Speke Hall: ein fast 500 Jahre altes Herrenhaus in einem Vorort von Liverpool, das heute als Spielplatz, Picknickgelände und Ausflugsort für Engländer aller Generationen dient. Zwischen den kleinen und großen Briten wir – voller Bewunderung für Bauwerke, Gartenanlagen, Umgangsformen und Rituale, die uns in Deutschland fehlen.

Im Irrgarten

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The Maze: das gepflanzte Labyrinth von Speke Hall

Kaum sind wir da, haben wir uns auch schon wieder verloren: zwischen Hecken und fröhlichen britischen Kindern im Heckenlabyrinth des Herrenhauses Speke Hall. Das eine oder andere gepflanzte Labyrinth findet sich auch in Deutschlands Gärten, aber selten wird es so intensiv zum Herumrennen und Spaßhaben genutzt wie hier. „Excuse me“, sagen winzige Kinder höflich, wenn sie uns um die Beine rennen; am Rande des Irrgartens machen es sich die Familien an Picknicktischen gemütlich: Gibt es eine entkrampftere Art, kulturelles Erbe zu nutzen?

Zwischen Zwiebeln, Salatblättern und wollenen Vögeln

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Stilvolles Umfeld für Zwiebeln: viktorianisches Gewächshaus

Bevor das herrschaftliche Hauptgebäude so richtig ins Blickfeld rückt, zieht es uns durch den Eingang des ummauerten Küchengartens. Stilvoller als hier haben wir Kohl selten wachsen sehen; die Gärtnerin mit ihrer Schubkarre lässt mich an ein idyllisches Film-Setting denken, während das große Kind das Gefühl hat, gleich müsse Peter Rabbit zwischen den Salatblättern hervorspringen.

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Käferhotel im Gemüsegarten

Außerdem sitzen gestrickte Wollvögel auf den Ästen der Obstbäume: Resultate eines Kreativprojekts zu Ehren des großen englischen Designpioniers William Morris, der in Speke Hall viele Spuren hinterlassen hat.

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Das „Woollen Woods“-Projekt greift William-Morris-Muster auf

Tudor-Fachwerk mit begrüntem Burggraben

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Speke Hall von seiner großartigen Rückseite

Schließlich steht es da, und es könnte schöner nicht sein: Speke Hall, eines der großen Tudor-Häuser, gebaut im 16. Jahrhundert als repräsentatives Herrenhaus. Mit Fachwerk, wie wir es trotz unserer Herkunft aus Deutschland noch nie gesehen haben; herrliche Muster in Schwarz-Weiß wechseln sich auf den Wänden und Giebeln ab.

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Englischer Rasen mit praktischem Nutzen

Der Postkartenblick taucht hinter einem erstklassig gepflegten, höchst grünen englischen Rasen auf, der von Kindern und ihren Eltern zum Herumtoben genutzt wird.

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Früher Burggraben, heute ein gemütlicher Graswall

Nicht anders als der ehemalige Burggraben, dessen Vertiefung sich noch immer um Speke Hall zieht, wenngleich man ihn in der viktorianischen Zeit trockengelegt und mit Gras ausgekleidet hat. Sehr bequem zum Sitzen, allerdings fände unsere Fünfzehnjährige einen Graben an dieser Stelle romantischer.

Wir lieben den National Trust

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Billard in ehrwürdiger Umgebung

Eine ältere Dame, die uns schon beim Betreten des Grundstücks mit „Welcome to Speke Hall“ begrüßt, dann in jedem Raum des Gebäudes eine Kollegin oder ein Kollege von ihr, der uns in Gespräche verwickelt, uns in diverse Geheimnisse des Hauses einweiht, uns am historischen Billardtisch unterweist – und uns fragt, woher wir kommen und was wir in der Gegend vorhaben: Seit unseren ersten England-Reisen lieben wir Eltern den National Trust, der sich um die Erhaltung historischer Gebäude und Gärten kümmert und dem auch Speke Hall gehört. Viele Freiwillige sind für die Organisation tätig, und sie bemühen sich mit Hingabe um die kulturellen Schätze Großbritanniens.

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Innenhof mit Lauschgelegenheit

Nie hätten wir ohne die Dame im Innenhof erfahren, dass über einem der Fenster zum Hof ein Loch konstruiert wurde, um während der Zeit der elisabethanischen Religionskämpfe rechtzeitig möglicherweise eindringende Protestanten zu bemerken – denn Speke Hall war katholisch, hier fanden Priester Zuflucht, die man bei Gefahr rechtzeitig in einem gruselig engen „priest hole“ verschwinden ließ, um sie zu schützen.

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Im Grunde genommen ist man nie zu alt für ein Quiz

Das Quiz, das man unseren Kindern hier in die Hand drückt, ist keine spezifische Errungenschaft des National Trust; solche Fragebögen sind in englischen Kultureinrichtungen üblich. Und obwohl unsere Töchter sich eigentlich ein bisschen zu alt dafür fühlen, haben sie ihren Spaß beim Rätseln.

Old England

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Ein bisschen 16. Jahrhundert, ein bisschen 19. Jahrhundert

Der Stilmix, der das Innere von Speke Hall prägt, interessiert kein Kind, dafür aber mich: Das ursprüngliche Tudor-Ambiente wurde im 19. Jahrhundert mit Kreationen der Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris modernisiert, unter denen besonders die Tapeten mit den typischen Morris-Mustern ins Auge fallen.

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Perfekter Mix aus Tudor und Arts and Crafts

Die Mischung stimmt, was vielleicht nicht allzu verwunderlich ist, da sich Morris und seine Künstlerfreunde durchs Mittelalter inspirieren ließen – und zu diesem Zweck manchmal sogar nach Speke Hall kamen.

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Die italienische Decke von 1612 stand Pate für berühmte William-Morris-Designs

Dort fanden sie unter anderem eine herrliche ornamentale Stuckdecke vor, von deren Mustern sich die Brücke zu manchen berühmten Morris-Entwürfen ganz leicht ziehen lässt.

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Das Bett ist alt, die Wiege mehrere Jahrhunderte jünger – der Gesamteindruck stimmt

In solche Details kann man sich mit seinen Kindern vertiefen, wenn man scharf darauf ist, aber es ist nicht unbedingt erfolgversprechend und auch nicht nötig, denn letztlich geht es bei einem Familienbesuch in Speke Hall um die Gesamtwirkung des Hauses, und die ist so sehr „Old England“, dass wir von Zimmer zu Zimmer wie durch eine geheimnisvolle und behagliche Welt gehen, die der Wendung „My home is my castle“ Leben einhaucht.

Bei den Dienstboten im Untergeschoss

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Wenn oben geklingelt wird, läuten unten bei den Bediensteten die Glocken

Die Dienerschaft hatte in englischen Herrenhäusern einiges zu tun, und Küche, Kammer sowie Bediensteten-Essräume gehören zum Interessantesten, was der Besuch eines Stately Home für Kinder zu bieten hat: Egal, ob sie „Downton Abbey“ gesehen haben oder nicht, hier können sie sich hineinfühlen in das Leben einer kleinen Armee von Dienstboten, die aus dem Untergeschoss heraus einen großen Herrensitz mit seinen Bewohnern und Gästen versorgen musste. Das war harte Arbeit und aufwendige Organisation.

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Arbeitsplätze für häusliche Bedienstete

Unsere Töchter sind von dem Speke-Hall-Besuch genauso verhext wie wir; ich würde ihn unter die Top Ten der familiären Kulturerlebnisse ranken. Einerseits unternehmen wir eine Zeitreise in ein altes England, auf der uns freundliche Menschen unaufdringlich mit ihrem Wissen begleiten; andererseits machen wir die Erfahrung, dass Orte, die für uns aussehen wie aus einem Historienfilm, in Großbritannien bis heute mit Leben gefüllt sein können.

INFO

Speke Hall ist nahe beim John Lennon Airport im Süden Liverpools gelegen; etwa 13,5 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Mit dem Auto ist es wunderbar zu erreichen; Parkplätze gibt es, wie üblich beim National Trust, in Hülle und Fülle. Schwieriger ist es, wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Wir sind vom zentralen Liverpooler Bahnhof Lime Street Station mit dem Nahverkehrszug zur South Parkway Station gefahren und dann mit dem Taxi bis Speke Hall. Das scheint mir die günstigste Variante zu sein.
Ein Familienticket für Speke Hall kostet 24,53 GBP; will man nur den Garten samt Labyrinth, Café und Picnic Areas, nicht aber das Haus besuchen, geht das für 15,86 GBP.
Die Öffnungszeiten können saisonal variieren; aktuelle Auskunft gibt immer die Website.