Anlässlich von Erwin Wurms „One Minute Sculptures“ ruft das Städel-Museum zu einer Blogparade zum Thema „Körper, Kleidung und Kunst“ auf. Also, was das angeht, haben wir schon einiges erlebt! 

Vor ein paar Wochen hat meine zwölfjährige Tochter in den Gängen der Art Basel einen Blick auf Eva & Adele (auf dem Foto oben; danke an Eva & Adele für die Erlaubnis, das Foto zu veröffentlichen!) erhascht. Als ihr erklärt wurde, dass es sich hier nicht um zwei exzentrische Messebesucherinnen handelte, sondern dass die beiden ein Kunstwerk sind (Motto: „Wo wir sind, ist Museum“), begannen meine zwei Töchter zu grübeln.

Wieso sind die Damen ein Kunstwerk? Ab wann ist man ein Kunstwerk? Wären meine Töchter, wenn sie sich selber besonders schrill anziehen würden, auch ein Kunstwerk? Was würden sie dafür brauchen? Würden ein paar wilde Accessoires à la Eva & Adele reichen oder müssten sie ihr Aussehen komplett verfremden, wie es die beiden Künstlerinnen tun? Aber auch, wenn sie das täten: Würde man sie für ein Kunstwerk halten? Solange man Kind ist, hat man es schwer, mit dieser Methode zum Kunstwerk zu werden. Man würde in der Regel als verkleidetes Kind wahrgenommen, und zwar ohne irgendwen besonders zu überraschen; Verkleiden gehört schließlich zum Kinderleben dazu.

Liberty

Auch als Erwachsener ist der Erfolg nicht garantiert. Es ist wie bei Marcel Duchamps Pissoir und den unzähligen Ready-Mades in seiner Nachfolge: Es kommt darauf an, ob eine Sache als Kunstwerk wahrgenommen wird. Gelingt es einem, zum Beispiel einen Gebrauchsgegenstand publikumswirksam als Kunst zu deklarieren, dann wird er mit anderen Augen betrachtet als im alltäglichen Leben. Um das mit seiner eigenen Persönlichkeit zu erreichen, muss man die Sache schon ziemlich geschickt und langfristig angehen und den artifiziellen Auftritt wie Eva & Adele über Jahre hin durchziehen.

Gilbert & GeorgeBild: (c) Gilbert & George

Aber es gibt ja auch Gilbert & George. Die ziehen sich manchmal sogar ganz normal an und sind trotzdem Kunstwerke. Sie posieren. Wie und wo sie das tun, ist entscheidend für ihre Kunst. Hier lässt sich eher mithalten. Wenn man sich mit einem gewissen Einfallsreichtum in Szene setzt und in Pose wirft, ist man dann ein Kunstwerk? Vielleicht für die Dauer von fünf Minuten oder auch nur für die Dauer eines Fotos?

032

Könnte hinhauen. Wer will schon so genau sagen, wo der Spaß aufhört und die Kunst beginnt? Auf jeden Fall braucht man, um so zum Kunstwerk zu werden, eine gute Dosis Verrücktheit und die passenden Kleider – zumindest, solange man nicht so berühmt ist, dass das Kunstwerk-Sein sowieso ein Selbstgänger ist.

Haar2

Das heißt: Manchmal kommt es nicht darauf an, was für Kleider man hat, sondern was man mit ihnen macht. Wie bei Erwin Wurm und den „One Minute Sculptures“. Zu zweit in einen Pulli, posieren, vielleicht noch ein Foto, und voilà: Kunstwerk vollendet. In dieser Disziplin ist man als Kind Experte. Strumpfhose über den Kopf? Kapuze vors Gesicht? Selbstverständlichkeiten! Sollte sowas bei Erwachsenen Kunst sein, weil sie sich schwerer über Konventionen hinwegsetzen, und bei Kindern nicht, weil Quatschmachen zu ihrem Alltag gehört? Das wäre ungerecht!

P1090084

Ziemlich überzeugend jedenfalls und auch ohne Verrücktheit kann man sich als Kunstwerk ausgeben, wenn man sich mit dem richtigen Outfit in eins hineinschleicht. Gehört die Rückansicht der Person im schwarz-weiß karierten Kleid in die Rauminstallation von Jan van der Ploeg, oder handelt es sich vielleicht einfach um die neunjährige Tochter?

TShirt 1Hervé Tullet war für Petit Bateau aktiv

Man kann Kunst natürlich auch tragen. Zum Beispiel auf T-Shirts. Aber darf man sich in dem Fall einbilden, Kunst zu sein? Weil das Kunstwerk auf dem Kleidungsstück erst dann so richtig wirkt, wenn man es trägt? Ist das künstlerisch bedruckte T-Shirt, wenn es nicht getragen wird, selbst das Kunstwerk? Oder spart man sich diese komplizierten Begrifflichkeiten lieber?

Wann ist ein Mann ein Mann, wann ist ein Kind ein Kind, wann ist ein Kleid ein Kleid, wann sind Kind und Kleid Kunstwerke? Und so weiter: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Aber macht nichts, wir experimentieren weiter.