Barcelona kann einen glücklich machen – egal, wie alt man ist. Hier die Gründe, aus denen unsere Familie – Mutter, Vater, zwei Töchter von zum Reisezeitpunkt zehn und 13 Jahren – wiederkommen wollen. Unbedingt. So bald wie möglich.

1. JA, SIE IST WIRKLICH SO GROSSARTIG: IN DIE SAGRADA FAMILIA

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Na klar, die Sagrada Familia. Die große Kirche von Antoni Gaudí, im Bau befindlich seit 1883. Sie ist so sehr Sehenswürdigkeit Nr.1 von Barcelona, dass man schon fast wieder versucht ist, sie zu schwänzen: voll, rummelig, teuer. Stimmt alles, aber noch mehr stimmt, dass sich jeder Cent lohnt. Und theoretisch auch jede Minute in der Warteschlange – die man allerdings leicht umgehen kann, wenn man seine Tickets vorher online bucht. Wir reservieren sie am Vorabend und tragen sie dann auf dem Handy bei uns.

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Schon mit dem Äußeren von Gaudís über und über dekorierter Kirche könnte man Stunden verbringen. Unsere Kinder freuen sich an der Weihnachtsszene über dem Eingang mit seinem Blättergewächs mit Käfern, Schnecken und Schmetterlingen.

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Aber wenn man hineingeht, dann passiert es. Die Welt ist plötzlich eine andere. Die Menschenmengen um einen herum nimmt man kaum wahr, denn der Blick wird nach oben gezogen. In den ungeheuren metaphysischen Dschungel aus sich verjüngenden und aufeinander zustrebenden Pfeilern. Sie scheinen zugleich die Stiele von Blüten zu sein, deren gezackte Blätter sich wie ein Baldachin über den Raum legen und aus jedem Blickwinkel neue Motive bilden – ein Kaleidoskop aus Sternen und Blumen.

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Wer seine Kinder für Architektur begeistern will und nach Barcelona kommt, sollte hier anfangen. Überall gibt es etwas zu entdecken, mit jedem Blick eröffnet sich eine Fülle zauberhafter Details, die durch die Natur inspiriert sind und sich einem Kind mühelos erschließen.

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Aber das ist nur die eine Seite der Faszination dieses Baus. Die andere ist der Raum, der einen sofort in seinen Bann zieht, und der gleichzeitig so komplex ist, dass er mit jedem Schritt, den man in der Kirche zurücklegt, eine andere Gestalt annimmt. Die Sagrada Familia übt ihre spirituelle Wirkung auch dann aus, wenn man inmitten der Massen in ihr herumläuft.

2. DURCH BARCELONETA ZUM STRAND

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„Da nimmt man einfach mal die U-Bahn und fährt  zum Strand“, sagt mein älteres Kind und findet das ziemlich cool. Was es auch ist. Welche Metropole bietet schon Hochkultur, City Life und dann noch echtes Strandleben?

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In Barcelona gibt es mehrere Stadtstrände. Der Innenstadt am nächsten ist der Strand von Barceloneta, einer Halbinsel, die südlich der Altstadt ins Meer ragt. Hier sieht Barcelona auf einmal ganz anders aus als an den großen Boulevards; hier ist die Stadt plötzlich ein Fischerdorf, das nach Meer riecht und auf das die Bewohner so stolz sind, dass sie an ihren Balkonen die Flagge von Barceloneta hissen.

3. FUSSBALL EINATMEN

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Nein, wir waren bei keinem Spiel. Und trotz fußballbegeisterten Familienvaters haben wir auf den Besuch des Barça-Stadions und -Museums verzichtet: unverschämt teuer, fand er. Aber egal: Fußball liegt in Barcelona in der Luft. Hängt in Form von Trikots an den Fenstern der Zeitschriftenkioske und an den Oberkörpern der Männer. Und das nicht nur, wenn ein Spiel ist.

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Aber wenn ein Spiel ist, dann brodelt die Stadt. Am Tag nach unserer Ankunft steht das spanische Pokalfinale an: der FC Barcelona gegen Athletic Bilbao; die katalanischen gegen die baskischen Separatisten. Das Rot-Weiß von Bilbao dominiert den ganzen Tag das Straßenbild: Die Basken schieben sich in kleinen und größeren Gruppen durch die Straßen, singen ihre Lieder und schwenken die Schals, trinken und werden trotzdem kein bisschen prollig. Die Straßen des Altstadtviertels Barri Gòtic sind nicht mal zu betreten: verstopft von rot-weißen Trikots und Baskenmützen. Die verlieren das Match zwar schließlich, tragen aber trotzdem dazu bei, dass man nach Abpfiff in der Innenstadt kaum schlafen kann.

4. MITTAGESSEN IM MERCAT DE LA BOQUERIA

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Der überdachte Lebensmittelmarkt an den unteren Ramblas gehört nicht nur zu Barcelonas touristischen Musts, sondern er ist auch bestens geeignet für ein budgetschonendes Mittagessen auf die Hand.

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Unsere Empfehlung: Empanadas – mit Gemüse, Käse oder Fleisch gefüllte Teigtaschen – und ein paar gemixte Fruchtsäfte zum unschlagbaren Preis von 1,50 Euro pro Becher.

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Teurer wird’s beim Nachtisch, der aber gleichzeitig höchst attraktiv ist.

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Erste Variante: Beim Eingang des Markts ein Marzipanfigürchen kaufen.

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Zweite Variante: Den Markt verlassen, einige Meter auf den Ramblas nach Süden gehen und beim Traditions-Chocolatier Escribà vorbeischauen. Was wörtlich zu nehmen ist: Auch ohne Hunger auf Süßes lohnt es sich, das mosaikverkleidete Äußere und die spektakulären Schokoladenkreationen im Inneren anzuschauen.

5. AUF DEN BERG UND IN DIE FUNDACIÓ MIRÓ

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Joan Miró ist in Barcelona geboren, und seine Werke überblicken die Stadt (siehe Bild ganz oben): Auf dem Montjuïc, dem Hausberg Barcelonas, liegt die Fundació Miró – ein weißer Bau zwischen südlichen Gärten.

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Natürlich ist Miró ein Künstler, dessen Werke man sich gern mit Kindern anschaut. Bunte Motive, viele mit Gesichtern, oft in einem Duktus gemalt, der an Kinderzeichnungen erinnert – da können auch Kleine sehr gut andocken. Die Fundació Miró schafft es allerdings, selbst Erwachsenen, die sich von der omnipräsenten Miró-Optik übersättigt glaubten, wieder eine Möglichkeit zum Andocken zu bieten.

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Denn Miró präsentiert sich in diesem Museum zwar bunt wie eh und je, aber gleichzeitig viel komplexer, als man gemeinhin im Sinn hat. Geschickt werden hier seine sehr unterschiedlichen Schaffensperioden präsentiert; auch dunkle, aggressive Töne kommen zum Vorschein und rücken die Fröhlichkeit anderer Werke in den richtigen Kontext.

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Während die Erwachsenen Miró mit Substanz bekommen. bewegen sich die Kinder zwischen Ausstellungsräumen, Innenhöfen, Dachterrassen und können ziemlich frei entdecken, was ihnen gefällt.

6. BUNTES SHOPPEN

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Die Modemarke Desigual hat ihre Heimatstadt fest im Griff. Boutiquen überall, wo eingekauft wird. Touristinnen paradieren in ihren frisch erworbenen Desigual-Shirts, Einheimische tragen die bunten Kreise, Spiralen, Blüten mit selbstverständlicher Lässigkeit. Die Mode passt zur Stadt – besser als zu Disneys Eiskönigin, aber auch die prangt in diesem Jahr zwischen roten Rädern.

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Für die passenden Schuhe muss man ins Barri Gótic zu Kokua: ins Traumreich aller Schuhliebhaberinnen mit Füßen ab Größe 35. Kokua hat ein paar Geschäfte in der Altstadt von Barcelona und sonst nirgendwo in der Welt. In jedem Laden stehen Aberhunderte flacher Ballerinas in sämtlichen Farb- und Lederkombinationen, die sich denken lassen.

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Wer nicht herkommt, ist selbst schuld, und wer hier nichts findet, dem ist nicht zu helfen.

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Wir jedenfalls verfallen in den Flow, kaufen „Handmade in Barcelona“ für die beiden älteren weiblichen Familienmitglieder und versprechen dem jüngeren, dass wir wiederkommen werden.

6. EIN BISSCHEN ALTSTADT ANSEHEN UND GÄNSE BESUCHEN

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Ein Kreuzgang, dessen inneres Geviert aussieht wie ein tropischer Garten.

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In dem zu allem Überfluss Gänse leben – zu Ehren der Heiligen Eulàlia, die ihre Schutzpatronin ist. 13 Gänse, eine für jedes Lebensjahr der jungen Märtyrerin.

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Wir geraten eher zufällig in den Kreuzgang der gotischen Kathedrale La Seu und dann auch in die Kirche selbst – eine großartige Kirche, in der uns die Vergangenheit stärker anweht als in den Gassen des umliegenden Barri Gòtic, der etwas abgeliebten Altstadt Barcelonas.

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Weniger voll und ebenso idyllisch ist es im östlich angrenzenden Viertel El Born, wo junge Kunsthandwerker für ein trendiges Flair sorgen. Womit El Born ein idealer Kandidat für sich steigerndes Touristenaufkommen und Gentrification ist – eine Entwicklung, von der ein Transparent kündet, auf dem Anwohner um Ruhe bitten, um schlafen zu können.

8. DURCH EIXAMPLE – UND NOCHMAL ZU GAUDÍ

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Normalerweise machen Kinder keine Bemerkungen über die Schönheit einer Stadt. Zumindest haben meine Kinder solche Bemerkungen nie gemacht. Bis sie nach Eixample kamen, in das architektonische Herz Barcelonas. In Eixample sind die Straßen in einem klaren Gitterschema angelegt, und die Häuser wirken weitgehend wie aus einem Guss. Was mit der Geschichte des Viertels zu tun hat: Die Innenstadt wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu eng, und also plante man ein Eixample, so das katalanische Wort für „Erweiterung“.

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Die Architekten schufen einen urbanen Traum mit schmiedeeisernen Balkonen, verglasten Erkern und floralen Ornamenten.

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Unter ihnen waren auch die Meister des Modernisme, der katalanischen Variante des Jugendstils – allen voran Gaudí. Seine Casa Batlló mit ihrer schimmernden Fassade und ihren vielen Anklängen an Drachenformen gehört zu den spektakulärsten Bauten dieser Zeit.

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Schon an unserem ersten Abend kommen wir an diesem Haus vorbei, dessen Wände sich in Knochen- und Schädelformen aufzulösen scheinen. Es ist unser Einstieg in die Barcelona-Ästhetik; unser Ferienappartement liegt um die Ecke. Ein paar Tage später gehen wir hinein. Auch hier ist es voll, natürlich, aber auch diesen Besuch möchten wir nicht missen.

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Wir sehen organische Formen, Drachenhaut-Strukturen, blaue Kacheln.

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Gänge wie aus Rippenbögen.

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Ein Fest fürs Auge und für die Phantasie. Aber den Betreibern dieses Museums-Hauses reicht das nicht. Sie bieten den Besuchern ihren Audio-Guide mit „Augmented Reality“ nicht nur an, sondern drängen ihn ihnen förmlich auf. Mit dem Ergebnis, dass man in den Gängen des Hauses lauter Menschen mit Kopfhörern sieht, die auf kleine Bildschirme starren. Dort sehen sie Wände und andere Baudetails lebendig werden – damit man begreift, wie sich Gaudí von Drachen, Pilzen, Knochen hat inspirieren lassen. Außerdem zeigen die Bildschirme die Räume, in denen man gerade steht, mit ihrer ehemaligen Einrichtung. Das ist sehr ambitioniert, aber wir finden es übertrieben. Dieses Haus ist auch in der un-augmented Reality spektakulär genug. Und wenn uns entgeht, dass die geschuppten Gebilde auf dem Dachgarten etwas mit einem Drachenrücken zu tun haben – was macht’s?

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WARUM DER PARK GÜELL HIER FEHLT

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Ausgerechnet mit dem von Gaudí angelegten Park Güell und seinen märchenhaften, mosaikbesetzten Drachen, Pavillons, verschlungenen Bänken, ausgerechnet mit dieser Zauberwelt für Kinder und Kulturinteressierte kommen wir nicht recht klar. Vielleicht liegt es an den vielen Menschen, die außer uns da sind; vielleicht daran, dass wir den Parkbesuch zusammen mit der Sagrada Familia in einen Nachmittag quetschen. Dabei fängt alles ganz gut an, nachdem wir durch einen Seiteneingang in einer Art Arizona mit gelbsandigen Hügeln und Kakteen landen. Und auch Gaudís höhlenartige Viadukte machen uns noch Spaß. Aber dann sehen wir Menschenschlangen, die mitten im Park auf irgendetwas zu warten scheinen. Wir fragen. Die Leute wollten in die „Monumental Area“, sagt man uns: in den Bereich, in dem man Gaudís hübsche Mosaikskulpturen und -architekturen findet. Für den braucht man Eintrittskarten, und wenn wir eine kaufen würden, würde es noch Stunden bis zum Einlass dauern. Für uns in diesem Moment einfach too much. Resultat: Wir kippen den Park Güell und fügen damit unserer Geschichte von Reiseattraktionen, die wir nicht besucht haben, ein neues Kapitel hinzu. Aber vielleicht gehen wir ja irgendwann mal hin. Denn Barcelona mit Kindern möchten wir gerne wiederholen.