Die Kulturen der Polarregion haben Hochkonjunktur: NEVER ALONE heißt ein Computerspiel, bei dessen Entwicklung Inuit-Geschichtenerzähler aus Alaska mitgewirkt haben – um ihre Weltsicht durch ein populäres zeitgemäßes Medium an ein größeres Publikum zu vermitteln. Und im Hamburger Museum für Völkerkunde läuft mit „Eiszeiten – die Menschen des Nordlichts“ eine Ausstellung über das Leben nördlich des Polarkreises.

I. NEVER ALONE: das Computerspiel der Inuit

Never Alone Computergame

„Never Alone“ heißt in der Inupiaq-Sprache „Kisima Inŋitchuŋa“

Nuna ist ein kleines Inuit-Mädchen, das zusammen mit seinem Polarfuchs durch die kalten und verschneiten Landschaften der Arktis zieht – auf der Suche nach der Ursache für einen verheerenden Schneesturm. Allein der Weg ist eine riesige Herausforderung für den Fuchs und das Mädchen: Ständig gibt es Hindernisse, die im Jump-’n‘-Run-Stil überwunden werden müsssen – und darüber hinaus viele gefährliche Abenteuer. Aber Nuna und der Fuchs sind nie alleine, never alone: Sie haben einander, und sie haben auch die große, von Geistern beseelte Natur, die ihnen immer wieder helfen.

Beseelte Natur

Aus dem Computerspiel "Never Alone"

Neben dem Spiel gibt es kleine Videos mit Kultureinblicken

Hier helfen Geister: Inuit-Computerspiel "Never Alone"

Mit dem Polarfuchs an der Seite und helfenden Geistern ist man nie allein

Kulturvermittlung per Computerspiel

Neben dem eigentlichen Spiel bietet NEVER ALONE eine Menge kurzer Filme, in denen Vertreter der Iñupiat – des Inuit-Volks aus Alaska, das an der Entwicklung des Games beteiligt war – von ihrer Lebensweise und Kultur erzählen. Die Beseeltheit der ganzen Natur und der damit verbundene Geisterglaube spielt dabei eine große Rolle: eine Weltsicht, die beim Spielen erfahrbar wird. Ebenso wie die Kälte, die Weite und die Kargheit der arktischen Landschaft, die akustisch durch Naturlaute, meditative Musik und das Geräusch von Schritten im Schnee vervollkommnet wird. Hin und wieder spricht ein Geschichtenerzähler kurze Sätze in der Inupiaq-Sprache.

Die Gefahren der Arktis im Computerspiel "Never Alone"

Mit dem Inuit-Mädchen Nuna durch die Gefahren der Arktis

NEVER ALONE von Upper One Games ist ein zauberhaftes Spiel, sehr poetisch und sehr eindrucksvoll für Kinder, die am Computer ein paar virtuelle Schritte in die Lebenswelt der Inuit setzen. Das Konzept, die Weltvorstellung einer kleinen, bedrohten Kultur per Videogame zu erklären, ist schlichtweg grandios. Kleiner Schönheitsfehler: Wir sind beim Spielen am iPad recht oft recht lange an einzelnen Hindernissen hängengeblieben.

II. „Eiszeiten“ im Hamburger Museum für Völkerkunde

Hundeschlitten aus "Eiszeiten" in Hamburg

Sami-Hundeschlitten

Eigentlich ist „Eiszeiten“ eine Hamburger Doppelausstellung: Das Archäologische Museum zeigt Eiszeitkunst; parallel dazu erzählt das Museum für Völkerkunde vom Leben rund um den Polarkreis. Beide Ausstellungen laufen bis zum 14. Mai 2017. Da wir Eiszeitkunst quasi vor der Haustür haben, waren wir nur im ethnologischen Teil, der einen Raum im Völkerkunde-Museum füllt und auf dieser Fläche einen ganzen kulturellen Kosmos entfaltet.

Leben am Polarkreis: Parallelen rund um den Globus

Inuit-Kinderkleidung

Traditionelle Inuit-Kinderkleidung

Die Kulturen, von denen die Ausstellung erzählt, leben rund um den nördlichen Polarkreis – im Osten des Globus ebenso wie im Westen. Trotz der geographischen Weite dieses Lebensraums gibt es viele Gemeinsamkeiten unter den Völkern des hohen Nordens – von der Kleidung bis zum schamanischen Glauben an die Beseeltheit der Natur, die allen Spielern von NEVER ALONE geläufig ist. Und auch die Herausforderungen, die einerseits durch die Konfrontation mit den modernen Zivilisationen entstanden sind und andererseits aktuell durch den Klimawandel entstehen, ähneln sich in den verschiedenen Polarregionen.

„Das Recht auf Kälte“

Schamanenmaske Inuit Alaska

Inuit-Schamanenmaske aus Alaska

Inuit-Kunstwerk im Museum für Völkerkunde Hamburg

Der Otter als Geistwesen

In „Eiszeiten“ geht es sowohl um die Traditionen der Arktisbewohner als auch um die Veränderungen, denen sie im 20. und im 21. Jahrhundert ausgesetzt waren und sind. Ein großes Thema ist die kulturelle Kolonalisierung, die im 20. Jahrhundert in bedrückendem Ausmaß stattfand und die überlieferten Traditionen gefährdet hat. In vielen arktischen Gebieten wurden Kinder dazu gezwungen, weit entfernt von ihren Familien Internate zu besuchen, was oft zum Verlust des kulturellen Identitätsbewusstseins führte. Ähnlich umfassend wie diese Kolonialisierung scheint aber auch die aktuelle Gegenbewegung zu sein: Indigene arktische Völker besinnen sich mehr und mehr auf ihre ursprünglichen Sprachen, ihren traditionellen Glauben, ihre alten Rituale und Legenden. Sie kämpfen um die Wiederbelebung ihrer kulturellen Identität und unternehmen große Anstrengungen, diese in die Zukunft hinüberzuretten. Ein kleines Resultat dieses Kampfs um ein „Recht auf Kälte“, wie eine Inuit-Aktivistin es einst formulierte, mag das Computerspiel NEVER ALONE sein.

Kinder in den „Eiszeiten“

Ausstellung "Eiszeiten", Museum für Völkerkunde, Hamburg

Auch in sibirischen Zelten daddeln die Kids am Handy

Einen Sami-Hundeschlitten und echte Inuit-Kleidung aus Rentierfell zu sehen, ist toll für Kinder. Trotzdem gehört „Eiszeiten“ nicht zu den Ausstellungen, deren Inhalt sich wie von selbst an Kids vermittelt. Vieles wird weniger durch anschauliche Exponate als durch Texttafeln erklärt, die zwar hervorragend sind, für die man aber viel Muße braucht. Die hat man vor allem als Kind nicht unbedingt. Meine Teenager-Töchter erschienen wohl zu alt für Rallye-Bogen, der eigens für die Ausstellung entwickelt wurde und von dem ich erst später im Internet erfahren habe. Familien mit jüngeren Kindern wird er bei der Orientierung helfen. Ansonsten gilt in dieser Ausstellung: Möglichst viel gemeinsam mit den Kindern anschauen und als Erwachsener immer wieder einmal auf Querverbindungen und Hintergründe aufmerksam machen. Es lohnt sich!