Das alltägliche Multikulti, in dem die Kinder in unserer mobilen und globalisierten Welt aufwachsen, ist eine großartige Sache. Anonyme Flecken auf der Landkarte verwandeln sich in bunte, spannende Lebenswelten, sobald man Freunde hat, die aus diesen Gegenden stammen. Das ist in unserem Fall zum Nährboden für eine profunde Reiselust geworden.

Besser als Reiseführer: Freunde aus anderen Ländern

Gestopfte Wissenslücken

Für mich selbst begann die Länderkunde dank Freundschaften mit einem Fisch. Er hing über dem Küchentisch in der Studentenwohnung meiner rumäniendeutschen Freundin, und man musste genau hinschauen, um ihn als Fisch zu erkennen. Aber wenn man es einmal geschafft hat, wird man den Umriss von Rumänien auf jeder Landkarte als Fisch sehen. Seit jenem Abend in der Küche meiner Freundin habe ich eine Vorstellung davon, wo in dem mir zuvor beschämend unbekannten Rumänien die Hauptstadt und die Regionen liegen, aus denen meine rumäniendeutschen Bekannten stammen. Und seit diesem Abend möchte ich unbedingt mal hin.

Eine rundere Welt

Freunde, die aus anderen Ländern kommen, haben im Laufe der Jahre eine große Rolle für das Reiseverhalten unserer Familie gespielt. Sie haben dafür gesorgt, dass aus interessant klingenden Reiseführerdestinationen und unbekannten Flecken auf der Landkarte plastische Lebenswelten voller eigenwilliger Eigenschaften wurden, die wir spannender und spannender fanden, je mehr wir davon hörten. Und das betrifft nicht zuletzt unsere Kinder.

Finnland: Faszinosum im Kindergartenalter

066bEinmal wie ein echtes Sami-Kind aussehen

Kulturelle Aufgeschlossenheit mit drei Jahren

Wenn zwei Schwestern über einen Zeitraum von zusammengerechnet sieben Kindergartenjahren eine finnische Erzieherin haben, dann besteht die Möglichkeit, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Einschulung nicht nur auf Finnisch bis zehn zählen können, sondern auch wissen, wie man sich bei der zufälligen Begegnung mit einem Bären verhält, wie der aktuelle Forschungsstand zum Thema Nordlichter aussieht und mit welchen Reimen das finnische Kindergartenfrühstück eingeleitet wird. Wenn die jüngere Schwester in ihrem letzten Kindergartenjahr zum Fasching auch noch die echt lappländische Sami-Kindertracht von der Erzieherin geliehen bekommt, dann ist der Boden maximal bereitet für eine Reise.

Finnische Vokabeln

Unser kleines Kind war sechs, unser großes zehn, als wir einen Sommerurlaub in Helsinki und an der finnischen Südküste verbrachten. Das Feeling war von Anfang an komplett anders als bei früheren Reisen, bei denen die Eltern ein Ziel festgelegt und es den Kindern schmackhaft zu machen versucht hatten. Finnland war nicht irgendein Land, sondern es war ein Ort, der seit Jahren eine immer plastischere Form in ihren Köpfen annahm, ein mit unzähligen positiven Assoziationen angefüllter Kosmos, hinter dem das Bild einer vertrauten Person stand, die alles Finnische verkörperte. Und die ihnen im Vorfeld sogar privaten Finnischunterricht gegeben hatte! Selten haben unsere Töchter eine Reise so wach erlebt wie die nach Finnland.

IMG_1945bEis; Papa und Mama; ich komme aus Deutschland: kindgerechter Finnischunterricht

„Wir wollen nach Korea!“

Familiärer Korea-Virus

Bis sie dann selbst eins draufsetzten. Ich muss wohl annehmen, dass wir ohne unsere Kinder bis heute nicht in Asien gewesen wären. Beziehungsweise ohne meine koreanische Freundin und ihre halb koreanische, halb deutsche Tochter. Das Mädchen hat ein sehr enges Verhältnis zu meinen beiden Töchtern, und während der vielen Stunden, die unsere Kids über die Jahre bei der Familie verbrachten, wurden sie nachhaltig mit dem Korea-Virus infiziert. Die Mutter zeigte ihnen koreanische Kalligraphie und die koreanische Form der Teezeremonie. Sie steckte sie in traditionelle Festtags-Hanboks (Foto ganz oben) und ließ sie immer wieder die leckersten koreanischen Dinge probieren, während es im Kinderzimmer verrückte bunte Produkte mit Gesichtern zu bewundern gab.

Nach Asien!

Meine große Tochter erklärte uns, wir sollten uns das Geld für sämtliche in den nächsten Jahren geplanten Reisen sparen und dafür nach Korea fliegen. Der Wunsch war bei beiden Schwestern so groß, dass wir ihn bei einer der Reisen, die wir uns nach Ansicht der älteren hätten sparen sollen, als unlauteres Druckmittel einsetzten: Zeigt, dass ihr euch im Hotel benehmen könnt, sonst können wir nicht nach Korea! – Klassischer Fall einer idiotischen erzieherischen Drohung, die man am Ende doch nicht wahr macht: Die Töchter benahmen sich nur mäßig, wir buchten trotzdem Flüge nach Seoul. Natürlich nicht nur, weil unsere Kinder hinwollten. Sondern, weil unsere koreanische Freundin auch uns angefixt hatte mit ihrem Heimatland, von dem ich zuvor – Schande über mich! – nur vage gewusst hatte, wo auf dem Atlas es zu finden war. Jetzt jedoch war Korea Freundesland, in unseren Köpfen ausgestattet mit vielen spannenden Geschichten. Die sechs Tage, die wir schließlich in Seoul verbrachten, waren für uns alle so bereichernd, wie es manche dreiwöchigen Reisen nicht sind – nicht zuletzt wegen des koreanischen Familienanschlusses vor Ort.

P1010040bAlgen: in Deutschland kennengelernt, in Seoul frei von Berührungsängsten genossen

Multikulti und Mobilität

Wenn die Freundin wegzieht

Nicht immer zeitigt die internationale Mobilität unserer Tage so erfreuliche Erlebnisse. Wenn die beste Freundin ins Ausland zieht, wie es geschah, als unsere große Tochter im Vorschulalter war, dann ist das traurig, daran lässt sich nichts schönreden. Doch obwohl sie immer noch vermisst wird: Immerhin waren meine Kinder seither mehrfach in Flandern, haben eine Vorstellung vom Leben dort und verfolgen den flämischen Teenie-Alltag mittlerweile über die Instagram-Accounts ihrer Freundinnen. Und sie kennen ein Mädchen, das in ein 16-zügiges belgisches Gymnasium geht! Solche Erfahrungen machen die Welt größer und runder – und das ganz ohne lehrreiche Kulturvermittlung von Seiten der Eltern.

Leuven 029bGut zu wissen, wie das Wasser auf einem belgischen Schulhof schmeckt

Ins Blaue geplant

Wir werden sehen, wie es weitergeht. Die ungarische Freundin meiner jüngeren Tochter plant einen Budapest-Mädelstrip für die Abizeit. Das ist noch eine Weile hin. In Chile wartet, so haben wir gehört, ein älterer Herr darauf, dass seine Enkelin von Deutschland aus nach der Schule auf einer Weltreise mit einer Freundin bei ihm vorbeikommt. Sie hat schonmal vage Pläne mit unserer großen Tochter geschmiedet. Und dann ist da noch unser altes Rumänien-Projekt. Bis das alles irgendwann oder niemals Realität wird, freuen wir uns darüber, dass auch ein Familientrip nach Polen dank einer polnischen Klassenkameradin mit großer Aufgeschlossenheit angegangen wird. Und nichts gegen Whatsapp: Es ist nett, Sätze wie „Ich bin jetzt in deinem Land“ zu posten.

Die Mehrzahl unserer reiseinspirierenden Freunde haben wir dank unserer Kinder kennengelernt. Dass sie selbst in einer kleinen schwäbischen Großstadt mit so viel horizonterweiterndem Multikulti großwerden, finde ich fantastisch.