„Und was macht ihr so im Sommer?“ Noch nie hat mich diese Frage so sehr in Erklärungsnöte gebracht wie in diesem Jahr. Außerdem habe ich noch nie über so viele Jahre an einem Reiseplan gebastelt. Mit den ältesten Puzzleteilen dieses Projekts gehe ich seit neun Jahren schwanger.

„Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?“, fragt mich meine älteste Kindheitsfreundin. Genau die richtige Frage: Der Plan, im Sommer von Helsinki nach Sankt Petersburg, dann nach russisch Karelien, nach finnisch Karelien und von dort wieder gen Heimat zu reisen, ist nicht an einem Tag geboren – und auch nicht in einem Jahr. Wenn ich es mir recht überlege, puzzle ich daran seit 2008.

2008 war das Jahr, in dem ich meine erste Begegnung mit Helsinki hatte. An einem der langen finnischen Frühlingsabende sah ich in einer Seitenstraße einen mittelmäßig vertrauenswürdig aussehenden Kleinbus parken, auf dem „St. Petersburg“ stand. Es traf mich wie ein Schlag: Sankt Petersburg war nicht nur auf der Landkarte relativ nah an Helsinki, sondern es befand sich in ganz realer Kleinbus-Wochenendtrip-Weite. Es schien fast eine Schande, nicht einfach so einen Bus zu nehmen und hinzufahren.

Ich kam von da an öfter nach Helsinki – über meine Finnlandliebe habe ich andernorts auf diesem Blog geschrieben. 2010 wurde eine Hochgeschwindigkeitszugverbindung zwischen Helsinki und Sankt Petersburg eröffnet. Ich war mir sicher, dass ich irgendwann mit diesem Zug fahren wollte. Natürlich kann man problemlos nach Sankt Petersburg fliegen. Aber die Vorstellung, per Zug nach Russland zu reisen, in ein Land, das für mich persönlich fremd und weit weg ist, war großartig. Allerdings schien mir eine reine Zwei-Städte-Reise irgendwie unvollständig; ein bisschen ländliches Finnland wäre die perfekte Abrundung.

Wo und was ist Karelien?

Ländliches Finnland zwischen Helsinki und Sankt Petersburg bedeutet: Karelien. Karelien ist ein waldiger, seendurchwachsener Landstrich, der seit dem Mittelalter immer wieder umkämpft wurde: Russland wollte ihn ebenso besitzen wie Schweden, das lange Zeit das jetzige Finnland beherrschte. Heute liegt der kleinere Teil Kareliens westlich der Grenze in Finnland, der größere bildet die Republik Karelien, Mitglied der russischen Föderation.

Obwohl sich die Kultur Kareliens schon ab dem 14. Jahrhundert in eine westliche und eine östliche Richtung entwickelte, ist die Gegend außerordentlich wichtig für die nationale Identität der Finnen – immerhin ist hier das Nationalepos „Kalevala“ angesiedelt, das Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert aus Volkserzählungen dichtete. Die ursprünglichen Bewohner Kareliens waren denn auch, wie die Finnen, ein finno-ugrisches Volk mit einer eigenen Sprache, die dem Finnischen recht nah ist.

Dass sich die Nationalromantik des heuer seit exakt hundert Jahren unabhängigen Finnland gern durch die reichen folkloristischen Traditionen Kareliens gespeist hat, ist dennoch erstaunlich – schließlich ist diese Region seit Jahrhunderten ein Schmelztiegel russischer und skandinavischer Traditionen. Das gesamte Karelien war zunächst russisch-orthodox geprägt; erst durch die schwedische Herrschaft wurde der westliche Teil erst katholisch, später protestantisch.

Die Insel Kischi

Das alles ist für Finnland-Liebhaber wie mich hinlänglich spannend, für einen konkreten Reiseplan aber hat es nie gereicht. Dafür setzte sich 2012 eine andere, ganz extrem mythische Idee in meinem Kopf fest. Ihr Name: Kischi. Eine Insel im russischen Teil Kareliens. Erfahren habe ich von ihr dank meiner Arbeit als Uhrenjournalistin: Als solche gehöre ich zu den Empfängern einer sehr schönen Image-Zeitschrift mit Kultur- und Reisethemen, die die Genfer Uhrenmanufaktur Patek Philippe herausgibt. In einem dieser Hefte, das ich seit nunmehr fünf Jahren in meinem Bücherregal horte, erzählten vier Seiten von den Holzkirchen auf der Insel Kischi im Onegasee. Der größte Bau hat 22 Zwiebeltürme und sieht aus wie aus einem archaischen Märchen. Zusammen mit zwei weiteren Gebäuden bildet er das UNESCO-Weltkulturerbe Kischi Pogost. Kischi Pogost wurde ohne Nägel gebaut: Die Gebäude halten seit dreihundert Jahren aufgrund meisterlicher Verkerbung der Hölzer.

Seit meiner Lektüre dieses Artikels will ich nach Kischi. Der Ort scheint mir magisch, er lässt sich nicht mehr aus meinem Hirn verbannen. Leider ist die Insel nicht besonders zentral gelegen, sondern mitten in der karelischen Pampa, weit nördlich der Zugstrecke Helsinki – Sankt Petersburg. Immer wieder einmal habe ich im Laufe der Jahre nach Reisemöglichkeiten gegoogelt – schließlich handelt es sich bei Kischi um UNESCO-Weltkulturerbe, und das zieht doch eigentlich überall Touristen an. Aber das russische Karelien ist vor allem die Domäne organisierter Gruppenreisen, und die sind nicht unser Ding.

Die Kinder sind groß, Russland auch

Über diesen Reiseträumen ist das Jahr 2017 gekommen, unsere Töchter sind zwölf und 15, und als wir beschließen, im Sommer zum zweiten Mal mit der Familie nach Finnland zu reisen, nimmt ein Plan Gestalt an, der, von mir selbst kaum realisiert, offenbar schon länger in meinem Hinterkopf auf den richtigen Augenblick wartet: mit dem Schnellzug von Helsinki nach Sankt Petersburg, dann irgendwie nach Norden zur Insel Kischi und von dort Richtung Westen ins finnische Karelien. Wenn Teile der Reise nicht so komfortabel sein sollten, wenn hier und da improvisiert werden muss, dürfte das mit den großen Kindern jetzt eigentlich kein Problem mehr sein.

Den endgültigen Schubs geben mir die Erfahrungen von Beate, meiner Bekannten, die im letzten Jahr mit Mann und drei Söhnen mit der Transsibischen Eisenbahn unterwegs war und mir ein spannendes Bloginterview über diese Reise gegeben hat. Sie überzeugt mich davon, dass Russlandreisen nicht nur in den großen Metropolen funktionieren, sondern dass man sich auch in entlegenen Landschaften als Tourist gut zurechtfinden kann – mit der entsprechenden Vorbereitung. Sie hat für ihre Familie interessante Aufenthalte in Sibirien und der Mongolei organisiert – und ich denke, dasselbe müsste für Karelien auch möglich sein. Außerdem empfiehlt sie mir das Freiburger Reisebüro Gleisnost, das auf internationale Bahnreisen spezialisiert ist und viele Erfahrungen mit Russlandreisen hat.

Die konkrete Route

Gleisnost wird uns in den nächsten Tagen Bahntickets zuschicken. Den Schnellzug von Helsinki nach Sankt Petersburg bucht Gleisnost öfter. Von Sankt Petersburg wird uns ein russischer Zug namens Arktika in die karelische Großstadt Petrosawodsk bringen, die direkt am Onegasee liegt und von der aus man ein Tragflügelboot nach Kischi nehmen kann.

Danach wird es spannend. Angeblich fährt ein Bus vom russisch-karelischen Petrosawodsk ins finnisch-karelische Joensuu. In Joensuu sitzt das Touristenbüro Visit Karelia, von dem ich nette E-Mails erhalten haben: Sie freuen sich über unser Reiseprojekt, zusammen mir ihren russischen Partnern wollen sie seit längerem den „cross-border travel“ innerhalb Kareliens propagieren. Sie versichern glaubwürdig, dass der grenzübergreifende Bus existiert und dass es irgendwann auch einen Fahrplan geben wird, den sie uns gerne weiterleiten.

Sobald wir diesen tatsächlich durch den internationalen Tourismus so gut wie gar nicht genutzten Grenzübergang hinter uns haben, sehen wir ein paar Tagen in der finnischen Natur mit Mökki – Ferienhaus – und Sauna entgegen. Im finnischen Nordkarelien gibt es außerdem einiges in Sachen karelischer Kultur zu besichtigen. Mit anderen Worten: Unsere Töchter werden auch in diesem Sommer wieder mehr Museen betreten, als ihnen zumutbar scheint. Bingo!

Bis dahin

Bis es losgeht, muss ich Dostojewski lesen. Mein Mann ist mir da mehrere tausend Seiten voraus, und in Sankt Petersburg wollen wir unbedingt auf den Spuren des Schriftstellers wandeln. Meine Töchter sollten eigentlich Katherine Rundells wunderbar mythisches Russland- und Sankt-Petersburg-Kinderbuch „The Wolf Wilder“ lesen. Allerdings erscheint die deutsche Übersetzung erst ein paar Wochen nach unserem Urlaub. Also werde ich von den so schneekalten wie revolutionären Inspirationen zehren, mit denen mich die englische Ausgabe geflutet hat, und hoffen, dass unsere Kinder auch nach dem Urlaub noch etwas über Russland lesen mögen.

Außerdem tue ich etwas, was schwer im Trend liegt: Ich widme mich der Reisevorbereitung via Pinterest. Nachdem ich den Reiz dieses sozialen Netzwerks lange Zeit nicht verstanden habe, bin ich in den letzten Monaten in Windeseile zum Fan geworden. Vor allem in Sachen Sankt Petersburg bin ich bei Pinterest auf einige Tipps gestoßen, die mir in den Reiseführern nicht begegnet sind: Einerseits habe ich sie in Blogartikeln gefunden, andererseits habe ich Bilder von Gebäuden entdeckt, die ich allein aufgrund ihrer optischen Wirkung sehen muss. Dass ein Reiseführer nicht zu jedem einzelnen Bau ein Foto zeigen kann, ist klar. Gleichzeitig werde ich meine Reiseführer natürlich von vorn bis hinten und wieder zurück lesen – und mindestens ein Kilo davon im Gepäck haben. Sonst ist es keine richtige Reise.

Zu Kind am Tellerrand auf Pinterest geht es übrigens hier

Und was ist ganz oben auf den Fotos zu sehen? Oben links: finnisches Karelien; Foto: (c) Visit Karelia. Darunter, im Uhrzeigersinn: das Cover von Katerine Rundells Kinderbuch „The Wolf Wilder“ – die Auferstehungskirche in Sankt Petersbrg; Foto (c): Visit Petersburg – der Zeitschriftenartikel, der schuld ist an meinem Kischi-Traum – ein Stückchen Karelien à la carte. Rechts: Helsinkis Stadtteil Katajanokka mit der großen russisch-orthodoxen Uspenski-Kathredrale, denn das Ost-West-Puzzle beginnt bereits in Helsinki