Im Sommer 2015 habe ich meinen Instagram-Account eröffnet. Seither habe ich nicht nur fast 900 Fotos gepostet, was zweifelsohne für meine Zuneigung zu dem Medium spricht, sondern auch einiges gelernt: über die Visual-Culture-Trends unserer Tage, die aktuelle Jugendkultur und mein eigenes Verhältnis zu Bildern.

Instagram und Alltagsleben

1. Seit Instagram in mein Leben getreten ist, schaue ich viele Dinge genauer an.

2. Für mich ist Instagram eine Art Visual Diary. Manchmal poste ich Bilder vom aktuellen Tag, manchmal Dinge, mit denen ich mich mental beschäftige. Das ist etwas, was ich liebe, was mich entspannt und mir Spaß macht. Bevor ich es mit Instagram zu tun bekam, hatte ich keine Ahnung, dass ich ein Mensch für visuelle Tagebücher bin.

3. Selfies, Posing und andere Formen der Selbstdarstellung sind vermutlich der stärkste Trend auf Instagram. Je nachdem, in welcher Filterblase man sich bewegt, kann man diese Bildwelten komplett ignorieren. Filterblasen werden manchmal kritisiert, weil sie immer nur einen selbstgewählten Ausschnitt aus dem Ganzen zeigen, aber wie sollte man Instagram ohne eine eigene Filterblase nutzen? Auf jeden Fall ist es lehrreich, ab und zu mal einen populären Hashtag aufzurufen, um zu sehen, was rundherum so läuft. Ich selbst allerdings bin beim Anblick der sexy Lips und durchtrainierten Bodys, die sich dann sofort vor mir ausbreiten, geneigt, relativ schnell wegzuklicken.

4. Obwohl wir in der statistischen Minderheit sind, bin ich nicht die einzige Person mittleren Alters auf Instagram.

5. Ich habe im Laufe der Zeit einen Instagram-Blick entwickelt. Wenn ich unterwegs bin, halte ich die Augen offen für Motive, die ich gern instagrammen möchte. Das sind oft andere Motive als die, die ich für persönliche Erinnerungen oder für meinen Blog fotografiere. Während es mir dabei eher um das Festhalten von familiären Momenten beziehungsweise um die Illustration von Reiseerlebnissen geht, konzentriere ich mich bei Instagram stärker auf die Optik als solche. Manchmal fragen mich Freunde, ob es mich nicht stresst, im Alltag nach postbaren Motiven Ausschau zu halten. Die Antwort ist: Bis jetzt noch nicht; im Gegenteil (siehe Punkt 1). Allerdings nerve ich damit gelegentlich die Menschen, mit denen ich unterwegs bin.

6. Ich liebe den Hashtag #lampenmittwoch, auch wenn meine Töchter mich deshalb auslachen. Ich meine: Was für eine Bereicherung, plötzlich einen Grund zu haben, nach instagenen Lampen Ausschau zu halten! Und dabei Leuchtkörper zu entdecken, denen man früher nicht die geringste Beachtung geschenkt hätte! Auch #treppenhausfreitag ist übrigens ein wöchtentlicher Quell der Freude.

Mumin Kaffe

Der Leuchtmumin im Mumin-Café von Helsinki eignete sich erstklassig für den #lampenmittwoch

Die Welt im kleinen Quadrat

7. Natur – vor allem Sonnenuntergänge – zieht immer, #venezia ist ein beliebter Hashtag, Tiere kommen gut an: Die Kalenderblatt-Ästhetik funktioniert auch auf Instagram.

8. Es gibt eine Menge guter Fotografie auf Instagram. In meiner Timeline finde ich oft Bilder, die mit ähnlichen Konzepten arbeiten wie künstlerisch orientierte Fotografen. Eine Zeitlang habe ich gern Artikel gelesen, die sich fragten, ob heute, da dank Instagram jeder seine Fotos veröffentlichte, das Ende der Fotografie, wie wir sie kennen, gekommen sei. Inzwischen halte ich das für eine undifferenzierte Annahme, das Thema ist viel komplexer. Aber vielleicht führt Instagram dazu, dass mehr Menschen für unkonventionelle visuelle Blickwinkel offen sind: beim Betrachten der Fotos anderer und beim Betrachten der Wirklichkeit, die sie aufnehmen wollen.

9. Dann ist da die gelackte Oberfläche der prominenten Accounts von Influencern, die sich auf Instagram perfekt und teuer gestylt in glamourösem oder kultigem Umfeld zeigen. Schon vor den Zeiten des Internets hat man sich das optisch glattgebügelte Leben der Reichen und Schönen gern in Magazinen oder im TV angeschaut. Nie jedoch war dieser Lifestyle so omnipräsent wie jetzt: in tausendfachen Varianten jederzeit und immer wieder neu durch eine Berührung des Touchscreens zu haben. Ich finde die verführerische Präsenz eines unrealistischen Influencer-Lifestyles ungesund, vor allem für Jugendliche, die ein ganz normales Leben führen. Mit dieser Kritik liege ich im Eltern-Mainstream, und mir ist klar, dass man das Rad der digitalen Entwicklungen nicht zurückdrehen kann. Dennoch hoffe ich, dass der Influencer-Hype irgendwann abnimmt.

10. Lange Zeit habe ich Instagram abgelehnt, weil mich die typische nostalgische Filter-Optik nervte. Später schrieb ich hier über diese Optik. Inzwischen scheint der Trend zur Retro-Optik seinen Zenith überschritten zu haben und die Insta-Ästhetik nicht mehr zu dominieren.

11. Ich denke oft über Framing nach. Es lässt sich leicht darüber meckern, dass auf den kleinen Instagram-Quadraten nur die schönen, präsentablen Ausschnitte der Realität gezeigt werden. Aber ist Fotografie nicht immer Framing? Auch dann, wenn sie in sozialkritischer Absicht oder im Bestreben nach einer ehrlichen Reportage Elend zeigt? Blendet sie nicht immer das eine aus, das andere ein? Und ist nicht bei jedem guten Foto ein Moment der Komposition im Spiel? Kann man Instagram das verfremdende Einrahmen der Wirklichkeitsschnipsel also tatsächlich vorwerfen? Oder nerven uns vor allem Lifestyle-optimierte Bildchen, die Angeberflair verströmen?

Instagram auf Reisen, im Museum, bei der Wohnungseinrichtung

12. Für Menschen, die gern reisen, ist Instagram ein sinnvolles Tool. Ich habe in den letzten zwei Jahren über Hashtags Instagram-Accounts aufgespürt, die sich auf meine nächsten Reiseziele fokussierten, und dadurch viele Reiseinspirationen erhalten. Das war im Vorfeld und während der Reisen nützlich, macht aber auch danach noch Spaß. An einigen im letzten Jahr abonnierten Accounts aus Manchester, Yorkshire und Japan freue ich mich noch immer. Die Instagrammer, die das grandiose Petersburger Licht einfangen, werde ich wahrscheinlich nie deabonnieren.

13. Kunstinteressierte diskutieren gern über den Sinn und Unsinn von Instagram-Museumsselfies. Wenn der Selfiewahn dazu führt, dass er dem Kunstpublikum den Blick auf die Werke verstellt, ist er definitiv kein Segen für die Menschheit. Aber sonst? Muss man sich darüber empören, dass die Kunstwerke als Accessoires für die Selbstinszenierung rezipiert werden? Oder sollte man sich vielleicht überlegen, ob im Moment des Selfie-Schießens nicht doch eine gewisse Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk stattfindet, die über das manchmal sehr müde Hindurchlaufen durch Museumsräume hinausgeht?

14. Was die bildende Kunst auf Instagram betrifft, so kommen vor allem spektakuläre, bunte, möglichst leuchtende Rauminstallationen besonders gut an, in denen man sich wunderbar selbst inszenieren kann. Dagegen ist gewiss nichts einzuwenden. Bedauerlich allerdings wäre, wenn Kunstschaffen und Ausstellungspraxis davon beeinflusst würden, wie insta-worthy ein Kunstwerk ist. In gar nicht so wenigen Fällen ist diese Tendenz bereits zu beobachten.

Ach, und das da auf dem Bild ganz oben, das bin ich – in Yayoi Kusamas spektakulärer, bunter, spiegelnder Rauminstallation „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“ im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Aber Yayoi Kusama war schon vor Instagram die Größte, zur Queen des Artselfie-Hypes wurde sie erst in ihren Achtzigern.

15. Natürlich gab es schon immer Einrichtungstrends, aber noch nie habe ich sie als so dominant wahrgenommen wie die augenblickliche Liebe zu blassen Grau-, Nude- und Taupetönen einerseits und zu Flamingos, Kakteen und roségoldfarbenen Deko-Accessoires andererseits. Ich würde behaupten, ohne Instagram hätten sie sich nicht so flächendeckend durchgesetzt. Beziehungsweise: ohne Instagram und einige andere soziale Medien wie Tumblr.

Aarikka

Absolut insta-worthy: das aktuelle Farbspektrum beim finnischen Holzperlen-Label Aarikka

Instagram und Familienleben

16. Ohne meine Töchter wüsste ich weniger über Instagram.

17. Als im vorletzten Sommer unsere ganze Familie innerhalb weniger Wochen ihre Instagram-Accounts eröffnete, hatte ich den Eindruck, dass das Medium meine Kinder unter anderem zum kreativen Umgang mit Bildern anregte. Inzwischen ist Instagram in ihrer Welt weitgehend durch Snapchat abgelöst worden, und was sie da so treiben, weiß ich nicht. Für Snapchat fühle ich mich zu alt, außerdem kann ich nicht das nächste soziale Medium durch meine Anwesenheit uncool machen.

18. Zu Beginn unserer familiären Instagram-Zeit war meine jüngere Tochter einmal sehr böse auf mich und sprach eine wahrhaft brutale Drohung aus: „Ich deabonnier‘ dich!“

Zum Schluss etwas wirklich Schlimmes

19. Es gibt eine vor allem auf Instagram-Accounts von Mädchen im Teenageralter erschreckend weit verbreitete Tendenz, sich mit den Themen Selbstverletzung, Magersucht und und Suizid Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wer hier als Erwachsener einen Einblick erhalten möchte, probiere den Hashtag #selfharmmm aus. Immerhin geht hierauf zunächst eine Instagram-Schaltfläche auf, die Hilfe anbietet.