Seit wir beschlossen haben, im Sommer nach Helsinki und Karelien zu reisen, ertrinke ich in Finnlandliebe. Für mich ist dieses spärlich bevölkerte Land im Nordosten, in dem sie anders sprechen als alle unsere anderen Nachbarn, seit langem das letzte Abenteuer Westeuropas.

Das Film-Finnland des Aki Kaurismäki

Aki Kaurismäki: Lichter der Vorstadt

Kaurismäki-Romantik: Still aus dem Film „Lichter der Vorstadt“ / (c) Pandora Film-Verleih

Meine Finnlandliebe begann in einem schmuddeligen Mainzer Pornokino, bei dem ein Saal als Programmkino genutzt wurde. Keine Ahnung, ob der Bau heute noch steht. Zu meinen Studienzeiten liefen dort die frühen Filme von Aki Kaurismäki – und kein Ort hätte stilechter zu der fatalistischen Tristesse des finnischen Regisseurs gepasst. Kaurismäkis Protagonisten sind in der Regel schon ganz unten angekommen, bevor der Film beginnt. Mit regloser Miene stecken sie einen Schicksalsschlag nach dem anderen ein, ohne zu zucken. Aber manchmal, manchmal erleben sie das große Glück. Das sieht dann genau so aus wie das, was umgangssprachlich als das kleine Glück bezeichnet wird. Kaurismäki hat ein cineastisches Finnland kreiert, in dem Nehmerqualitäten zu den entscheidenden Charakterzügen gehören und in dem Leidenschaft bedeutet, händchenhaltend auf dem Sofa zu sitzen, vor sich einen niedrigen Tisch mit Plastikblumen.

Extreme Jahreszeiten, extreme Menschen?

Finnland-Emojis

Weiße Nächte – aus einer Reihe von Finnland-Emojis, die das Land herausgegeben hat

Finland Emoji

Dieses Emoji steht für kaamos – das Gefühl sonnenloser Tage

Als das Studentenleben vorbei und das Berufsleben angebrochen war, hatte ich immer wieder mit Vertretern einer finnischen Designschmuckfirma zu tun. Sie liebten ihr Land, bei ihren Partys gab es Rentierschinken, und irgendein Chef oder Unterchef mit bewundernswert kompliziertem Namen erklärte mir im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung das Wesen der Finnen: Sie seien extrem, weil auch ihre Jahreszeiten extrem seien, entweder ganz hell oder ganz dunkel.

Finnland schien reine Poesie zu sein. Diesem Land musste man verfallen. Ich frage mich heute, warum wir uns damals, durch Kinder nicht gebunden und hedonistisch über unser Gehalt verfügend, nicht einfach Flugtickets nach Helsinki kauften. Vielleicht war Finnland zu mythisch, um als reales Reiseziel in Betracht gezogen zu werden.

Pädagogisches Finnland

Finnland mit Kindern

Am Ende der Kindergartenzeit haben wir Finnland selbst ausprobiert

Das änderte sich, als wir Kinder bekamen. Während die sagenhaften PISA-Erfolge des finnischen Schulsystems durch die Medien gingen, schickten wir unsere erste Tochter in einen Kindergarten mit finnischer Erzieherin. Finnland wurde auf einmal zu einem sehr realen Faktor in unserem Leben – ohne allerdings dadurch seine mysteriöse Faszination einzubüßen. Unsere Töchter profitierten, eine nach der anderen, nachhaltig von den Segnungen der finnischen Pädagogik. Gleichzeitig verinnerlichten sie, was Sonne und Spinne auf finnisch hieß und wie man bis zehn zählte. Sie lernten alles, was man Kleinkindern über den aktuellen Forschungsstand zum Thema Nordlichter vermitteln kann. Erfuhren, dass die finnischen Bären sich der Zivilisation immer mehr annähern, weil sie in der Wildnis nicht mehr genug Nahrung finden. An anderer Stelle auf diesem Blog habe ich mehr über die Entstehung einer frühkindlichen Finnlandliebe erzählt.

Hanko, Finland

Bei Hanko an der finnischen Südküste – zwischen Ferienhaus und Ostsee

Eine Freundin von mir zog nach Belgien. Wir beschlossen, für ein Wochenende zusammen zu verreisen, an einen Ort irgendwo in der Mitte zwischen Baden-Württemberg und Flandern. Wir trafen uns in Helsinki. Nachdem eine von uns diese Idee ausgesprochen hatte, gab es kein Zurück mehr. Das wiederum hatte etwas mit der finnischen Erzieherin zu tun, mit der wir beide befreundet sind. Und mit unserem gemeinsamen Interesse an Design.

Designparadies

Secto Design Lampen

Erster Finnland-Eindruck: Holzleuchten von Secto Design / (c) Secto Design

Mein erster Eindruck vom Flughafen Helsinki-Vantaa wird mir unvergessen bleiben. Ich sah Lampen. Lampen aus Holzlamellen, die von der finnischen Firma Secto Design hergestellt werden. Warm. Schlicht. Elegant. Was musste das da draußen für ein Land sein, dessen größter Flughafen so designbewusst und nordisch-anheimelnd eingerichtet war!

Leider konnten wir nicht so schnell sehen, was das für ein Land war. Mein zweiter Helsinki-Eindruck verdankt sich der vermutlich einzigen Designsünde, derer sich die Finnen je schuldig gemacht haben: Die Fenster der Flughafenbusse waren mit – wiederum lamellenartigen – Streifen beklebt, durch die man nur bleistiftschmale Ausschnitte von der Landschaft rund um Helsinki und von der Stadt zu sehen bekam. Was haben sie sich dabei bloß gedacht? Denn, so viel ist klar, wenn die Finnen etwas bekleben, formen, bedrucken, dann denken sie sich etwas.

Marimekko Unikko

Design-Klassiker: Das Unikko-Muster von Marimekko exisitert seit 1964

Alvar Aalto Vase Savoy

Als Inspiration für Alvar Aaltos berühmte Iittala-Vase „Savoy“ von 1936 gilt eine Pfütze

Und sie denken sich Sachen, die man mögen muss. Sie denken sich, um es kurz zu machen, dass Dinge dazu da sind, das Leben ihrer Benutzer zu verbessern. Indem sie angenehme Formen und Materialien haben, bequem zu verwenden sind und die Sinne nicht mit überflüssigem Tand erschlagen, dessen man irgendwann überdrüssig werden könnte. Schließlich hat man die Klarheit der nordischen Natur als unübertroffenes Stilvorbild vor Augen. Also ersinnen die Finnen seit Jahrzehnten formschöne und funktionale Gläser, Teller, Tassen, Möbel, Textilien, die so gut durchdacht sind, dass viele von ihnen mittlerweile als Klassiker gelten. Damit solche Dinge das Leben vieler Menschen angenehmer machen können, müssen sie erschwinglich sein. Finnische Produkte sind teurer als ihre von einem schwedischen Möbelhaus entworfenen und teilweise verdächtig ähnlichen Verwandten. Die Finnen sind allerdings weder ein Volk von Reichen noch eins von Markenfetischisten – und dennoch besitzen sie die Produkte, die ihre einheimischen Designfirmen herstellen. Weil man, wie die finnische Freundin uns erklärt, Wert darauf legt, sich mit guten Dingen zu umgeben. Es ist eine Frage der Wertschätzung des Alltagslebens.

Tonfisk Design

Schlicht, durchdacht, schön und aus Holz: Geschirr von Tonfisk

Meine wahlbelgische Freundin und ich jedenfalls fanden uns im Designparadies wieder. Wenn man Helsinkis Flaniermeile, die Esplanadi, einmal hinauf- und hinuntergelaufen ist, hat man gelernt, was nordische Designtugenden sind. (In meinem Ein-Tag-in-Helsinki-Artikel findet sich eine Kurzführung über die Esplanadi.) Man hat begriffen, dass die Finnen das Holz ihrer riesigen Wälder auch gern in den Innenraum holen. Dass sie keine Angeber sind, die Glamour, Gigantomanie oder Markenlogos mögen. Dass Design eine Sache des Nationalstolzes ist. Dass die Finnen die weltweite Merchandising-Kultur auf ihre ganz eigene Weise unterminieren, indem sie die Mumins aus Tove Janssons Kinderbüchern auf alle Gegenstände applizieren, auf denen man andernorts Minions und Hello Kittys findet.

Die Finnen am Abend

Finland Heavy Metal Emoji

Die Finnen sind eine Heavy-Metal-Nation – wie das Headbanger-Emoji beweist

An den Abenden lernten wir noch mehr Dinge über die Finnen. Es war Mai, um elf Uhr abends hatte der Himmel eine Farbe wie bei uns um sieben, und auf einer Bühne in der Mitte der Esplanadi machte eine Gruppe schmächtiger Halbwüchsiger vor einem gediegenen Restaurant laute Musik. Denn Finnland ist ein Heavy-Metal-Mekka. Wir tranken Bier, das in verschiedenen Stärkegraden angeboten wird: je mehr Alkohol, desto teurer. Wir stellten fest, dass die Finnen am Alkohol ebenso wenig sparen wie am guten Design. Weder vorher noch nachher habe ich so viele Menschen so hemmungslos in der Öffentlichkeit betrunken gesehen wie bei meinem ersten Aufenthalt in Helsinki. Gut so, immerhin war ich auf ein Land der Extreme vorbereitet. Und ich spürte einen Hauch von Kaurismäkis Film-Finnland. Das lag auch an diesem speziellen Ende-der-Welt-Feeling, das mich beim ersten sowie bei jedem weiteren Helsinki-Besuch überfiel. Immer hatte ich das sehr relaxte Gefühl, wirklich am Rande Europas angekommen zu sein; an einem Ort, an dem sich unser westeuropäischer Alltagsstress ein wenig auflöst und durch einen anderen Rhythmus ersetzt wird.

Wie dem auch sei: Ich habe keine Kaurismäki-Gestalten gesehen, bei keinem meiner inzwischen sechs Finnland-Aufenthalte. Rockertypen mit Underground-Charme en masse. Aber Kaurismäkis fatalistische Verlierer mit den traurigen Augen? Fehlanzeige. Und die Frauen sehen ganz anders aus als Kaurismäkis Lieblingsschauspielerin, die großartige Kati Outinen mit ihrem fliehenden Kinn und der trostlosen Zutraulichkeit im Blick (siehe Bild ganz oben). Die finnischen Frauen haben glatte schulterlange Haare, ein leicht kantiges Gesicht und eine Brille mit schwarzem Rahmen. Das klingt nach einer starken Vereinfachung, aber wer mir nicht glaubt, fahre bitte nach Finnland und hinterlasse einen Kommentar unter diesem Blogpost, wenn es nicht stimmt. Im übrigen ist Finnland, was Frauen betrifft, das Land der Gleichberechtigung. Hier durften sie früher wählen und gewählt werden als irgendwo sonst.

Finland emoji girlpower

Warum nur fehlt dem finnischen Girlpower-Emoji die Brille?

100 Jahre unabhängiges Finnland

Also gut, Kaurismäki, Anstifter meiner Finnlandliebe, dreht offenbar keine Filme über den finnischen Nationalcharakter. Täte er das, müssten viel mehr Saunas und Wälder vorkommen. Mit nichts verbinden Nicht-Finnen das Land mehr, und die Finnen sind stolz darauf. Ohnehin kultivieren sie ihre Eigenheiten mit Wonne. Anders sind auch die offiziellen Finnland-Emojis nicht zu erklären, die vor kurzem herausgekommen sind und von denen einige diesen Artikel bebildern. 2017 ist ein gutes Jahr für Finnland-Emojis, denn heuer wird das hundertste Jubiläum der finnischen Unabhängigkeit gefeiert. Vorher gehörte Finnland zum russischen Zarenreich, noch davor zu Schweden. Aber irgendwie waren sie hier natürlich immer unabhängig mit ihrer finno-ugrischen Sprache, die mit Europas übrigen Sprachen nichts gemein hat, nur entfernt mit dem Ungarischen verwandt ist. Und mit ihren emojitauglichen Eigenheiten. Dass die sich die im Laufe bewegter Zeiten erhalten haben, liegt vielleicht an sisu. Sisu ist eine finnische Eigenschaft, für die es keine exakte Übersetzung gibt. Sisu ist so etwas wie Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit auch im Angesicht aussichtsloser Situationen. Im ungerührten Blick von Aki Kaurismäkis Filmhelden kommt vermutlich sisu zum Tragen. Das dürfte sie mit der unerschütterlichen Zuversichtlichkeit von Tove Janssons Mumins verbinden.

Muminmama in der Muminwelt

Immer guten Mutes: die Muminmama, hier in Finnlands Muminwelt

Bild ganz oben: Kati Outinen und Matti Pällonpää in Aki Kaurismäkis „Schatten Im Paradies“