Früher, als das Reisen auf andere Kontinente noch ein großes Abenteuer war, sammelten europäische Adlige erstaunlichen Dinge aus fernen Ländern und stellten sie zusammen mit heimischen Raritäten in Wunderkammern aus. Eine Wunderkammer, die ganz so aufgebaut ist wie die damaligen, gibt es heute im me Collectors Room in der Berliner Auguststraße zu sehen. Mein Tipp: Beim nächsten Berlin-Besuch die Kinder nehmen und mit die magischen und exotischen Räume der Wunderkammer Olbricht durchwandern – staunend.

Unendliche Welten in der Wunderkammer Olbricht

Exotica Wunderkammer Olbricht

Vom präparierten Igelfisch bis zur Amazone mit Cigarillo: Hauptsache exotisch

Schwer zu entscheiden, worüber man an diesem Ort mehr staunen soll: über die ausgestellten Artefakte und Naturalien oder über die eigenwillige Atmosphäre, die durch die Versammlung unterschiedlichster Gegenstände aus fremden Ländern und vergangenen Zeiten entsteht. Im Grunde sind es nur zwei Räume und zwei Gänge im ersten Stock des me Collectors Room, aus dem die Wunderkammer des Kunstsammlers Thomas Olbricht besteht, aber die Welt, die sich hier hinter den Vitrinen entfaltet, ist unendlich.

Kostbarkeiten und Kuriositäten

Chamber of Secrets in Berlin Mitte

Historisches Krokodil-Präparat im Treppenaufgang der Wunderkammer Olbricht

Emu-Ei, Nashornspitze, Schildkrötenpanzer: Im Barock mochte man Kostbares aus exotischen Materialien

Für Kinder gibt’s in der Wunderkammer Olbricht viel Augen- und Phantasiefutter. Das beginnt schon im Treppenhaus mit dem ersten Blick nach oben: Dort hängt ein präpariertes Nilkrokodil in ganzer Länge an der Decke. Am anderen Ende der Ausstellung steht das, was man in früheren Jahrhunderten als Horn des Einhorns ansah: der mannshohe in sich gedrehte Stoßzahn eines Narwals. Dazwischen finden sich natur- und menschengemachte Kuriositäten und Kostbarkeiten aller Art: religiöse Devotionalien, Kunsthandwerksgegenstände aus exotischen Materialien wie Koralle oder Elfenbein sowie weitere präparierte Tiere. Und außerdem und eine Menge Sachen zum Gruseln.

Die Wunderkammer und der Tod

Der Tod als Sammelobjekt

Totenschädel, anatomische Modelle mit geöffneten Körpern, Dosen in Sargform und „Tödchen“ – Statuetten, die den Tod darstellen: Die Berliner Wunderkammer zeigt eine Menge Morbides. Schädel und Todessymbole waren in der Bildsprache des Barock allgegenwärtig – als Vanitas-Motive, die den Menschen an seine Sterblichkeit und an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern sollten. Ein in der Berliner Wunderkammer ausgestellter Vitrinenschrank aus dem 17. Jahrhundert, dessen Türen mit Totenkopf-Intarsien geschmückt sind und der eine stattliche Sammlung von 30 kleinen Schädeln präsentiert, wirft allerdings die Frage auf, ob hier nicht aus dem Vanitas-Motiv genau das gemacht wurde, wovor es eigentlich warnen wollte: eine passionierte Ansammlung irdischer Güter.

Anatomische Lehrmodelle für angehende Ärzte

In ihrer Ausstrahlung unterscheiden sich diese Objekte mit religiösem Hintergrund nicht besonders stark von verschiedenen anatomischen Lehrmodellen aus dem 17. Jahrhundert: zierlichen Elfenbeinminiaturen menschlicher Körper, zu Wissenschaftszwecken geöffnet und teilweise zerlegt, dennoch pietätvoll auf einen kleinen Sarg gebettet. Wo auch immer man hinschaut in der Wunderkammer: Die Grenzen zwischen Religion und Naturwissenschaft scheinen fließend – was sie denn für das voraufklärerische Weltbild, dem die historischen Wunderkammern entstammen, auch waren.

Als die Vermessung der Welt noch ein Abenteuer war

Die historischen Vorläufer von Google Maps

Kinder interessiert das nicht, sie haben mehr Spaß an den einzelnen Stücken dieses überraschenden Kuriositätenkabinetts. Unwillkürlich bekommen aber auch sie eine Idee von einer Zeit, in der die Welt riesig und voller Geheimnisse war, in der man der Andersartigkeit fremder Kulturen mit tiefer Verwunderung gegenüber stand – einer Zeit, die Äonen von der Ära der Billigflieger und des World Wide Web entfernt war. Und in der Wunderkammern nicht in hippen Straßen voller schicker Galerien lagen, die nicht halb so cool wären, wenn sie nicht durch Akzente typisch berlinerischen urbanen Verfalls ihre subversive Note erhielten.

Das Kunsthaus Tacheles am Ende der Auguststraße

INFO Wunderkammer Berlin:

Die Wunderkammer Olbricht ist fester Bestandteil des me Collectors Room Berlin, der von der Stiftung Olbricht in der Auguststraße in Berlin-Mitte betrieben wird und in dem ansonsten wechselnde Ausstellungen zur Gegenwartskunst zu sehen sind. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Samstag von 12.00 bis 18.00 Uhr. Der Eintritt beträgt 7 Euro für das ganze Museum; Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt. Der me Collectors Room ist von den U- und S-Bahn-Haltestellten Oranienburger Straße, Oranienburger Tor, Rosenthaler Plath und Hackescher Markt zu Fuß in jeweils knapp zehn Minuten zu erreichen.