Im Winter 2014/15 hat das British Museum in London 600 Jahre deutscher Geschichte aufgerollt. „Germany: memories of a nation“ hieß die ambitionierte Ausstellung, die jetzt, nur leicht verändert, unter dem Titel „Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen an eine Nation“ bis zum 9. Januar 2017 im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft. Wir haben die Londoner Schau vor knapp zwei Jahren mit Kindern besucht – hier, aus aktuellem Anlass, ein Update unserer Erfahrungen.

Bemerkenswerte Personalie: Neil MacGregor

Als der damalige Direktor des British Museum Neil MacGregor die Londoner Ausstellung konzipierte, tat er das mit dem Ziel, dem Publikum ein Deutschlandbild zu vermitteln, das über die gängigen britischen Klischees hinausgeht. Die nämlich siedeln Deutschland immer noch gern zwischen Bratwurst und Blitzkrieg an. Mittlerweile hat MacGregor sich von seinem Posten als Museumsdirektor zur Ruhe gesetzt, ist aber seither zu einem von drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums in Berlin ernannt worden – und Deutschland damit noch einen Schritt näher gerückt.

MacGregor hatte 2010 schon die komplette Weltgeschichte zu seinem Thema gemacht. Für das großartige Buch „A History of the World in 100 Objects“ hat der Kunsthistoriker 100 Objekte aus den Beständen des British Museum ausgewählt, anhand derer er Kultur- und Menschheitsgeschichte erzählte.

Deutschland: eine Geschichte in kulturgeschichtlichen Artefakten

Genauso geht er mit Deutschland vor. Er zeigt kulturgeschichtliche Artefakte, die deutsche Geschichte veranschaulichen. Soviel wissen wir im Voraus. Selbst unsere Kinder zeigen Interesse an einer Ausstellung über ihr Land. Und nachdem wir am Vormittag auf dem Winter Wonderland im Hyde Park ein etwas irritierendes Beispiel englischer Germany-Stereotypen vorfinden, lechzen wir nach mehr Differenziertheit.

P1010437Deutschland als Jahrmarktsattraktion

Die Deutschland-Ausstellung beginnt mit Themen, die auf britische Animositäten gegenüber dem einstigen Kriegsgegner sofort entwaffnend wirken dürften: Kaum hat man die Schau betreten, geht es um die Hanse; danach folgt eine Sektion mit der Überschrift „German no more“. Geschickte Schachzüge von den Kuratoren: Zunächst wird das Thema Handel beleuchtet, das für die Briten eine positive Konnotation hat, danach geht es um die vielen Orte und Regionen, die einmal deutsch waren, die heute aber kaum jemand mehr mit Deutschland assoziiert: deutliches Indiz dafür, dass wir auch verlieren können und keine Ambitionen mehr hegen, uns den Rest der Welt unter den Nagel zu reißen.

Mit Kindern durch die Ausstellung

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Für unsere Töchter wird es erst mit Dürers „Rhinocerus“ interessant. Das hat der Künstler 1515 auf einem Holzschnitt verewigt, ohne jemals ein echtes Nashorn gesehen zu haben – allein auf Basis von Beschreibungen.

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Auch Tischbeins „Goethe in der Campagna“ mit den zwei linken Dichterfüßen gehört zu den deutschen Kulturgütern, die unseren Kindern vertraut sind und die sie mit einer gewissen Genugtuung im British Museum antreffen. Eine Gutenberg-Bibel, eine Bauhaus-Wiege: gleichermaßen interessant für die vielen deutschen Besucher und für die englischen.

Deutschland im 20. Jahrhundert

Das, was danach in der Sektion über die Epoche der beiden Weltkriege gezeigt wird, ist den meisten erwachsenen Deutschen bekannt. Unseren Kindern allerdings geht es wie wohl den meisten Briten: Sie bekommen einiges zu sehen, was sie so noch nicht kennen. Das Tor zum Konzentrationslager Buchenwald, das hier nachempfunden ist, macht sie mit seiner Aufschrift „Jedem das Seine“ sprachlos. In der Vitrine daneben steht ein Ausschneidebogen mit Hitler und seinen Soldaten. Eine erschreckende Form des Spielvergnügens. Und an der Wand Celans Gedichtzeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

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Außerdem sehen wir einen bedrückend kleinen Handwagen, mit dem Kriegsflüchtlinge ihr Hab und Gut transportiert haben, ein kleines Szenenmodell für „Mutter Courage“ und eine Trümmerfrauen-Büste von Max Lachnit. Zwischen den beiden letzteren Exponaten ist eine Pestmaske aus dem Dreißigjährigen Krieg ausgestellt. Der Zusammenhang – Kriegsgräuel hier, Kriegsgräuel dort – mutet etwas sprunghaft an, aber die Maske ist auch nicht uninteressant.

Deutschland in vielen Facetten

Technologie ist eines der Schlüsselthemen der Ausstellung; der VW-Käfer, in der großen Eingangshalle des Museums zu sehen, ihr visuelles Aushängeschild. Weiterhin geht es um Kunst, Mentalität, historische Fakten – alles sehr facettenreich, eher assoziativ als mit dem Anspruch auf historische Vollständigkeit nebeneinandergestellt.

Für die deutsche Version der Ausstellung musste man einige der in London ursprünglich gezeigten Stücke aus konservatorischen Gründen auswechseln; das Ausstellungskonzept jedoch ist dasselbe. Immerhin bleibt den Besuchern im Martin-Gropius-Bau der Souvenirshop erspart, der im British Museum bei uns für Ernüchterung sorgte. Gerade als wir uns von Herzen über die differenzierte und konzentrierte Schau freuten, mussten wir beim Verlassen einen Shop durchqueren, der hemmungslos alle Deutschland-Klischees abfeierte, gegen die die Ausstellung eigentlich anarbeitete.

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Buchtipp

Wer es nicht nach Berlin schafft oder das Thema eines zeitgemäßen britischen Blicks auf Deutschland vertiefen möchte, dem sei Neil MacGregors großartiges Buch DEUTSCHLAND – ERINNERUNGEN EINER NATION, erschienen im C.H.Beck Verlag, von Herzen ans Herz gelegt.