Berühmtheit. Neun Jahre nach dem Tod seines Herrchens hat der Hund jeden Tag zu der üblichen Ankunftszeit seines Besitzers am Tokioter Bahnhof Shibuya auf ihn gewartet – bis er 1935 selbst starb. Hachiko wurde in Japan zu einem Symbol für Treue. Bis heute erinnert eine Statue am Bahnhof Sibuya an ihn. Die amerikanische Schriftstellerin Lesléa Newman erzählt Hachikos Geschichte als kleinen Roman, in den sie die fiktive Gestalt des Jungen Yasuo einbaut, der sich neun Jahre lang um den herrenlosen Hund kümmert. Newmans Erzählduktus ist so schlicht und klar wie ein Tatami-Zimmer. Dabei baut sie an vielen Stellen grundlegende Begriffe und Informationen zu Phänomenen der japanischen Kultur wie Kleidung, Essen, Festen und Umgangsformen ein. Der kleine Band mit seinen smpathischen Schwarz-weiß-Illustrationen von Machiyo Kodaira ist ein schöner und auf stille Weise ergreifender Japan-Einstieg, den man jüngeren Grundschulkindern vorlesen, älteren Kindern in die Hand drücken oder sich selbst zu Gemüte führen kann – denn seine einfache Sprache ist zwar kindergeeignet, aber nicht kindlich.

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Annelore Parot: AOKI – EINE REISE NACH TOKIO (Knesebeck Verlag)

Aoki ist eine Kokeshi: eine dieser japanischen Holzpuppen mit runden Kopf und Kimono. Die Französin Annelore Parot hat sie erfunden und ihr eine Reihe von Bilder- und Bastelbüchern gewidmet. Im Kokeshi-Universum ist alles bunt und kawaii. AOKI – EINE REISE NACH TOKIO erzählt, wie das Püppchen mit dem Shinkansen in die japanische Hauptstadt fährt, um seine Freundin Yoko zu besuchen: eine weitere Kokeshi. Yoko wohnt in einem typisch japanischen Haus, dessen Schränke sich beim Betrachten aufklappen lassen. Zusammen gehen die Freundinnen einkaufen, zum Kirschblütenfest und in einen Zen-Garten – stets ausgerüstet mit wunderbar verpacktem, ebenfalls ausklappbarem Proviant. In unserem Bücherregal steht das AOKI-Buch seit vielen Jahren und es gehört zu den Appetizern, die uns von langer Hand auf unsere Japan-Reise vorbereitet haben. Obwohl Vierjährige vielleicht eher die Zielgruppe sind, war meine elfjährige Tochter dank AOKI scharf auf den Besuch eines Zen-Gartens. Was will man mehr?

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II. MÄDCHENBÜCHER MIT TOKIO-FLAIR

Holly Smale: Harriet – Versehentlich berühmt. Ein Kolibri auf dem Catwalk (Arena Verlag)

Bitte unbedingt sofort alle Vorurteile über Bord werfen: Wenn ein Mächenbuch das Wort „Catwalk“ im Titel trägt und das Wort „Model“ mehrfach auf dem Klappentext vorkommt, dann handelt es sich nicht zwangsläufig um Tussi-Literatur! Die Harriet-Serie der Engländerin Holly Smale ist der schlagende Beweis. Sowieso heißt sie im Original „Geek Girl“, was wesentlich besser klingt als „Versehentlich berühmt“. Holly Smale ist eine witzige und intelligente Stilistin, deren Harriet-Stories in ihrer eigenen Erfahrung wurzeln: Smale war als Schulmädchen ein ausgemachter Nerd, der überraschend als Model entdeckt wurde – ganz wie ihre Protagonistin. Und wie diese hat sie die Model-Welt nicht unbedingt als glamourös, sondern als manchmal absurd, manchmal zwanghaft und oberflächlich empfunden. Holly Smale kennt Japan aus erster Hand, seit sie dort eine Zeitlang als Lehrerin gearbeitet hat. Die etwas nerdige Japan-Begeisterung, mit der sie ihre Protagonistin Harriet ausstattet, könnte herrlicher nicht formuliert sein, und das Japan-Bild in EIN KOLIBRI AUF DEM CATWALK enwickelt die Autorin durch eine sehr geistreiche Brille hindurch: Eine Modedesignerin lässt Harriet für ein Fotoshooting nach Tokio fliegen, das sich auf japanische Stereotypen bezieht und diese zugleich durchbricht. So muss Harriet sich etwa zwischen gleich gekleidete Puppen in einen Greifarm-Spielautomaten zwängen. Neben solchen Erfahrungen gibt es für Harriet Kawaii-Kultur, Großstadtrummel, Zickenkrieg und natürlich Liebe – immerhin ist das hier ein Mädchenbuch. Das zweite in der Harriet-Serie übrigens; zu empfehlen ist die Reihe ab etwa elf Jahren. Für meine jüngere Tochter war dieser Roman der absolute Japan-Teaser, den sie vor der Reise, während der Reise und danach immer wieder verschlang.

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Cecilia Vinesse: SIEBEN NÄCHTE IN TOKIO (dtv)

Noch ein Mächenbuch mit Setting in Tokio, auch dies geschrieben von einer sehr japankundigen Autorin: Cecilia Vinesse hat die internationale Schule in Tokio besucht. Auf diese Schule geht auch ihre Hauptperson Sophia. Deren Vater, ein Franzose, lebt in Paris; Sophia wohnt bei ihrer Mutter, einer Amerikanerin, die in Tokio arbeitet. Sophias Geschichte spielt in den letzten Tagen vor ihrer geplanten Rückkehr in die USA. In kurzer Zeit geschieht in ihrer Welt vieles, was ihre Vorstellungen von Freundschaft, Verliebtheit und Familienzusammengehörigkeit massiv auf die Probe stellt – und teilweise kippen lässt. Das ist gut erzählt, und Tokio ist eine herrliche, detailreich gezeichnete Kulisse, die der Story eine schillernde Atmosphäre verleiht. Trotzdem bleibt die Stadt Kulisse. Sophia lebt in einem Umfeld von Expats aus unterschiedlichen Ländern, die nur im Ausnahmefall Japanisch können und deren Berührungen mit der japanischen Kultur an der Oberfläche bleiben. Trotzdem ist SIEBEN NÄCHTE IN TOKIO gut geschriebenes, Girlie-Lesefutter mit viel Tokio-Flair und einer psychologisch überzeugenden Story. Geeignet ab 13, 14 Jahren.

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III. ERFAHRUNGSBERICHTE VON AUSTAUSCHSCHÜLERINNEN

Mona I. Thraen: SCHONUNGSLOS JAPANISCH. EIN HIGH-SCHOOL-JAHR ZWISCHEN MODERNE, TRADITION, GASTFAMILIE UND MANGA (Verlag traveldiary.de)

Mona Thraen ist 17, als sie für ein Schuljahr nach Japan geht. Im Rückblick auf diese Zeit hat sie SCHONUNGSLOS JAPANISCH geschrieben: ein Japan-Buch, das auf ihren Austauschtagebüchern basiert, aber weit über die Schilderung persönlicher Erlebnisse hinausgeht. Monas Japan-Jahr ist keine einfache Zeit. Sie kommt als Manga- und Anime-Fan mit Japanisch-Grundkenntnissen in ein Land, für das sie sich seit langem interessiert. Das Verhalten ihrer Gastfamilie widerspricht vielen Stereotypen, über die sie gelesen hat, und das nicht unbedingt im positiven Sinne. Von der berühmten japanischen Höflichkeit spürt sie wenig. Der Leser erlebt hautnah mit, wie sie mit sich hadert und einen Gastfamilienwechsel beschließt und wie sie im Laufe eines Jahres drei Familien aus ganz unterschiedlichen Schichten der japanischen Gesellschaft von innen kennenlernt. Mona Thraen erzählt von ihren ambivalenten Erfahrungen mit dem japanischen Schulsystem und von ihren Schulkameradinnen, die ihr gegenüber lange fremdeln, bis es zu Freundschaften kommt. Dabei reflektiert sie viel über japanische Denk- und Verhaltensweisen, über kulturelle Eigenarten und gesellschaftliche Konventionen. Für reisefreudige Jugendliche ab etwa 15 Jahren und für Erwachsene ist SCHONUNGSLOS JAPANISCH spannender und kluger Lesestoff, der ein authentisches Bild sowohl von einer fremden Kultur als auch von den Herausforderungen eines Auslandsaustauschs vermittelt.

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Dana Willfroth: MEIN JAPANJAHR. EIN TAGEBUCH (Books on Demand)

Dana Willfroth verbringt einige Jahre vor Mona Thraen ein Schuljahr auf einer japanischen High School – ebenfalls im Alter von 17. Ihre Erlebnisse veröffentlicht sie schon während ihres Japan-Aufenthalts online in Tagebuchform; später wird daraus ein im Selbstverlag gedrucktes Buch. Dana Willfroth schreibt aus dem unmittelbaren Erleben heraus – ihre Emotionen sind ungefiltert, es gibt jede Menge Details aus dem Schul- und Familienalltag zu lesen, stilistisch und ortographisch ist vieles nicht geglättet. Die reflektierende Ebene von SCHONUNGSLOS JAPANISCH fehlt dem JAPANJAHR von Dana Willfroth weitgehend; für Japan-interessierte Jugendliche ab ungefähr 14 hat ihr Buch in seiner Direktheit, seiner Ehrlichkeit und seinem Reichtum an Japan-Erlebnissen allerdings einiges zu bieten.

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