Wir waren in einer anderen Welt. Keine hundert Kilometer entfernt von der Ecke in Süddeutschland, in der wir wohnen, aber völlig losgelöst.

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In Meßkirch in Oberschwaben wird seit dem letzten Sommer an einer Mittelalter-Baustelle gearbeitet: dem Campus Galli. Ein niemals realisierter, großer historischer Plan soll hier Wirklichkeit werden: der St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert. Die Klosteranlage soll nicht nur die Form annehmen, die man ihr vor 1200 Jahren zugedacht hat, sondern sie wird auch mit den technischen und handwerklichen Möglichkeiten des frühen Mittelalters erbaut.

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Das heißt: Bevor gebaut wird, müssen Werkzeuge hergestellt werden. Auf dem verwunschenen Rundweg durch das Waldstück der Baustelle stößt man zunächst nur auf kleine hölzerne Bauhütten. Aus den minimalen Eisenvorkommen in den örtlichen Steinen macht der Schmied Nägel und Messer. Wenn man die Arbeitsstunden errechnet, die in einen schlichten Eisennagel einfließen, wird einem schwindlig. Der Schreiner arbeitet an den Holzstücken der Werkzeuge; der Seiler stellt Seile her, die man für alles braucht: vom Zusammenbinden der Besen bis zum Befestigen der Ochsenkarren, denn auf einer Baustelle ohne Motoren sind Ochsen unverzichtbar.

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Und Schafe. Noch ist Wolle das erste Textilmaterial, das man auf dem Campus Galli selbst gewinnt. Sie wird mit Handspindeln gesponnen: Das Spinnrad war vor 1200 Jahren noch nicht erfunden. Danach wird gewebt. Das erste Wolltuch, das auf dem Campus Galli entsteht, ist für den Vatikan bestimmt. Ein Wolltuch, dessen Wert man staunend bewundert, wenn man sieht, wie es hergestellt wird. Hier erlebt man das exakte Gegenteil von Primark und bengalischen Sweatshops. Und man begreift, dass Kleidung eigentlich etwas anderes ist als Wegwerf-T-Shirts für fünf Euro.

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Wie man Textilien färbt, wusste man im frühen Mittelalter bereits, und auch das tut man auf dem Campus Galli. Färberkamille wächst reichlich auf den Wiesen am Waldrand, in der Hütte der Schönfärberinnen wird sie getrocknet und zusammen mit anderen Färbepflanzen vom eigenen Beet verarbeitet. Aus noch nicht vor Ort hergestellten Leintüchern stellen Näherinnen die Gewänder der Bauleute des Campus her, denn die sind gekleidet wie ihre mittelalterlichen Vorgänger. Die unbequemen Holzschuhe erfüllen sogar die Ansprüche an moderne Sicherheitsschuhe, die auch auf der Mittelalter-Baustelle gesetzlich vorgeschrieben sind – genauso wie Feuerlöscher.

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Wer sind die Leute, die hier arbeiten? Großteils fest angestellte ausgebildete Handwerker, außerdem Freiwillige und einige Saisonkräfte. Allesamt Leute, die mit Passion und Hingabe bei der Sache sind und die Arbeit mit historischem Tiefgang zu schätzen wissen. Andernfalls würde man es wohl als Fron empfinden, Materialien per Körperkraft von einem Ort an den anderen zu tragen oder Fundamente mit der Hand zu graben und zu verputzen. Wie die neu entstandenen Fundamente für die Holzkirche, die augenblicklich am Ort der geplanten großen Klosterkirche entsteht. Bis die zusammen mit allen anderen Klosterbauten fertig ist, rechnet man momentan 40 Jahre.

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Bis dahin kann man die Baustelle noch oft besuchen, und man darf auch selbst etwas tun. Für Kinder werden viele Aktivitäten angeboten. Im Augenblick können sie bei der Errichtung eines Gartenhauses mitarbeiten. Das runde Holzgerüst steht, jetzt müssen die Wände befestigt werden: Weidenruten werden durch Holzstreben gewunden, danach wird das Geflecht verputzt. Und zwar mit Lehm, der mit den Füßen gemischt und mit den Händen aufgetragen wird.

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Am Ende eines arbeitsreichen Tages auf dem Campus Galli waren zwei Schulklassen mit denkbar unterschiedlichen Persönlichkeiten sowie vier erwachsene Begleiterinnen glücklich. Was wir hier erlebt hatten, ging weit über alles Museale hinaus. Wenn die überstrapazierte Vokabel „Zeitreise“ irgendwo passt, dann hier.

Und übrigens: Der Campus Galli erfüllt die kulinarischen Anforderungen an ein klassisches Ausflugsziel aufs beste. Mit Dennete, der schwäbischen Version des Flammkuchens. Aus Lehmöfen.

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