Was Hannover angeht, war ich bislang eine Ignorantin. Nachdem ich kürzlich zum ersten Mal da war, kann ich allerdings zweierlei sagen. Erstens: Da will ich nochmal hin. Zweitens: Wir müssen mit der Familie ins Sprengel-Museum und dort gemeinsam in die einzigartigen Kunst-Räume eintauchen.

Der Merzbau von Kurt Schwitters

KurtSchwittersKurt Schwitters: Merzbau, 1923-36; rekonstruiert1969 (siehe auch Bild oben)

Dada lebt. Und man kann Dada sogar betreten: in Hannovers Sprengel Museum. Dort öffnet sich hinter einem schmalen Durchgang ein Raum, wie es ihn nirgendwo sonst gibt: der Merzbau des Dada-Protagonisten Kurt Schwitters. In den zwanziger und dreißiger Jahren hatte Schwitters sein Atelier in Hannover in eine eigenwillige Höhle voller exzentrischer geometrischer Strukturen, Winkel, Durchblicke und überraschender Details umkonstruiert: nicht groß, aber unerschöpflich für das Auge, das sich in diesem Raum Orientierung verschaffen will. Orientierung ist hier kaum möglich, und damit ist Schwitters‘ Raum dadaistisch im reinsten Sinne – auch, wenn er sich ein wenig anfühlt wie die Kulisse eines expressionistischen Films. 1943 zerstörte eine Bombe den Merzbau; im Sprengel Museum wurde er nach alten Fotos rekonstruiert. Er macht Spaß, ist unterhaltsam, ein bisschen verrückt – und zugleich ein Kunstwerk, das man erkundet, indem man sich bewegt: ideal für Kinder.

Das Kabinett der Abstrakten von El Lissitzky

ElLissitzkyEl Lissitzky: Kabinett der Abstrakten, ursprünglich 1927, neu errichtet 1969

In Hannover war man den künstlerischen Avantgarden gegenüber sehr aufgeschlossen. 1927 beauftragte das dortige Provinzialmuseum den russischen Konstruktivisten El Lissitzky, ein „Kabinett der Abstrakten“ einzurichten. Es entstand ein kleines Gesamtkunstwerk: ein begehbares Schaukabinett, das komplett mit Werken zeitgenössischer Künstler und Designer ausgestattet war. Fünf Minuten in diesem Raum reichen aus, um eine plastische Idee von den Visionen der künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts zu bekommen.

Der gekippte Raum von Daniel Spoerri

SpoerriDaniel Spoerri: Gekippter Raum, um 1960, vom Künstler nachempfunden 2007

Ein Kunstraum mit Spaßfaktor ist Daniel Spoerris „Gekippter Raum“, mit dem der Dadaist Schwitters bestimmt sympathisiert hätte. Eine Zimmereinrichtung ist hier um 90 Grad gekippt; was normalerweise am Boden stünde, ragt von der Wand in den Raum hinein, dafür liegen die Bilder am Boden. Betreten kann man das Zimmer nicht, aber von zwei Seiten hineinschauen in diese verkehrte Welt, für deren Einrichtung Spoerri Arbeiten bekannter moderner Künstler nachgebaut hat.

Die Wahrnehmungszelle von James Turrell

JamesTurrellJames Turrell, Wahrnehmungszelle „Kopfsprung“, 1991

Spektakulär und interaktiv wird es am Ende des Museumsrundgangs: James Turrell hat 1992 vier Installationen geschaffen, in denen Besucher das Phänomen Licht auf unterschiedliche Weise erfahren können. Schließt man die Tür der kleinen, telefonzellengroßen Lichtkabine namens „Kopfsprung“, dann findet man sich in farbiges Licht getaucht, das von einer Kuppel ausgeht. Dank einem kleinen Dashbord kann man sowohl den Farbton als auch ein seltsam dröhnendes Geräusch regulieren, das die Kabine zunächst durchdringt. Was sich dabei ereignet, sind intensive sinnliche Erfahrungen in einer Reinform, die man selten erlebt – und sie selbst zu steuern, ist erstens klasse, zweitens wird man sich plötzlich der Wirkung bestimmter Farben und Geräusche bewusst.

TurrellHannoverDetail der Lichtkuppel aus James Turrells „Kopfsprung“

Zugabe: Die Grotte von Niki de Saint-Phalle in den Herrenhäuser Gärten

SaintPhalleNiki de Saint Phalle: Spiegelraum der Grotte in den Herrenhäuser Gärten, 2001-03

Hannover trumpft nicht nur mit einer beachtlichen Zahl künstlerischer Rauminstallationen, sondern auch mit einer besonderen Beziehung zu der 2002 verstorbenen französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle, die vor allem für ihre üppigen bunten „Nanas“ berühmt ist. 1999 begann Niki de Saint Phalle mit den Entwurfsarbeiten für eine Grotte in den Herrenhäuser Gärten, Hannovers großer Gartenanlage. Im dortigen Barockgarten hat sie ein kleines Zauberreich geschaffen – voller spiegelnder Facetten, bunter Figuren und symbolreicher Ornamente.

NikideSaintPhalleBlauer Raum „Nacht und Kosmos“ in der Gartengrotte von Niki de Saint Phalle

Vor märchenhaftem Funkeln haben sich die poppigen Skulpturen der Künstlerin ab; unvermittelt stellt sich in der Grotte ein Gefühl der Weltentrücktheit ein. Passt zu der barocken Gartenanlage rund um die Grotte herum. Und wäre ein echtes Highlight für den Besuch mit Kindern. Nächstes Mal!

SaintPhalleHannover„Spiritualität“: der Eingangsbereich der Grotte von Niki de Saint Phalle

Ohne diesen Beitrag auf dem Blog family4travel wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, die Herrenhäuser Gärten zu besichtigen –

und bei Tiny Traveler finden sich jede Menge gute Hannover-Tips für Familien