Die Staatsgalerie zeigt Giorgio de Chirico: Grund für einen Ausflug nach Stuttgart, denn die Bilder des Italieners bekommt man nur selten zu sehen. Im Schlepptau: drei Halbwüchsige, die am Ende der Ausstellung klare surrealistische Präferenzen haben.

050bGiorgio de Chirico: Die Rückkehr des Dichters, 1914

Dieses Leuchten, dieses hyperreale De-Chirico-Leuchten aus einer von scharfen dunklen Schatten gezeichneten Leere: magisch. Beim ersten Schritt in die Stuttgarter Ausstellung Giorgio di Chirico – Magie der Moderne“ strahlt es uns von dem Gemälde „Die Rückkehr des Dichters“ an, und für mich persönlich hat sich die Fahrt nach Stuttgart schon jetzt gelohnt.

027bGiorgio de Chirico: Die Pläne eines jungen Mädchens, 1915

Daneben hängt das Bild „Die Pläne eines jungen Mädchens“, doch das junge Mädchen, das neben mir steht, fühlt sich definitiv überhaupt nicht angesprochen: Meine 14-jährige Tochter stört sich am überdimensionierten Handschuh und braucht eine Weile, bis sie den als „metaphysisch“ bezeichneten Szenerien de Chiricos etwas abgewinnen kann. „Metaphysisch“, weil die Bilder neben der körperlichen Realität des Settings eine Meta-Wirklichkeit voller Rätsel zeigen.

Besonders augenfällig wird das auf dem Star-Exponat der Ausstellung, dem Bild „Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik)“ von 1916 (Bild ganz oben). Es befindet sich im Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie, die de Chirico zum hundertsten Geburtstag eben dieses Gemäldes die aktuelle Ausstellung ausrichtet. Deren Konzeption rankt sich denn auch um das „Metaphysische Interieur“. Das Bild entstand während der fruchtbarsten Schaffensphase des 1888 geborenen Künstlers, der sich in den Jahren zwischen 1915 und 1918 in Ferrara aufhielt und dort die ungemein einflussreiche „pittura metafisica“, „metaphysische Malerei“, entwickelte. Die Stuttgarter Schau konzentriert sich auf diese Periode und zeigt nicht nur, was de Chirico schuf, sondern auch, wie andere Künstler sich von seiner Bildsprache inspirieren ließen.

Magritte_MaritbRené Magritte: So ist der Mensch, 1931                      (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das ist nicht nur kunstgeschichtlich sehr erhellend, sondern auch gut für unseren Museumsausflug mit drei Mädchen zwischen elf und 14 Jahren. Sie bleiben vor Magrittes surrealer Staffelei-Fenster-Illusion „So ist der Mensch“ stehen und reden nach dem Ausstellungsbesuch vor allem von diesem Bild. Die beiden anwesenden Mütter wundert das kein bisschen. Mich macht es eher glücklich: Die Zeiten sind zwar höchst digital und virtuell geworden, aber Magrittes Teenager-Magie verfängt offenbar immer noch. Eine Magritte-Schau war die erste Kunstausstellung, die ich zu Schulzeiten ohne Begleitung Erwachsener besuchte. Eine Freundin von mir verbrachte als Teenie viele Stunden ihrer Freizeit damit, Magritte-Bilder minutiös abzumalen. Wieso eigentlich beißen Jugendliche ausgerechnet bei Magritte an? Mich hat damals zum einen natürlich die ständige Irreführung der visuellen Logik fasziniert, aber genauso wichtig war die geheimnisvolle Atmosphäre der Magritte-Bilder, die gerne etwas Mysteriös-Romantisches verströmen. Das war sehr schön für mein Teenie-Ich, das sowohl seine Seelenlandschaft als auch seine Zimmerwände mit Magritte-Motiven auskleidete.

037bGiorgio de Chirico: Der Wiedergänger, 1917/18

De Chiricos geisterhafte Schneiderpuppen, die antiken Architekturelemente seiner Bilder, ihre beklemmende Leere und bedrückende Statik hatten nicht das Zeug zu dem Soul Food, das ich in dem Alter suchte – allerdings habe ich sie mit fasziniertem Befremden auf Buchseiten angeschaut. In etwa so, wie die drei Mädchen, mit denen wir unterwegs sind, sie jetzt in der Stuttgarter Ausstellung anschauen: als Fenster in eine Meta-Welt von seltsamer Fremdheit in südlichem Licht.

040bGiorgio di Chirico: Hermetische Melancholie, 1918/19

INFO:
Die Ausstellung „Giorgio di Chirico – Magie der Moderne“ läuft noch bis zum 3. Juli 2016 in der Staatsgalerie Stuttgart, die vom Stuttgarter Hauptbahnhof in zehn bis 15 Minuten zu Fuß zu erreichen ist.

Herzlichen Dank an die Staatsgalerie Stuttgart für die freundliche Fotoerlaubnis!

Die Rechte für sämtliche Bilder von Giorgio di Chirico liegen bei der VG Bild-Kunst