„Letzte Chance für die wichtigste Ausstellung 2016“ titelt die Bild-Zeitung heute früh. Endlich mal eine Bild-Headline, die man unterschreiben kann. Denn ja: Die Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“ läuft nur noch bis zum 3. April im Deutschen Historischen Museum in Berlin, und ja: Wichtig ist sie in jeder Hinsicht. Ich bin froh, dass wir es noch kurz vor Schluss geschafft haben, mit den Kindern hinzugehen.

478b

Das Plakatmotiv der Ausstellung könnte symbolträchtiger nicht sein: Ein leuchtend gelber Schmetterling sitzt auf schwarzem Stacheldraht. Was als großes Transparent im und am Deutschen Historischen Museum hängt, ist ein Ausschnitt aus dem ursprünglich nur postkartengroßen Bild „Ein Frühling“, 1941 im Verborgenen gemalt von Karl Robert Bodek und Kurt Conrad Löw – unerlaubt und heimlich, wie alles, was hier zu sehen ist.

Hundert Bilder von insgesamt fünfzig Künstlern hat die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem dem Berliner Museum zur Verfügung gestellt: Bilder, die in Konzentrationslagern, Ghettos und Verstecken geschaffen wurden. Von Künstlern, die damit oft genug ihr Leben riskierten, die gelegentlich Essen gegen Malutensilien eintauschten und die ihre Bilder mit Hilfe Gleichgesinnter auf abenteuerlichen Wegen retteten.

Holocaust_Pressebilder_2_BreuerLeo Breuer: Pfad zwischen den Baracken, 1941 (c) Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Was sie zeigen, bewegt sich in dem Spannungsfeld, das das Plakatmotiv andeutet: Viele von ihnen stellen das alltägliche Grauen eines Lebens unter menschenverachtenden Bedingungen dar, eines Lebens hinter Stacheldraht unter ständiger Konfrontation mit dem Tod. Dann aber gibt es die Bilder, die sich in hellen Farben ein anderes Leben ausmalen: ein Leben, wie es vor dem Holocaust war oder wie es danach sein könnte. Das Mädchen Nelly Toll ist acht Jahre alt und lebt mit seiner Mutter in einem Versteck, als es eine Frau und ein Mädchen in bunten Kleidern auf einer saftig-grünen Wiese malt. Auf manchen Gemälden werden die Straßen eines Ghettos in helle Farben getaucht, manchmal schafft eine spirituelle Motivik einen Kontrast zum Schrecken. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Porträts: Bildnisse, die jüdische Künstler von anderen, oftmals mit ihnen gefangenen Juden gemalt haben, die sie damit ihrer politisch verordneten Rolle als namenlose Opfer entreißen, um sie in ihrer Individualität und Menschenwürde zu zeigen. Die Bilder dieser Ausstellung sind nicht nur in ihrer Thematik, sondern auch in ihrer Ausdruckskraft eindringlich; oftmals geschaffen von Künstlern, die sich in der Bildsprache der modernen Malerei bewegen. Ölbilder sind selten, Zeichnungen häufiger, denn Materialien waren rar. 24 der fünfzig gezeigten Künstler wurden von den Nationalsozialisten getötet.

Holocaust_Pressebilder_5_HaasLeo (Lev) Haas: Ankunft eines Transports, 1942 (c) Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Als ich erstmals von der Ausstellung hörte, wollte ich sie nicht nur selbst sehen, sondern ich wollte auch, dass meine Töchter sie anschauten. Mit elf und 14 sind sie nicht mehr klein, sie wissen einiges über die Geschichte des Nationalsozialismus, und das scheint mir eine geeignete Ausgangslage für den Ausstellungsbesuch zu sein – ansonsten würden die beklemmenden Motive ein Kind allzu kalt erwischen. Ich habe einige Jugendliche im Alter meiner Töchter gesehen, allerdings nur ein kleineres Mädchen, dessen Vater ihm mit viel Bedacht zu erklären schien, was es da zu sehen bekam. Das, denke ich, muss man unbedingt tun, wenn man ein Kind im Grundschulalter mitnimmt in „Kunst aus dem Holocaust“. Ich selbst habe während des Museumsbesuchs weitgehend geschwiegen und den erstklassigen Beschriftungen der einzelnen Bilder die Erklärungen überlassen. Für jedes Werk wird so ausführlich wie möglich geschildert, in welcher Lebenssituation sich der Künstler während seiner Entstehung befand, was genau dargestellt wird und wie das Bild gerettet wurde. Die Texte sind gut zugänglich, meine Töchter sind von hier nach da gegangen, haben geschaut, gelesen und genauso wenig gesprochen wie ihr Vater und ich. Ich gehe davon aus, dass sie nicht nur die Erschütterung durch die Motive der Bilder und die Umstände ihrer Entstehung mitnehmen, sondern auch das Staunen darüber, dass Menschen unter lebensbedrohlichen Umständen alles daransetzen, ihren Erfahrungen, Gefühlen und Erlebnissen Ausdruck zu verleihen.

Holocaust_Pressebilder_10_NussbaumFelix Nussbaum: Der Flüchtling, 1939        (c) Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

INFO:
Noch bis zum 3. April 2016 ist die Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin-Mitte zu sehen.

Bild ganz oben: Nelly Toll: Mädchen im Feld, 1943. (c) Collection of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem