Reiseblogger planen ihre Reisen gern akribisch. Familienreiseblogger tun dies manchmal sehr zum Leidwesen ihrer Kinder. Diesmal, in Verona, gehen wir die Sache anders an. Wir wollen uns ein bisschen treiben lassen, leckere Dinge essen und uns nur mal kurz den Balkon von Julia anschauen. Ergebnis dieses minimalen Kulturprogramms: eine Art absurdes Theater. Verona ist trotzdem toll. Und hat auch schöne Balkone.

Verona ist an Balkonen nicht arm

Verona Piazza delle Erbe

An der Piazza delle Erbe

Zum Glück entdecken wir gleich bei unserem ersten Streifzug durch Verona idyllische Balkone. Zum Beispiel an der Piazza delle Erbe, einem der zentralen Plätze der Stadt, auf der täglich Markt ist.

Verona, Italia: Piazza delle Erbe, Madonna

Balkone und Madonna. Noch einmal die Piazza delle Erbe

Und auch dahinter, in den schmalen Gassen, in denen man sich in Verona immer wieder ein bisschen verirren sollte, denn dafür ist die Stadt wie gemacht: Sobald man um eine Ecke geht, entdeckt man ein neues Stück italienischer Bilderbuch-Idylle mit pittoresken Balkonen.

Balconies of Verona

Schön hier – ganz ohne Romeo und Julia

Keiner dieser Balkone steht unter dem Verdacht, eine Rolle in Romeo und Julia gespielt zu haben, obwohl Shakespeare diese berühmteste aller Liebestragödien in Verona angesiedelt hat – und einen Veroneser Balkon zum zentralen architektonischen Element der Story macht.

Hier hätten Sie Julias Balkon sehen können – oder das, was als Julias Balkon gilt

Casa di Giulietta, Verona

Leider ist der Balkon zum Zeitpunkt unseres Besuchs wegen Restaurierung unsichtbar

Erfreulicherweise ist die – zum UNESCO-Welterbe ernannte – Altstadt Veronas so verwinkelt, dass man erst kurz vor dem Toreingang realisiert: Hier ist es. Das hier ist die Casa di Giulietta, wegen der Menschen aus aller Welt nach Verona kommen. Ein gotisches Haus mit einem dicht bevölkerten Innenhof und einem herrlichen Balkon. Eigentlich ist der Balkon gar kein richtiger Balkon, sondern ein aus dem 17. Jahrhundert stammender Sarkophag, den man an diese Wand appliziert hat, um die Besucher mit einem Romeo-und-Julia-Balkon zu beglücken. Das ehemals als Gasthof dienende Gebäude wurde 1905 von der Stadt Verona gekauft: Es schien sich so wunderbar als Romeo-und-Julia-Gedenkstätte zu einigen, da die ursprüngliche Eigentümerfamilie Dal Capello hieß, was so ähnlich wie Capulet klingt: der Familienname Julias.

Juliet's House, Verona

Sieht ein bisschen aus wie bei Jackson Pollock: die Wände des Innenhofs in der Casa di Giulietta

Uns bleibt bei unserem Aufenthalt in Julias Innenhof sogar der Blick auf den ehemaligen Sarkophag und heutigen Balkon verwehrt – der wird gerade restauriert und ist von einer Fotowand verhüllt. Trotzdem werden wir an diesem Ort mit Liebe konfrontiert, denn der Innenhof ist über und über mit romantischen Botschaften bemalt, beschmiert, beklebt. Unseren Kindern fallen vor allem die vielen beschrifteten Pflaster auf. Ob die alle für gebrochene Herzen sind? Außerdem finden sie die Sitte, der Julia-Skulptur unter dem Balkon an die Brust zu fassen, um dadurch Glück in der Liebe zu haben, total sexistisch.

Briefe an Julia

Verona: Briefkasten für Julia

Hier kann man einen Brief an Julia schreiben – oder Souvenirs kaufen. Oder beides

Man kann in die Casa die Giulietta hineingehen und sich dort Romeo-und-Julia-Filmrequisiten ansehen. Man kann auch einen Brief an Julia schreiben und in den eigens dafür vorgesehenen Briefkasten werfen. Die Chancen auf eine Antwort stehen gut: Hierfür gibt es in Verona einen eigenen „Club di Giulietta“, dessen Angehörige die an Julia adressierten Briefe ehrenamtlich beantworten – übrigens nicht nur, wenn man sie vor Ort in Julias Briefkasten wirft, sondern auch, wenn man einfach nur an Julia in Verona, Italien, schreibt. Das ist viel romantischer als dieser brutal unromantische Innenhof.

Balkonförmige Sehenswürdigkeiten

Arena di Verona

Die Arena von Verona. Beim nächsten Mal gehen wir hinein – mit Oper oder ohne

Trotz unserer familiären Immunität gegenüber dem emotionalen Gewicht dieses Ortes scheinen uns nach seinem Besuch sämtliche Sehenswürdigkeiten Veronas irgendwie balkonförmig. Zum Beispiel die große Arena, das große römische Amphitheater, in dem im Sommer die weltberühmten Opernfestspiele stattfinden: Ist sie nicht einfach ein Ensemble aus vielen Balkonen?

Verona

Höchst italienisch: Blick auf Verona vom Torre Dei Lamberti (siehe auch ganz oben)

Oder der mittelalterliche Torre Dei Lamberti, von dessen balkonartiger Plattform wir einen wunderbaren Blick über Verona und das absolut postkartenmäßige Umland haben. Leider wird in sehr vielen Sprachen vor lautem halbstündlichem Glockenläuten gewarnt, was die Töchter, traumatisiert durch das heimische Ulmer Münster, auf keinen Fall miterleben möchten. Ob sich die fünf Euro Eintritt pro Kind lohnen, wage ich zu bezweifeln, als die Schwestern nach hastigem Rundum-Blick wieder den Fahrstuhl zum Grund besteigen. Immerhin lassen ihre knappen Kommentare eindeutig darauf schließen, dass sie das spezielle Flair dieser höchst italienischen Stadtlandschaft wahrnehmen.

Verona Torre Dei Lamberti

Wer geduldig hinschaut, erkennt oben das Glocken-Auge

Belohnt wird in diesem Turm jedoch der Hartnäckige, und das bin in diesem Fall ich. Ich bleibe – und nutze meine acht Euro Erwachsenen-Eintrittspreis dabei voll aus -, bis ich endlich die legendäre Augen-Perspektive erhasche: Stellt man sich in einem bestimmten Winkel unter den nicht zugänglichen, aber offenen obersten Teil des Lamberti-Turms, dann erscheint das Zusammenspiel von Glocke und Wendeltreppe wie ein bewimpertes Auge. Eigentlich eine tolle Attraktion für Kinder. Meine geben sich am Boden mit den Beweisfotos zufrieden.